Drei Kinder auf dem Weg zur Schule.
Acht Prozent der sächsischen Schulkinder brechen die Schule ohne Abschluss ab Bildrechte: Colourbox.de

Gemeinsames Lernen Warum in Sachsen der Ruf nach Gemeinschaftsschulen immer lauter wird

In Sachsen gibt es nur wenige verschiedene Schulformen. Das führt nicht nur zur sozialen Trennung. Mediziner haben mittlerweile festgestellt, dass Gymnasiasten über bessere Gesundheitswerte verfügen. Sachsen hat zudem bundesweit die höchste Schulabbrecherquote. Viele fordern mittlerweile längere gemeinsame Lernzeiten, beispielsweise durch Gemeinschaftsschulen, die in Sachsen bislang nicht gesetzlich zugelassen sind. Ist das ein Lösungsansatz?

von Volker Insel, MDR KULTUR

Drei Kinder auf dem Weg zur Schule.
Acht Prozent der sächsischen Schulkinder brechen die Schule ohne Abschluss ab Bildrechte: Colourbox.de

In Sachsen müssen sich Eltern nach der 4. Klasse entscheiden, ob ihr Kind zur Oberschule oder aufs Gymnasium gehen soll. Für viele Grundschulfreundschaften bedeutet dies auch eine Trennung der Kinder. Auch den gewohnten Schulrahmen müssen sie verlassen.

Spielerisch lernen gilt nicht als Wert, wenn Acht- oder Neunjährige schon das Wort Leistungsdruck kennen. Das Gymnasium gilt für viele Eltern als Garant für einen erfolgreichen Lebensweg. Und das bekommt der Nachwuchs zu spüren.

Der frühe Notendruck belastet jedoch nicht nur die Psyche der Kinder, auch viele Grundschullehrer hadern mit der für die Bildungsempfehlung nötigen Benotung. Und das bereits ab Klassenstufe zwei. So meint die Grundschullehrerin Ines Hartmann: "Das ist manchmal sehr schwierig, um motivierend zu bleiben und nicht die Gefühle der Kinder zu verletzen. Beziehungsweise demotivierend zu wirken oder den Kindern sogar Lernangst zu machen, weil sie die Ziele, die an sie gestellt sind, nicht schaffen. Es belastet Grundschullehrer sehr stark, diese Entscheidung treffen zu müssen: geht das Kind mal einen Oberschulenweg oder geht das Kind mal einen gymnasialen Weg."

Folgen für die Gesundheit

Wenn es der Nachwuchs nicht aufs Gymnasium schafft versuchen die, die es sich leisten können, die als "Restschule" empfundene Oberschule zu umgehen. Diese Entwicklung beobachtet auch die Erziehungswissenschaft. So hat der Erziehungswissenschaftler Prof. Wolfgang Melzer beobachtet: "Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Anzahl der Kinder in freien Schulen verdoppelt. Warum kehrt sich eine so hohe Anzahl vom staatlichen Bildungssystem ab? Weil es hierarchisch gegliedert ist, weil es eine Abstiegsmobilität gibt. Die Abstiegsmobilität ist dreimal so hoch wie die Möglichkeit, in diesem System aufzusteigen."

Mediziner kritisieren, das sächsische Schulsystem verstärke die soziale Trennung. Sogar eine robuste oder schlechte Gesundheit, wenn Kinder betuchter oder bildungsnaher Eltern unter sich bleiben und eher aufs Gymnasium gehen, Kinder aus ärmeren und bildungsfremden Haushalten jedoch meist die Oberschulen besuchen  

Wir haben in unserem großen LIFE Child Forschungsprojekt gefunden, dass Hauptschüler einen höheren Blutdruck haben als Gymnasiasten. Es geht noch weiter. Hauptschüler machen weniger Sport als Gymnasiasten. Gymnasiasten haben niedrigere Blutfettwerte.

Prof. Wieland Kiess, Erziehungswissenschaftler

Forderung von Gemeinschaftsschulen

Der Vater Tobias Peter will sich mit dem frühen schulischen Ein- und Aussortieren nicht abfinden und engagiert sich im Aktionsbündnis "Länger gemeinsam lernen". Aktuell sammeln sie Unterschriften für einen Volksantrag. Ihr Ziel ist nicht die Abschaffung von Oberschule und Gymnasium, sondern die Zulassung von Alternativen. Peter befürwortet eine Gesetzesänderung, damit es auch in Sachsen Gemeinschaftsschulen und somit ein längeres gemeinsames Lernen geben kann. Denn das Bundesland ist laut Peter eines der letzten, in dem dies noch nicht möglich ist.

Der Ruf nach Gemeinschaftsschulen ist in Sachsen nicht neu. Seit über 15 Jahren werden sie schon gefordert. Laut Befragung des EMNID-Institutes sprachen sich 66 Prozent, also zwei Drittel aller Sachsen für ein längeres gemeinsames Lernen der Kinder aus.

Letzter Platz für Sachsen

Doch die sächsische Staatsregierung will keine Gemeinschaftsschulen zulassen, obwohl diese in vielen Bundesländern, auch in Thüringen oder Sachsen-Anhalt, seit Jahren mit Erfolg arbeiten. Sachsen hält an vermeintlicher Elitenförderung und früher Trennung fest.

Christian Piwarz
Christian Piwarz (CDU), Kultusminister in Sachsen Bildrechte: dpa

So sagt der Sächsische Kultusminister Christian Piwarz: "Wir müssen erstmal festhalten, dass wir in Sachsen ein erfolgreiches Bildungssystem haben, über die letzten Jahre immer wieder vorn in den Vergleichsstudien, egal ob PISA oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Wir bekennen uns klar zum gegliederten Schulsystem und deswegen wollen wir lieber unsere ganze Kraft darin investieren, unser System voranzutreiben, weiterzubringen. Eine zusätzliche Schulart würde für Verunsicherung sorgen, würde eher Schwierigkeiten machen, als dass sie tatsächlich zu einer qualitativen Verbesserung führt."

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Wolfgang Melzer setzt entgegen, dass kein Bundesland mehr Schulabbrecher hat als Sachsen. Es sind Kinder, die einfach durchs Raster fallen.

Die letzte PISA-Studie ist fast zehn Jahre alt und der letzte Bildungsbericht der nationalen Bildungsberichterstattung 2018 (Sonderauswertung für Sachsen) hat ergeben: wir haben ungefähr acht Prozent der Kinder, die ohne Abschluss die sächsischen Schulen verlassen. Und hier sind fast alle anderen Bundesländer besser. Also im Ranking stehen wir ganz unten.

Prof. Wolfgang Melzer, Erziehungswissenschaftler

Doch es gibt auch in Sachsen Gegenbeispiele. Die Oberschule in Moritzburg hat gar keine Schulabbrecher. Sie nahm über zehn Jahre an einem Modellprojekt für Gemeinschaftsschulen teil, als eine von drei sächsischen Schulen. Der Modellversuch war höchst erfolgreich – für die Staatsregierung aber dennoch nicht relevant.

Moritzburg praktiziert weiter das Gemeinschaftsmodell, stärkere und schwächere Schüler lernen hier gemeinsam bis zur zehnten Klasse. Die meisten machen hinterher auch noch ein Abitur. Doch soziale Kompetenz, mit- und voneinander lernen stehen im Vordergrund. Heiko Vogel leitet die Oberschule in Moritzburg. Aus seinem Erfahrungsschatz merkt er an:

Jeder weiß, wenn die Kinder ganz klein sind und das erste Mal in Gruppen auf den Spielplatz oder in den Kindergarten gehen, dass sie dann unheimlich schnell von den anderen Kindern dazulernen. Und das ist letztlich genauso hier. Der, der jemand anders etwas erklärt, der kann es am Ende viel besser.

Heiko Vogel, Leiter der Oberschule in Moritzburg

Kinder in Gemeinschaftsschule könnten viele Jahre länger zusammen ihre eigenen, vor allem aber die gemeinsamen Stärken entdecken und nutzen. Es sind Kompetenzen, die Zukunftsforscher schon heute von den Absolventen unserer Schulen fordern. Es wäre also ein Zukunftsmodell.

Mein Wunsch wäre, dass es keine Begrenzungen mehr gäbe, sondern dass man von der ersten bis zur zwölften Klasse in der selben Schule ist.

Janek, Schüler einer sächsischen Grundschule

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 07. Februar 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 15:29 Uhr

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