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2021 organisierte Claudia Tittel in Gera einen Kultursommer. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Kündigung der KulturamtsleiterinStreit in Gera: So reagiert die Kulturszene auf die Entlassung von Claudia Tittel

von Blanka Weber, MDR KULTUR

Stand: 25. März 2022, 10:45 Uhr

Mit großen Ideen und viel Optimismus kam Claudia Tittel nach Gera. Als Kulturamtsleiterin wollte sie die Stadt überregional zum Anziehungspunkt machen. Mit den Kulturschaffenden konnte sie schnell einen guten Draht aufbauen und trotz Corona-Pandemie auch an internationale Netzwerke anknüpfen. Doch bald folgten Klagen und Vorwürfe des Machtmissbrauchs aus der eigenen Abteilung. Geras Oberbürgermeister kündigte ihr nun fristlos. In der Stadt stößt die Entscheidung auf Unverständnis und Widerstand.

Die Wogen der Kritik an der Entscheidung des Oberbürgermeisters schlagen hoch: "Wir sind fassungslos. Die wahren Gründe sind uns völlig schleierhaft." – so wie Volker Regel, früherer Vorsitzende des Kunstvereins Gera, reagieren derzeit etliche Menschen aus der Kulturszene Geras. Am Mittwochabend hatten sie vor der Stadtratsitzung Protest organisiert. Manch einem Redner soll sogar das Mikrofon abgeschaltet worden sein. Doch nicht nur das löste Befremden aus. Denn der Oberbürgermeister der Stadt, Julian Vonarb, hält sich derzeit mit einer öffentlichen Stellungnahme zurück. Ein Interview sei nicht "zielführend", heißt es auf Anfrage aus der Presseabteilung des Rathauses. 

Unterdessen mehrt sich die Kritik am Umgang mit der renommierten Kulturfrau und es bleibt die Frage: Warum? 

Optimismus und Schweigen im Geraer Rathaus

2020 hatte Dr. Claudia Tittel den Posten der Kulturamtsleiterin in der Stadt übernommen. Die Thüringerin galt damals als ausgewiesene Expertin. Zuvor hatte sie etliche Ausstellungen kuratiert – auch in Gera. Die Kunsthistorikerin lehrte an Universitäten unter anderem in Weimar. Ihr Metier: Die Moderne, audiovisuelle Medien, die Symbiose aus Raum, Klang und Kunst. Kultur definiert sie als Kommunikation und interaktive Möglichkeit, den Zeitgeist zu reflektieren, Menschen zusammen zu bringen.

Die couragierte und ambitionierte Kosmopolitin hatte vermutlich nicht nur Freunde und Förderer in der Stadt. Zumindest dürfte das aus einem anonymen Brief hervorgehen, der dem Oberbürgermeister vor Wochen zugespielt worden war. Danach folgte die Beurlaubung und wenig später die fristlose Kündigung. 

Am Mittwoch stimmte der Stadtrat in Gera für die Entlassung von Claudia Tittel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Da es sich um einen laufenden verwaltungsinternen Vorgang handelt, werden dazu keine inhaltlichen Stellungnahmen abgegeben.", heißt es aus dem Rathaus. Vermutlich wird es auf einen Rechtsstreit hinaus laufen. Auch Tittel äußert sich nicht, war allerdings sichtlich verwundert. Denn ohne Vorwarnung und ohne verwaltungsrechtliche Verwarnung traf sie nun sehr überraschend diese Entscheidung. Angeblich waren es eigene Mitarbeiter der Kulturverwaltung, die ihren Unmut laut äußerten. Das geht aus dem anonymen Schreiben hervor. Denn öffentlich bleibt die Kritik an der nun gescholtenen Person aus. Man habe ihr "verhaltensbedingt" gekündigt, heißt es. 

Geraer Kulturschaffende schätzten Tittel

Dafür mehrt sich nun die Unterstützung aus der Stadtgesellschaft für Claudia Tittel. Manch einer munkelt, ob der Oberbürgermeister seine Entscheidung nicht wieder zurück nehmen müsse. "Ich habe die Zusammenarbeit mit Frau Tittel immer sehr konstruktiv, zielführend und auch fachlich fundiert wahrgenommen. Für mich gibt es an ihrer fachlichen Qualität überhaupt keine Zweifel", sagt Sandra Raatz. Sie ist die Vorsitzende der Fraktion Für Gera und gleichzeitig die Vorsitzende des Kultur- und Sportausschusses im Stadtparlament.

Dass das Otto-Dix-Haus in Gera ein wichtiges Zentrum blieb, war eine der Leistungen von Tittel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch auch sie findet, man müsse beide Seiten hören, um abzuwägen, wo die Ursachen für diese harte Entscheidung liegen. "Claudia Tittel hat im Kulturbereich in Gera einiges bewegt, seitdem sie im Amt ist. Das gab es jahrelang nicht – egal, ob es das Leben in der Stadt ist, Bewegung in den Museen, qualitativ hochwertige Ausstellungen oder die Zukunft unseres Kultur- und Kongresszentrums, wo sie daran gearbeitet hat, eine Entwicklung voranzubringen", so Raatz.

Beschädigtes Ansehen von Gera

Geras Bürgermeister Julian Vonarb äußert sich aktuell nicht zu den Vorgängen in seinem Kulturamt. Bildrechte: dpa

Warum sich der Oberbürgermeister bei offensichtlicher Kritik nicht hinter seine Kulturamtsleiterin stellte, ist eine der großen Fragen. Warum es keine Verwarnung oder Abmahnung gab, sondern gleich die fristlose Kündigung. Julian Vonarb lässt von einer Sprecherin erklären: "Unser leistungsfähiges Kulturamt, viele fleißige Kolleginnen und Kollegen sorgen dafür, dass die Kultur und damit das Herzstück auf hohem Niveau bleibt." Für manche dürfte dieser Satz eine Farce sein.

Denn Claudia Tittel war es, die mit vielen anderen für die Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2025 gekämpft hatte und knapp gegen Chemnitz verlor. Sie erhob kritisch das Wort, als es um das Erbe der Bauhaus-Fotografin Anne Biermann in der Stadt ging, um den Erhalt von Sammlungsbeständen und neue Formen der Kultur sowie eine internationalere Ausrichtung. Der Umgang dieser Personalie hat bereits Schaden angerichtet und kostet der Stadt Ansehen.

Kultur erleben in Gera

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2022 | 06:15 Uhr