Sachbuch: "Die Gedächtnislosen" Was hat Opa eigentlich während der Nazizeit gemacht?

"Was haben meine Großeltern im Krieg gemacht?" – mit dieser Frage hat sich die deutsch-französische Journalistin Géraldine Schwarz auf eine Spurensuche begeben und dabei Familiengeheimnisse ans Licht geholt. In ihrem Buch "Die Gedächtnislosen" beschreibt sie die Mechanismen von Schuld und Verdrängung im ganz privaten Bereich, sie hinterfragt Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland ebenso wie die Verantwortung der Franzosen unter dem faschistischen Vichy-Regime.

von Patric Seibel, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Die historische Postkarte zeigt einen Platz mit Springbrunnen in Köln am Rhein.
Adolf-Hitler-Plätze gibt es in Deutschland in den 1930er-Jahren viele, unter der Oberfläche eines normalen Alltagslebens ändert sich im Zeichen dieses Namens bald alles ... Bildrechte: imago/Arkivi

Die 1974 als Tochter eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter geborene Géraldine Schwarz kennt beide Kulturen sehr genau. Sie war zudem lange Jahre Berlin-Korrespondentin der französischen Agentur AFP. Ihr deutscher Großvater, Karl Schwarz, lebte mit seiner Familie in Mannheim und eignete sich im Zuge der so genannten "Arisierung" ein kleines jüdisches Mineralölunternehmen an. Im Keller des Mannheimer Hauses fand Géraldine Schwarz dazu fein säuberlich abgeheftete Dokumente und auch den langen Briefwechsel mit dem ehemaligen Besitzer.

Das Großartige an ihrer Schilderung ist, dass ihr tatsächlich gelingt, was sie selbst im Vorwort ihres Buches postuliert: das Gedächtnis einer Familie dem Urteil der Historiker zu unterwerfen – und umgekehrt, der Wissenschaft das Fleisch und Blut einer Familienerzählung zu verleihen. Für ihr Werk "Die Gedächtnislosen" wurde Géraldine Schwarz unlängst mit dem Europäischen Buchpreis 2018 ausgezeichnet.

Eine Gesellschaft erkaltet

November 1938, eine Frau läuft an einer Druckerei mit kaputten Fensterscheiben vorbei.
Die Novemberpogrome 1938 waren nicht Resultat spontanen "Volkszornes", sondern von den Nazis wohl organisiert, um die "Arisierung" jüdischen Eigentums voranzutreiben. Bildrechte: imago/United Archives International

Zunächst schildert Schwarz sehr eindringlich, wie sich nach der Machtübernahme der Nazis Stück für Stück die gesellschaftlichen Koordinaten verschoben, noch bevor das Regime nach und nach die Gesetze und Bestimmungen für jüdische Bürger verschärfte, bevor die Diskriminierung manifest wurde und sich das gesellschaftliche Klima massiv verschlechterte. So schloss die Handelskammer Mannheim ihre jüdischen Mitglieder, darunter auch ihren Präsidenten, aus, ohne dass ein Gesetz dies verlangt hätte. Gerade im Geschäftsleben hat es diesen Opportunismus gegeben; die Chance, seinen jüdischen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Für Karl Schwarz, einen leitenden Angestellten einer Ölfirma, bot sich mit dem zur "Arisierung" angebotenen Betrieb des jüdischen Geschäftsmanns Julius Löbmann die Chance, sich selbständig zu machen – eine Chance, die er ergriff. Und es ist faszinierend zu lesen, wie das ablief. Normalerweise setzte die NS-Behörde einen Preis für die jüdischen Unternehmen fest (einen Schleuderpreis muss man dazu sagen) aber auch diese Preise wurden oft von den Käufern noch massiv gedrückt.

Gut 10.000 Reichsmark zahlte der Großvater, und damit etwa 90 Prozent des Richtpreises. Das Interessante dabei: Er hatte durchaus ein gutes Verhältnis zum vorherigen Besitzer. Der reiste mit ihm sogar noch durchs Land zu seinen Kunden, um ihn dort einzuführen. Verbotenerweise übrigens, denn für Juden waren Reisen da schon untersagt und diese beiden, der vom System Geächtete und der Mitläufer, übernachten gemeinsam in Hotels, sitzen gemeinsam beim Essen, und Karl Schwarz, das NSDAP-Parteimitglied, deckt dabei seinen Reisegefährten. Er fühlte sich dabei wohl gar nicht schlecht, es war für Karl Schwarz eine Geschäftsbeziehung, so muss man das wohl sehen. Nicht so ganz in Ordnung vielleicht, wenn man ehrlich war, aber man konnte im gesellschaftlichen Klima ja vor solchen Gewissensbissen ganz einfach die Augen verschließen.

Nach dem Krieg keine Schuldgefühle

Als Julius Löbmann, der als einziger der Familie den Genozid der Deutschen an den Juden überlebt hat, sich nach dem Krieg mit Hilfe eines Anwalts brieflich an Karl Schwarz wendet, um Entschädigung zu verlangen, entwickelt sich ein langer Briefwechsel. Und das aus heutiger Sicht Krasse daran: Karl Schwarz zeigt keine Schuldgefühle. Er schreibt zum Beispiel: "Ich und meine Frau haben uns aufrichtig gefreut, dass Sie den hinter Ihnen liegenden Leidensweg wenigstens lebend überstanden haben, und das Schicksal Ihres Herrn Bruders und Schwagers tief bedauert. Sind die Familien ebenfalls umgekommen? – Obwohl wir und die meisten Deutschen das grausame Schicksal ihrer Glaubensgenossen nicht gewollt haben, müssen nun alle darunter leiden."

Deutsche Truppen 1940 auf dem Champs Elysees in Paris
Der Norden Frankreichs stand in den 1940er-Jahren unter deutscher Besatzung, im Süden regierte das Vichy-Regime, das mit den Nazis kollaborierte. Bildrechte: IMAGO

Dann verweist er auf seine eigene prekäre wirtschaftliche Lage und schließt wie folgt: "Wie geht es Ihrer Familie? Hoffentlich alles wohlauf? Meine Frau wurde dieses Jahr bereits 2-mal an Darmgeschwüren operiert. So ist immer etwas."

Das ist das geradezu klassische Beispiel einer Schuldabwehr, ja einer Schuldumkehr – ein im Nachkriegsdeutschland weit verbreiteter psychischer Mechanismus. Es ist die Unfähigkeit zu trauern, die Alexander und Margarethe Mitscherlich beschrieben haben. Insgesamt lässt sich das, was Géraldine Schwarz hier über den Umgang ihres Großvaters mit der "Arisierung" schildert, im Rahmen der Thesen des Historikers Götz Aly verstehen, der ja dieses persönliche Vorteilziehen, dieses ökonomische Moment als starke Motivation der Deutschen wertet, im Dritten Reich mitgemacht zu haben.

Das Vichy-Frankreich

Petain und Hitler schütteln Hände
Marschall Philippe Pétain regierte den südfranzösischen Rumpfstaat von Hitlers Gnaden - mit der Hauptstadt Vichy. Bildrechte: imago/United Archives International

Über die französische Seite hat Géraldine Schwarz weitaus weniger herausgefunden als über ihre deutschen Großeltern. Der französische Opa war als Gendarm des Vichy-Regimes an der Grenze zur nominell freien Zone eingesetzt, hatte also Durchreisende zu kontrollieren und sogenannte "Illegale" an die deutschen Behörden zu überstellen. Konkret nachzuweisen ist ihm nichts. Géraldine Schwarz argumentiert hier quasi von historischer Warte aus, dass nämlich Vichy-Frankreich mitnichten, wie es die Legende lange wollte, widerwillig den Deutschen diente, sondern in vorauseilendem Gehorsam eine ganz eigene Dynamik der Judenverfolgung entwickelte. Eine für viele Franzosen peinliche Sache, die jahrzehntelang nicht wirklich offen diskutiert wurde.

Kultur des Erinnerns

Bei der Bewertung der Erinnerungskultur beider Länder kommt Deutschland besser weg als Frankreich. Besser auch als andere europäische Länder übrigens, die sie in ihrem Buch auch noch behandelt, zum Beispiel Österreich oder Italien. Ihre These lautet: Da, wo die Erinnerung fehlt, oder nur von Staats wegen verordnet ist, da sind heute rechte Bewegungen stark. Sie nennt beispielhaft die Bewegung Le Pens in Frankreich und die Neofaschisten in Italien. Und doch kommt sie in Erklärungsnot, was Deutschland angeht, denn diese massive Veränderung der politischen Kultur durch AfD und Pegida, die dürfte es eigentlich bei einer vorbildlichen Erinnerungskultur so nicht geben. Also drängt sich der Verdacht auf, dass die Lage doch etwas komplizierter ist.

Das Fazit zum Buch

Géraldine Schwarz
Géraldine Schwarz, die Autorin von "Die Gedächtnislosen" hat die eigene Familiengeschichte erkundet Bildrechte: Mathias Bothor

Ich bin ambivalent in der Bewertung des Buches. Großartig gelungen ist vor allem die deutsche Familiengeschichte. Hier wird uns auch heute, 80 Jahre danach, etwas frisch und neu und bewegend erzählt. Für überdehnt halte ich Schwarz' Ansatz, so viel Geschichte und Geschichtstheorie hineinzupacken und auch so viele Länder kursorisch zu streifen, denn das geht ganz klar auf Kosten der Präzision, des Tiefgangs und der Schärfe.

Es gibt einige sachliche Fehler und es gibt einige gewagte Kurzschlüsse, wenn zum Beispiel behauptet wird, die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Jugoslawien in den 1990er-Jahren sei quasi ein Resultat der gelungenen Erinnerungsarbeit. Schwarz schreibt: "Nie wieder Auschwitz" war wichtiger geworden als "Nie wieder Krieg." Ich denke, hier könnte man genauso gut argumentieren, dass der Genozid, für den Auschwitz steht, damals instrumentalisiert wurde, um einen Kriegseinsatz zu rechtfertigen. Hier hätte ich mir mehr Zurückhaltung gewünscht, wie insgesamt fast penetrant Deutschland als europäisches Musterland doch arg strapaziert wird. Insgesamt wäre hier weniger mehr gewesen. Aber, unter dem Strich: Beeindruckend und bereichernd ist dieses biografische Schreiben rund um die deutschen Großeltern in ihrer Zeit alle Mal.

Angaben zum Buch Géraldine Schwarz: "Die Gedächtnislosen"
Aus dem Französischen übersetzt von Christian Ruzicska
445 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-906910-30-7
Als E-Book: ISBN 978-3-906910-31-4
Secession-Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Januar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2019, 04:00 Uhr

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