Der Hirnforscher im Gespräch Gerald Hüther: "Wenn wir so weitermachen, haben wir keine Chance"

Wenn Gerald Hüther spricht, sind die klassischen Veranstaltungsorte für gelehrte Vorträge in den letzten Jahren immer zu klein. Der Hirnforscher, der über das Leben sinniert, ist inzwischen ein Star der Nachdenklichkeit. In seiner sanften Radikalität hinterfragt er auch im MDR KULTUR-Café, wie wir leben wollen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther ist besorgt, dass die Menschen die Natur der Erde zerstören. "Ich halte das nicht mehr länger aus, dass eine vorübergehend irregeleitete Spezies auf diesem Planeten dabei ist, diese über Millionen Jahre gewachsene Vielfalt des Lebendigen zu zerstören", sagte Hüther im MDR KULTUR-Café. "Ich bemühe mich jeden Tag darum, dass wir wenigstens ein bisschen davon bewahren."

Liebe zur Natur in Thüringen

Hüther ist in einem thüringischen Dorf in der Nähe von Gotha groß geworden. Schon als Kind habe ihn berührt, dass es so viele Pflanzen und Tiere gibt, die zusammenleben, erzählt er. Deswegen ist er Biologe geworden und Hirnforscher.

"Wenn wir weiter so machen wie bisher, haben wir hier keine Chance", mahnt der Wissenschaftler.

Wir müssen Formen finden, wie wir unser Zusammenleben so organisieren, dass wir nicht mehr so viel Energie verbrauchen, dass wir endlich die Ressourcen dieser Erde zu schätzen wissen und dass wir die Vielfalt des Lebendigen wieder wahren.

Gerald Hüther

Arbeit soll Freude machen

Das gelte auch für die Wirtschaft. "Auch hier müssen wir Formen des Zusammenwirkens finden, die sich von den alten autoritären hierarchischen Herrschaftsstrukturen, aus denen das abgeleitet ist, entfernen", fordert Hüther. Man solle Arbeit zum Beispiel so organisieren, dass sie Freude macht.

Als Hirnforscher muss ich sagen: Dass wir für Geld arbeiten war die dümmste Idee, die wir in unserer Menschheitsgeschichte entwickeln konnten.

Gerald Hüther

Andere Menschen nicht benutzen

Hüther kämpft auch für eine andere Schule und Erziehung, hat aber stets das Große und Ganze im Blick. Als eine Herangehensweise für ein gutes Zusammenleben von Menschen, müssten sie aufhören, den anderen zu benutzen und immer zu fragen: "Was hab ich davon?" Stattdessen könnten sie ein würdevolles Leben führen.

Würde ist das Gefühl, dass man Bedeutung besitzt, ohne dass man bedeutsam sein muss und dem anderen beweisen, was man alles kann.

Gerald Hüther

"So ein Gefühl könnten wir unseren Kindern ja im Bildungssystem mitgeben", erklärt Hüther. "Dann hätten wir lauter junge Menschen, die sich ihrer eigenen Würde bewusst sind. Und so jemand ist nicht mehr verführbar, der hat einen inneren Kompass."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Sonntagvormittag | 16. Dezember 2018 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Dezember 2018, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR