Kinderbuch: "Gertrude grenzenlos" DDR-Lebensgefühl für Kinder begreifbar gemacht

Reichlich 20 Jahre vor dem Mauerfall, im Jahr 1977, könnte sich die Geschichte zugetragen haben, um die es in dem Kinderbuch "Gertrude grenzenlos" von der Leipziger Autorin Judith Burger geht. Erzählt wird vom Schüleralltag in der DDR, mit Pioniernachmittag, Fahnenappell und Linientreue. Und mit dem, was passieren konnte, wenn jemand nicht so linientreu war. Ina und Gertrude kämpfen für ihre Freundschaft, auch wenn es schwierig wird. "Gertrude grenzenlos" ist ein herzlicher, einfühlsamer und zugleich nachdenklich machender Roman für alle ab 10.

von Uta Burkhardt, MDR KULTUR

Judith Burger: Gertrude Grenzenlos
Bildrechte: Gerstenberg Verlag

Für die Freundschaft kämpfen, auch wenn es schwierig wird. Das machen Ina und Gertrude in dem Kinderbuch "Gertrude grenzenlos" vor. Ein herzlicher, einfühlsamer und zugleich nachdenklich machender Roman.

MDR KULTUR - Das Radio Do 01.02.2018 12:40Uhr 04:09 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Judith Burger: Gertrude Grenzenlos
Bildrechte: Gerstenberg Verlag

Für die Freundschaft kämpfen, auch wenn es schwierig wird. Das machen Ina und Gertrude in dem Kinderbuch "Gertrude grenzenlos" vor. Ein herzlicher, einfühlsamer und zugleich nachdenklich machender Roman.

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Judith Burger: Gertrude Grenzenlos
Judith Burger: "Gertrude Grenzenlos"
Illustrationen von Ulrike Möltken
240 Seiten, ab 10 Jahren, 12,95 Euro
ISBN 978-3-8369-5957-5
Gerstenberg Verlag
Bildrechte: Gerstenberg Verlag

Mit der besten Freundin im Gras liegen, eingehenkelt über den Schulhof laufen, Gedanken und Frühstücksbrote austauschen - das tolle Gefühl füreinander da zu sein, kannten die Kinder, die in der DDR groß wurden genauso wie die Kinder von heute. Das Gefühl spiegelt sich im Buch "Gertrude grenzenlos" wunderbar wider: Es handelt von einer Mädchenfreundschaft, die sich wirklich über Grenzen hinwegsetzen muss - weil die eine im sozialistischen Gefüge verwurzelt ist und die andere nicht. Als sie sie zum ersten Mal sieht, beschreibt die 11-jährige Ina ihre neue Mitschülerin Gertrude so:

Sie hat todschicke Jeans an und eins von diesen bunten Sweatshirts. Und diese schicken weißen Turnschuhe. Solche Klamotten hat nur jemand mit Westverwandtschaft. Solche Klamotten gibt es in unseren Läden nicht.

Beschreibung der Gertrude in Judith Burgers Buch

Freundschaft unter Druck

Jungpioniere in traditioneller Kleidung mit weißem Hemd und blauem Halstuch schwenken Wimpel
In der DDR ein alltäglicher Anblick: Jungpioniere in Uniform Bildrechte: dpa

Doch Gertrude ist nicht nur äußerlich anders als der Rest der Klasse, sie wird auch anders behandelt, wie Ina gleich zu Beginn ihrer Freundschaft erfahren muss. Als Tochter eines staatsfeindlichen Dichters passt Gertrude nicht ins Gesellschaftsbild des DDR-Regimes - und wird ausgegrenzt. Die Lehrerin gibt ihr absichtlich schlechte Noten, viele Erwachsene meiden sie, die Mitschüler hänseln sie.

Doch Ina hält zu ihr, fühlt sich trotz immer größer werdender Schwierigkeiten zu der Freundin hingezogen. Als Inas Eltern ihr verbieten, Gertrude zu besuchen teilt diese ihr mit, dass ihre Familie einen Ausreiseantrag gestellt hat:

'Deine Mutter hat dir verboten, mich zu besuchen?' fragt Gertrude plötzlich […] 'Kannst es ruhig sagen. Ich verstehe es ja. Natürlich will deine Mutter nicht, dass du zu mir kommst, denn das schafft euch nur Probleme.' […] 'Ina, meine Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt.'

Gertrude zu ihrer Freundin

Andere Lebenswelt erfahrbar machen

In einem Staat zu leben, der niemanden raus- und kaum jemanden reinlässt, der die Rechte und Freiheiten seiner Bürger einschränkt, das können sich Kinder und Jugendliche im heutigen Deutschland kaum vorstellen. Dass es diesen Staat aber wirklich gegeben hat, dass die eigenen Eltern und Großeltern dort gelebt haben und - wie Ina - Pionier und Altpapiersammler und Muckefucktrinker waren, das wollte die Autorin Judith Burger an die junge Generation weitergeben:

Als eines meiner Kinder in der Grundschule war, da war so ein runder Jahrestag des Mauerfalls. Und ich habe sie gefragt, habt ihr heute darüber gesprochen? Nein, und das fand ich nicht gut. Und da habe ich mir überlegt, dass ich mir mal eine Geschichte ausdenke, die in der Zeit spielt.

Judith Burger über ihre Motivation, das Buch zu schreiben

Ihr Buch bezeichnet die Autorin als "Tauchgang in die eigene Kindheit". Autobiographisch sei das Buch trotzdem nicht, auch wenn es einige Parallelen zur Figur der Gertrude gibt.

Judith Burger
Judith Burger, Autorin von "Gertrude grenzenlos" Bildrechte: Franziska Frenzel

Ich war selbst im Kirchenchor, meine Lehrerin hat mich auch nicht gemocht, meine Mutter war beim Theater […] also ich war kein vorbildliches Arbeiterkind. Aber solche Erfahrungen wie Gertrude sie machen muss, hatte ich nicht.

Judith Burger über ihre Kindheitserfahrungen

Die fiktive Geschichte des Buches wird ergänzt durch ein passendes Nachwort und ein Glossar, in dem Begriffe wie "Sozialismus", "Kollektiv" oder "VEB" erklärt werden. Einfach, sachlich, so dass (junge) Leser keinerlei "DDR-Vorbildung" brauchen.

Dazu kommen ebenso einfache Zeichnungen von Ulrike Möltgen, die jedes Kapitel einleiten. Zum Beispiel das Bild einer Rose, die sich auf lyrische Art und Weise durchs ganze Buch zieht - als Teil der Erzählung "Die Welt ist rund" von Gertrude Stein, die Gertrude sehr liebt - oder als Teil der Parole, die Ina ausgibt, um ihre Freundin "ins Kollektiv einzugliedern".

'Was wollte ich mit dem ‚Kommando Rose‘ erreichen? Ich wollte für unsere Freundschaft kämpfen, jawohl. Ich will, dass zwei unterschiedliche Mädchen aus zwei so unterschiedlichen Familien Freundinnen sein dürfen, ohne dass jemand etwas dagegen hat. Das muss doch möglich sein!'

Ina in dem Buch "Gertrude grenzenlos"

Angaben zum Buch Judith Burger: "Gertrude Grenzenlos"
Illustrationen von Ulrike Möltken
240 Seiten, ab 10 Jahren, 12,95 Euro
ISBN 978-3-8369-5957-5
Gerstenberg Verlag

Autorin Judith Burger und Zeichnerin Ulrike Möltgen
Geboren wurde Judith Burger 1972 in Halberstadt. Studiert hat sie Kultur- und Theaterwissenschaften. Danach arbeitete sie u.a. als Werbetexterin und bloggte. Seit Ende der 1990er-Jahre lebt sie in Leipzig. Sie ist Autorin von Radio-Features und arbeitet u.a. für MDR KULTUR. Für ihr Feature "Industrieruinen" erhielt sie 2015 den "Riegel"-Journalistenpreis des Nationalkomitees für Denkmalschutz. "Gertrude Grenzenlos" ist Burgers literarisches Debüt.
Ulrike Möltgen wurde 1973 in Wuppertal geboren, wo sie auch heute noch lebt. Sie studierte Kommunikationsdesign und machte ihr Diplom bei Wolf Erlbruch. Möltgen illustrierte über 50 Kinder- und Bilderbücher, darunter "Bei drei auf den Bäumen" und "Mondbär". Ihre Illustrationen wurden mehrfach ausgezeichnet.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Februar 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2018, 11:28 Uhr

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