Ausstellung Georg Forster und die Südseesammlung von Wörlitz

Ein seltener Schatz verbirgt sich seit Jahren im Gartenreich Dessau-Wörlitz - jetzt ist er öffentlich zu sehen, in der Ausstellung "Georg Forster - Der Welterkunder in Wörlitz". Schmuck und Skizzen von seinen Reisen mit James Cook in die Südsee gehören dazu. Außerdem erfährt man, warum Forster seiner Zeit weit voraus war.

von Reinhold Jaretzky, MDR KULTUR

Der Philosoph Immanuel Kant war überzeugt: Die "Rasse der Neger" sei "faul", "weichlich" und "tändelnd" und würde stinken. Gegen diese rassistische Äußerung des großen Aufklärers Kant, der Ort-Preußen nie verlassen hat, zog ein damals gerade 20 Jahre alter Mann öffentlich zu Felde: Georg Forster. Er war 1772 mit Captain Cook zu den Südseeinseln aufgebrochen und dort durch eigene Anschauung zu der Überzeugung gekommen, dass alle Menschen gleich sind. Nun ist eine Ausstellung zu Forster Reisen im Gartenreich Dessau-Wörlitz zu sehen - und ein minutiös recherchiertes Buch über sein Leben erschienen: "Der Welterkunder - Auf der Suche nach Georg Forster" von Frank Vorpahl.

Idol für Goethe, Herder und Humboldt

Als Forster 1774 die Osterinseln erreichte, sah er die Steinmonumente zunächst nur als dunkle Säulen vom Schiff her. Seit zwei Jahren ist Georg Forster mit Captain Cook auf Südseetour. Sogleich fängt er an, die kolossalen Statuen zu vermessen und zu erforschen. Inzwischen ist er vertraut mit polynesischer Kultur. Dafür wird er später von Goethe, Herder und Humboldt bewundert und umschwärmt. Schwindelerregend ist das wenig Bekannte, kurze Leben des Georg Forster. "Er ist als ganz junger Mann mit Captain Cook unterwegs, drei Jahre um die Welt. Dann Professor. Er setzt sich mit den Aufklärern in Deutschland auseinander. Dann die Revolution in Mainz. Da kommen drei Dinge zusammen: also Aufklärung Weltreisender und Revolutionär, die in knapp 40 Jahren kaum in einem anderen deutschen Leben so zusammenkommen“, erzählt Frank Vorpahl.

Der Journalist und Historiker beschäftigt sich seit 20 Jahren obsessiv mit Georg Forster. Er ist den Routen des Pioniers hinterhergereist, hat jede Notiz und jedes Mitbringsel aufgespürt, hat Schauplätze besichtigt und ungezählte Interviews geführt, hat das Damals mit dem Heute verglichen. Das Ergebnis ist ein opulentes illustriertes Forster-Buch, in dem sich historische und ethnologische Forschung mit sehr persönlichen Reiserlebnissen verbinden.

Historisches Bild von Eingeborenen in Tahiti
Historisches Bild von Eingeborenen in Tahiti. Bildrechte: IMAGO

"Was ich versuche, ist ja ein Vergleich: Was hat Forster vor 250 Jahren geschrieben und wie sieht es dort heute aus? Forster stellt die Frage: Bringen wir den Völkern der Südsee Glück?", so Vorpahl. "Und die Frage können wir heute, 250 Jahre später, eher beantworten. Die Menschen wären ohne die Entdeckung durch die Europäer glücklicher. Man sieht das an einem Ort, den Forster besucht hat: : die Tanna. [...] Dort leben die Menschen heute ohne Elektrizität immer noch und sind auf dem Happy Planet Index auf Platz eins. Also, Menschen ohne europäische Entdeckung sind glücklicher! Nur ist es das Schicksal aller Völker, dass sie irgendwann von Europäern entdeckt werden."

Beobachtungen Forsters: Menschen sind alle gleich

Mit Forsters über 200 Jahre altem Reisebericht im Gepäck studiert und vergleicht Vorpahl die verbliebenen, trotz Kolonialzeit erhaltenen Kulturtechniken: die Tänze, Tattoos und Taburegeln. Und er protokolliert die unter europäischem Einfluss entstandenen Verluste. Sein Kompass ist die Radikalität Forsters, dessen vorurteilsfreier Blick.

Das Besondere an Georg Forster ist, glaube ich, sein Blick auf den Fremden, auf das Andere. Und im Unterschied zu seinen Mitreisenden, die Matrosen auf Captain Cooks Schiff, die gedacht haben, das sind alles Wilde, Kannibalen, Barbaren, hat Forster sich die Leute genauer angeguckt und festgestellt: die sind uns sehr ähnlich.

Frank Vorpahl, Kurator und Autor

"Menschen, sagt er [Forster], sind eigentlich gleich", so Vorpahl. "Und in dieser Zeit, in der wir jetzt leben, wo es Auseinandersetzungen gibt um Immigration und Flüchtlingskrise, wenn man dem Anderen begegnet, merkt man, dass Neugier und Offenheit sehr gute Voraussetzungen sind." Der junge Forster, begleitet von seinem Vater, einem Pfarrer, legt mit seinen Beobachtungen und Reflexionen den Grundstein für das, was das Wesen des Menschen ist. Bis dahin kannte man vor allem dessen europäische Variante. Seine Aufzeichnungen "Reise um die Welt" machten ihn weltberühmt. Sie sind sowohl Forschungsbericht als auch Abenteuerreportage, voll mit Erlebnissen, die uns bis heute erstaunen.

"Forster beobachtet zum Beispiel, dass die Tahitianerinnen den Matrosen die Hemden aufknöpfen und zum Sex drängen. Und das widerspricht ganz unserem Klischee, aber tatsächlich konnten tahitianische Frauen in der Hierarchie aufsteigen, in den Adel nämlich, wenn sie besonders hellhäutige Kinder hatten. Also haben sie die ankommenden Briten dazu benutzt", erzählt Vorpahl. In seinem Buch geht er neben den gesellschaftlichen Beobachtungen Forsters auch auf dessen Leistungen im Bereich Biologie ein: Nahezu 500 handwerklich ausgereifte Naturzeichnungen dokumentieren eine üppige und inzwischen zum Teil schon verschwundene Tier und Pflanzenwelt.

Schätze aus einer anderen Welt in Dessau-Wörlitz

Fundstücke seiner Südsee-Expedition finden sich heute im Gartenreich Dessau-Wörlitz. Forster hatte sie dem befreundeten Fürst Franz überlassen. Es sind Schmuck- und Alltagsgegenstände, die nach vielen Stationen hier ein Zuhause gefunden haben. Ihnen ließ der Fürst gar einen eigenen Ausstellungsraum, den Südseepavillon, bauen. Lange Zeit waren diese 250 Jahre alten Originale unter Verschluss, jetzt wurden sie für die Georg-Forster-Dauerausstellung restauriert: Der Brustschmuck eines tahitischen Kriegers, ausgestattet mit Federn und Haifischzähnen.

All diese Dinge stammen aus der Südsee, als die noch nicht von Europäern beeinflusst war, das heißt, sie sind unkorrumpiert und ungestört. Das macht diese Ausstellung ganz einmalig.

Frank Vorpahl, Kurator und Autor

Die Wörlitzer Forster-Sammlung ist mehr als exotisches Bildungsgut für Europäer. Sie verweist auf die harmlosen Anfänge einer bedrückenden Kolonialgeschichte. Und sie bewahrt die seltenen Objekte jener vorkolonialen indigenen Kultur, die den Völkern des Pazifik verloren gegangen ist.

Angaben zu Buch und Ausstellung: BUCH:
Dr. Frank Vorpahl: "Der Welterkunder. Auf der Suche nach Georg Forster"
erschienen bei Galiani Berlin, gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten, 32 Euro

AUSSTELLUNG:
Ab 6. Mai 2018 | Forster in Wörlitz: Südsee-Romantik – Welterkundung – Aufklärung
"Eine Ausstellung zum sinnlichen Erleben: In den letzten Jahrzehnten wurden viele neue Erkenntnisse über die Fahrten Captain Cooks und die Erkundungen der Forsters in der Südsee gewonnen. In London und Sydney, Paris und St. Petersburg tauchten großartige, bislang unbekannte Südsee-Zeichnungen Georg Forsters auf. Als aufmerksamer Chronist vermerkte Forster in seinen Reiseaufzeichnungen selbst den Duft eines Landstrichs und hielt Musik und Gesänge der polynesischen Inseln in Notenform fest. Sinnliche Eindrücke, die in der Ausstellung reinszeniert werden und deren Erleben den Zugang zu den ethnologischen Exponaten erleichtern sollen."

Am 5. Mai 2019 wird mit die "Rückkehr ins Licht" die Rückkehr der gesamten Wörlitzer Südsee-Sammlung gefeiert – dann auf verdoppelter Ausstellungsfläche im Wörlitzer Schloss.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 03. Mai 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2018, 00:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR