Prof. Dr. Gerald Hüther - Neurobiologe
Gerald Hüther Bildrechte: imago/IPON

Sachbuch Hirnforscher Hüther erklärt, wie man seine Träume erfüllt

Der Neurobiolge Gerald Hüther hat bereits in mehreren Büchern erfolgreich erklärt, wie unser Gehirn funktioniert. Zuletzt machte sein Buch "Raus aus der Demenz-Falle!" Schlagzeilen, nun liegt ein Neues vor. In "Wie Träume wahr werden" gibt er Tipps, wie man seine Ziele gemeinsam erreicht und erklärt, warum Menschen keine Zahnpastatuben sind. Regine Schneider stellt das neue Buch des Populärwissenschaftlers vor.

Prof. Dr. Gerald Hüther - Neurobiologe
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MDR KULTUR: Gerald Hüther ist Neurobiologe und schreibt populärwissenschaftliche Bücher über Gehirnentwicklung, Lernprozesse und Motivation. Diesmal über die Realisierung von Träumen – wie geht er das an?

Regina Schneider: Alle diese Themen, die Sie eben aufgeführt haben – dazu gehören auch das Altern und der Umgang mit Demenz – verhaken sich auf  ganz nachvollziehbare Art bei Hüther mit seinem zentralen Thema: Gemeinschaft in einer Gesellschaft, in der der Verlust von Gemeinsamkeiten mehr oder wenig beklagt wird. Bei Hüther geht es schlussendlich immer darum, wie wir als Subjekte in kleineren und größeren Gemeinschaften zusammenleben und zusammen etwas bewerkstelligen können. Auch von unseren Träumen – so außergewöhnlich, so speziell und zutiefst persönlich sie auch sein mögen – können wir keinen einzigen verwirklichen, sagt Hüther, wenn wir niemanden finden, der mitmacht. Es geht nur gemeinsam.

Gibt es daher bei diesem Buch ein Autoren-Trio? Sven Ole Müller und Nicole Bauer haben gemeinsam mit Hüther das Buch geschrieben. Wer sind die beiden und welcher gemeinsame Traum verbindet sie?

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein abgefahrener Traum, von dem der Thüringer Sven Ole Müller seit seiner Jugend nicht loslässt: Er möchte das härteste, längste, anstrengendste Radrennen der Welt, das Race Across America,  fahren – im Team. Müller ist selbständiger Unternehmer, Vortragsredner und Multipreneur, d.h. er bringt Firmengründungen mit auf den Weg. Und er ist Ultra-Ausdauer-Sportler. Die Thüringerin Nicole Bauer ist Rechtsanwältin, selbständig und Marathonläuferin. Als sich die beiden im Frühjahr 2015 bei einem Geschäftsessen kennenlernen, steckt der Unternehmer die junge Frau mit seiner Begeisterung an. Sie wird die erste, die von nun an seinen Traum mitlebt. Das Ziel: Ein Jahr später wollen sie als Vierer-Team an der Startlinie stehen, zum 5000 km langen Tag- und Nacht-Zeitfahren quer durch Amerika. Sie brauchen noch zwei Radrennfahrer, einen mitfahrenden Arzt, Therapeuten, Psychologen und eine mitfahrende Crew, die kocht, wäscht, navigiert, organisiert, dokumentiert.

Sie suchen also Frauen und Männer, die nicht nur hochmotiviert, begeistert und kompetent sind, sie alle müssen es schaffen, sozusagen in höchster Vollendung zu kooperieren. Wenn wir es mal weniger pathetisch sagen: Der Traum oder die Aufgabe hat zum Anliegen eines jeden zu werden. Und wie passiert das? Dieses Geheimnis wird im Buch gelüftet.

Was ich verraten darf: Das Vorhaben gelingt grandios – das Thüringer Team gewinnt in seiner Kategorie dieses  härteste aller Zeitfahren der Welt. Aber was hat nun hat Gerald Hüther damit zu tun?

Die beiden Thüringer stoßen in ihrer Vorbereitung auf Hüther, der ja auch von Geburt Thüringer ist, denn der Hirnforscher ist gerade dabei, sein Institut für Potentialentfaltung auf den Weg zu bringen. Und das ist ja genau das, was das Thüringer Team da vorhat: Potentialentfaltung auf höchster Ebene. Hüther begleitet und beobachtet mit wissenschaftlichem Interesse die Frauen und Männer, bestärkt sie, unterstützt sie. Und so ist auch das Buch aufgebaut. Von den Rennfahrern Müller und Bauer werden wir detailreich mitgenommen durch die aufregende Vorbereitungszeit und spannende Phasen des Rennens – jeder schreibt unter seinem Namen eigene Abschnitte des Buches.  Und die von Gerald Hüther sind immer auf  die Frage bezogen. Was ist das Geheimnis des Gelingens? – die Situationen auslotende Tiefenanalysen oder hervortretende verallgemeinernde Botschaften etwa dieser Art:

Für jemand, der fest davon überzeugt ist, dass Menschen unter Druck gesetzt werden müssen, damit sie etwas leisten, ist das nicht ganz so leicht verstehbar. Dabei hat die moderne Psychologie schon längst und auch sehr fundiert nachgewiesen, dass jeder Versuch, einen Menschen extrinisch – also durch das in-Aussicht-Stellen von Belohnungen oder durch die Androhung von Bestrafungen – zu "motivieren", zwangsläufig zu einer Unterdrückung seiner intrinsischen Motivation führt: Je mehr von draußen gedrückt wird, desto weniger kommt von innen heraus. Menschen sind eben keine Zahnpastatuben.

Aus "Wie Träume wahr werden"

Wenn ich das so höre, sollte der Leser – wie bei Hüther üblich – auch diesmal bereit sein, sich auf ungewohnte Sicht- und Denkweisen einzustellen?

So kennen wir ihn. Dafür wird er so geschätzt, aber wohl auch genauso kritisch betrachtet: Hüther konfrontiert uns mit Reflexionen und Schlussfolgerungen, denen zu folgen bedeutet, alte Denk- und Verhaltensmuster gehen zu lassen, sich auf Neues einzulassen.

Wir alle kennen wohl genügend Beispiele sei es aus dem privatem Umfeld oder dem beruflichen wo es so noch nicht ist, wie er es hier beschreibt:

Potentialentfaltungsgemeinschaften sind also individualisierte Gemeinschaften, in denen jedes Mitglied in der Begegnung mit allen anderen die durchgängige Erfahrung macht,
- in seiner Einzigartigkeit gesehen und anerkannt zu werden (und deshalb nicht um Anerkennung und Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen)
- wertvoll und bedeutsam zu sein (und deshalb nicht um Bedeutsamkeit kämpfen zu müssen)

Aus "Wie Träume wahr werden"

Und das sicher nicht nur beim Radrennen …

Potentialentfaltung passiert immer und überall, mehr oder weniger gut. Hüther will uns zum Gelingen führen. Und da bietet sich dieses außergewöhnliche Erlebnis des Teams aus Thüringen hervorragend an, genauso gut könnte hier jede andere Traum-oder Vorhaben-Verwirklichungs-Geschichte stehen. Nur bekommt der Leser so einen spannenden Radrenn-Krimi mit Blick hinter die Kulissen und vielen Einzelheiten dieser einmaligen Tour und zugleich, wie immer bei Hüther, sehr berührende Ausführungen dazu, wie Menschen selbstbestimmt gestalten können und was sie dabei gewinnen – nicht nur ein Radrennen.

Infos zum Buch Gerald Hüther, Sven Ole Müller, Nicole Bauer
Goldmann:
Wenn Träume wahr werden
Goldmann Verlag
288 Seiten
22 €
ISBN: 978-3442314812

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 05. Dezember 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2018, 17:09 Uhr

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