Literaturklassiker Warum George Orwells "Farm der Tiere" für den Sozialismus wirbt

George Orwells Buch "Farm der Tiere", das vor 75 Jahren erschien, ist eine der bekanntesten Allegorien auf Oktoberrevolution und Stalindiktatur. In der DDR durfte es offiziell gar nicht existierten. Berühmt ist das Zitat "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher". Dabei wollte der Schriftsteller nicht etwa den Sozialismus an sich diskreditieren, die Menschen in der westlichen Welt sollten sich "ihre eigene sozialistische Bewegung" aufbauen – als Vorbild auch für die Menschen in Russland.

Ein gemalter Schweinekopf auf einem Demonstrationsschild.
Orwells "Farm der Tiere" ist noch immer aktuelle, hier hlaten Demonstranten gegen die Orban-Regierung ein Plakat dazu Bildrechte: imago images / EST&OST

George Orwell nimmt sein Buch "Animal Farm – Farm der Tiere" im November 1943 in Angriff. Die Beschreibung einer Tierrebellion, die in eine Schweinediktatur mündet, nennt er zwar ein Märchen, stellt aber klar: "natürlich sollte es vor allem eine Satire auf die russische Revolution sein. Es hat auch eine umfassendere Bedeutung, insofern ich zum Ausdruck bringen wollte, dass DIESE Art von Revolution (gewaltsame, konspirative Revolutionen, die von unbewusst machthungrigen Menschen angeführt werden) nur zu einem Austausch der Herrschenden führt."

Dies den Lesern zu veranschaulichen, ist indes nicht Orwells einzige Absicht. Er möchte, dass "die Leute ihre Illusionen verlieren und sich klarmachen, dass sie ihre eigene sozialistische Bewegung aufbauen müssen, ohne russische Einmischung." Die Existenz eines demokratischen Sozialismus in Westeuropa solle sich positiv auf Russland auswirken wünscht sich Orwell.

George Orwell
Der britische Schriftsteller George Orwell Bildrechte: dpa

Das Gras des Gartens war mit Fallobst übersät. Die Tiere hatten es als selbstverständlich angenommen, dass es zu gleichen Teilen unter ihnen aufgeteilt würde; eines Tages jedoch erging der Befehl, alles Fallobst sei einzusammeln und zur Verfügung der Schweine in die Geschirrkammer zu bringen.

Aus "Farm der Tiere" von George Orwell

Eigene Erfahrungen verarbeitet

Der britische Schriftsteller verarbeitet in der Parabel auf Oktoberrevolution und Stalindiktatur persönliche Erfahrungen. Orwell nimmt 1937 am spanischen Bürgerkrieg als Franco-Gegner teil, gehört allerdings Kampfverbänden an, die von kommunistischer Seite als "trotzkistisch", als konterrevolutionär eingestuft werden. Er erlebt in Spanien die sogenannten "Säuberungen" durch den sowjetischen Geheimdienst, gerät selbst in den Fokus von Ermittlungen.

Was ich in Spanien gesehen und seitdem von der inneren Funktion linker politischer Parteien erfahren habe, hat in mir tiefen Abscheu von der Politik erweckt.

George Orwell

George Orwell
George Orwell (im Hintergrund) 1936 in Barcelona beim Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco Bildrechte: imago/United Archives International

Selbstzensur bei Veröffentlichung

Orwell benötigt für "Farm der Tiere" nur ein paar Monate. Doch findet sich zunächst niemand, der das Buch veröffentlichen will. Mit mangelnder Qualität hat das nichts zu tun. Es liegt am Thema. Man will nicht, dass mit der Sowjetunion ein Alliierter Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg kritisiert wird.

Ein Mann und eune Frau halten ein Schild, auf dem ein Zitat aus dem Roman «Farm der Tiere» von George Orwell zu lesen ist: "All animals are equal. But some animals are more equal than others.".
Protest im Mai 2020 in London mit dem Orwell-Zitat: "All animals are equal. But some animals are more equal than others." gegen den Politiker Dominic Cummings. Bildrechte: dpa

"Diese Leute kämpften für uns und hatten uns gerade bei Stalingrad das Leben gerettet" erläutert der Verleger Victor Gollancz die Ablehnung des Buches. Ein anderer Verleger, Jonathan Cape, teilt Orwell mit: "Wäre die Fabel an die Adresse von Diktatoren und Diktaturen ganz allgemein gerichtet, dann ginge die Veröffentlichung in Ordnung, doch wie ich jetzt sehe, hält sich die Fabel so vollständig an die Entwicklung der Sowjetrussen, dass mit ihr nur Russland gemeint sein kann und die anderen Diktaturen aus dem Spiel sind." Diese Selbstzensur löst bei dem Schriftsteller Kopfschütteln aus.

Zirkushunde springen, wenn der Dresseur mit der Peitsche knallt, aber richtig gut dressiert ist derjenige Hund, der seinen Purzelbaum auch ohne Peitsche schlägt.

George Orwell

So muss Orwell bis August 1945 warten, ehe "Farm der Tiere" erscheint. Der aufkommende Kalte Krieg wird in diesem Fall zum Verbündeten des Autors.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. August 2020 | 06:40 Uhr