Blick über den Hofwiesenpark auf die Geraer Innenstadt.
Blick über den Hofwiesenpark auf die Geraer Innenstadt. Bildrechte: dpa

Unterwegs Wie "Fremdenführungen" in Gera Vorurteile abbauen sollen

In Gera werden unter dem Motto "Die Menschen zu den Fremden führen" Stadtführungen zur Geschichte und Gegenwart der Migration angeboten. Ziel ist nicht nur, zu informieren, sondern auch Ängste und Vorurteile abzubauen. Jeder einzelne Stadtrundgang ist einem speziellen Thema gewidmet, zum Beispiel den Spuren von DDR-Vertragsarbeitern oder den jüdischen Einwohnern und wie sie die Stadt geprägt haben. Unser MDR KULTUR-Reporter hat eine solche Stadtführung begleitet.

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR

Blick über den Hofwiesenpark auf die Geraer Innenstadt.
Blick über den Hofwiesenpark auf die Geraer Innenstadt. Bildrechte: dpa

Gera hat eine lange Historie. Zu ihr gehören auch die jüdischen Einwohner, die die Stadt geprägt haben. Ebenso hat die thüringische Stadt immer Zugewanderte aufgenommen. Eine Stadtführung unter dem Titel "Juden in Gera" führt in diese Geschichte. Organisiert wird sie von der Ökumenischen Akademie Altenburg/Gera.

Initiiert hat sie Jana Huster, sie erklärt: "Als ich angefangen habe, diese Fremdenführungen zu machen letztes Jahr, hab ich gedacht, man muss eigentlich noch mehr rückwärts gehen, in die Geschichte der Zuwanderung. Dass es in Deutschland immer schon Zuwanderung gegeben hat und dass das jetzt nicht eine wahnsinnig neue Erscheinung ist, dass wir Bürger aus anderen Ländern hier haben – und ich bin dann natürlicherweise auch bei den Juden gelandet. Und das waren in Gera echt nicht viele."

Im Jahr 1925 lebten 510 Menschen jüdischen Glaubens in Gera, erzählt Huster. Die meisten waren zur Jahrhundertwende aus Galizien, Ostpreußen oder Preußen in die Stadt gekommen. Manche waren Flüchtlinge, andere Händler oder Investoren. Viele fanden Arbeit in den Fabriken, andere eröffneten Geschäfte, wie die Kaufhäuser Tietz oder Sandheim.

Stammhaus des Unternehmers Hermann Tietz in Gera
Das Kaufhaus Tietz in Gera Bildrechte: imago/NBL Bildarchiv

Tödliche Eskalation auch in Gera

Doch ab 1933 eskalierte der Judenhass auch in Gera, und in der Pogromnacht von 1938 tobte der Mob auch durch diese Stadt, Besitztümer wurden geplündert oder verbrannt. Die Nationalsozialisten brachten die meisten der Geraer Juden in Konzentrationslager. 1942 lebten nur noch 26 von ihnen in der Stadt.

Auf die in der Nazizeit vernichteten Biografien verweisen auch in Gera verschiedene Stolpersteine. 68 gibt es in der Stadt. Die goldfarbenen Erinnerungsstücke wurden in den Bürgersteigen vor den Häusern eingelassen, aus denen Juden deportiert wurden. Bei der Stadtführung erzählt der Zahnarzt und Lokalhistoriker Matthias Weitbrecht die Geschichte der Familie Spiegel:

Diese beiden Leute waren ein kinderloses Ehepaar. Sind aus Galizien nach Gera gekommen. Und diese galizischen Juden, das waren eigentlich Flüchtlinge. Die waren arm. Die sind hier mit Nichts in Gera angekommen. Die haben hier gewohnt 30 Jahre lang.

Lokalhistoriker Matthias Weitbrecht über die jüdische Familie Spiegel

1938, berichtet Weitbrecht weiter, holten die Nazis David und Deborah Spiegel aus dem Haus mit der rot-braunen Fassade und brachten sie in Konzentrationslager – wo sie umgebracht wurden.

Lebendige Geschichtsvermittlung

 Am Denkmal für die jüdischen Opfer des Holocaust in Gera haben 2006 Einwohner der Stadt Kränze niedergelegt.
Das Denkmal für die jüdischen Opfer des Holocaust in Gera Bildrechte: dpa

Auch ein Religionslehrer vom Geraer Goethe-Gymnasium nimmt an der Stadtführung teil. Er sieht darin eine ganz andere Lebendigkeit und ein anderen Zugang in der Geschichtsvermittlung, den er auch an seine Lernenden weitergeben möchte. Er sagt: "Durch die Stolpersteine hier vor Ort ermöglicht man natürlich uns als Bürgern, aber natürlich auch den Schülern, an Schicksalen ganz konkret etwas zu erfahren. Und das macht natürlich was mit Schülern, was ganz anderes, wenn ich mit Schülern direkt Leben analysiere oder Lebensgeschichten anschaue, anstatt nur aus dem Geschichtsbuch oder aus dem Unterricht heraus."

Es ist eine ganz andere Lebendigkeit und ein ganz anderer Zugang.

Religionslehrer und Teilnehmer der Stadtführung

Die Menschen zu den Fremden führen

Projektleiterin Huster bemerkt, dass sie mit den Fremdenführungen unter dem Motto "Die Menschen zu den Fremden führen" Vorurteile abbauen möchte und auch Ängste vor Fremden. Bei vergangenen Führungen ging es um Themen wie Ausländer-Kriminalität oder DDR-Vertragsarbeiter. Einer der nächsten Rundgänge soll ein Rundgang durch das Viertel am Südbahnhof sein, das ein wenig das Multikulti-Viertel von Gera geworden ist. Hier gibt es viele syrische Läden und Restaurants sowie einen afrikanischen Laden.

Viele Geraer haben dort Angst, für Huster ist gerade das der Ansatz, Leute durch dieses Viertel zu führen. So wird auch die kleine Moschee besucht. Und auch das Thema Armut soll Teil der Stadtführungen werden, in Gera betrifft das zum Beispiel das Neubaugebiet Bieblach-Ost.

Spätestens gegen Ende der Fremdenführung zur jüdischen Geschichte wird klar: Bei diesen Stadtrundgängen geht es nur vordergründig um Lokalgeschichte. Im Kern geht es darum, die Einwohner Geras untereinander ins Gespräch zu bringen: über sich, über Fremde und nicht zuletzt über die Frage, wie alle miteinander leben können in Gera – friedlich und ohne Angst.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2019, 04:00 Uhr

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