Bauhausgebäude Dessau, Walter Gropius, 1925/26, Eingang zum Bauhausgebäude
Das Bauhaus steht im Mittelpunkt eines Streits, wie politisch die Institution sein sollte. Bildrechte: Stiftung Bauhaus Dessau

Kontroverse Das Bauhaus und seine politische Geschichte

Seit der Absage des Konzerts von Feine Sahne Fischfilet ist ein Streit um das Bauhaus und dessen politische Haltung entbrannt. Manche zeigten sich empört: Das Bauhaus knickt ein, wenn rechte Gruppierungen drohen? Heftig diskutiert wurde außerdem die ursprüngliche Erklärung aus Dessau, das Bauhaus sei immer ein politisch neutraler Ort gewesen. Eine kurze Reise in die Geschichte.

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Bauhausgebäude Dessau, Walter Gropius, 1925/26, Eingang zum Bauhausgebäude
Das Bauhaus steht im Mittelpunkt eines Streits, wie politisch die Institution sein sollte. Bildrechte: Stiftung Bauhaus Dessau

Das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum steht vor der Tür. Der Neubau nimmt Formen an: Dessau wird ein Bauhaus-Museum bekommen. Doch statt Vorfreude herrscht Entsetzen – national und international fragen nicht nur Bauhaus-Freunde an, was da los sei. Die Direktorin Claudia Perren trägt die Verantwortung und stellte sich am Dienstag im Bauhaus der sehr energischen Kritik. Den Forderungen, die Entscheidung zurückzunehmen, folgt sie nicht, und dass die Konzertabsage ein Fehler gewesen sei – das sagt sie eher sehr indirekt.

Perren verteidigt sich, dass sie sich der Kritik stelle und auch nicht behaupte, die allein richtige Lösung zu haben. "Ich habe gesagt, warum ich es so entschieden habe, ich habe aber ja nicht gesagt, warum ich es ein andermal vielleicht auch unter den Aspekten, die wir jetzt diskutieren, anders entscheiden würde", so die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau.

Bauhaus: Ein Feindbild für Rechte

Walter Gropius
Der Gründer des Bauhauses: Walter Gropius Bildrechte: imago/United Archives International

Das Bauhaus und die Rechten, ein Blick in die Geschichte: Walter Gropius versammelt in Weimar beste Köpfe der Avantgarde und bündelt ihre Thesen. Künstler sprengen die Akademien, sind Dada-frech und abstrakt. Kunst geht mit Handwerk und Sozial-Utopie: die Welt muss besser werden. Gewiss sind längst nicht alle Bauhäusler politisch links – aber das Bauhaus ist sofort ein Feindbild für Rechte und Konservative.

Es ging generell um den Kampf zwischen einer konservativen Kultur und dem Fortschritt, den das Bauhaus repräsentiert habe, meint der Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler. "Konservativ waren damals eben nicht nur Nazis, sondern es gab alle möglichen republikanischen Vereine, die schon seit 1919 begonnen haben, das Bauhaus zu kritisieren und auch seine Programmatik zu torpedieren."

Wir dürfen nicht vergessen, dass das Manifest des Bauhauses eine 'Kathedrale des Sozialismus' als Bild hatte, als Titelbild.

Max Welch Guerra, Politologe und Stadtplaner

Fremde und "Kulturbolschewisten"

Es waren im Grunde Punks, die in die Weimarer Parkidyllen einbrachen, mit ihren Klamotten, mit ihrer Musik, ein Schock wie Fischfilet mit Sahne. Sie waren Fremde und bald sogenannte "Kulturbolschewisten".

In einem Interview aus dem Jahr 1959 erklärt der Vater des Bauhauses, Walter Gropius, dass die nationalsozialistische Welle zuerst in Thüringen hochgekommen sei. "Und wie es ja leider war, auch künstlerische Dinge wurden zum Spielball in der Politik benutzt." Gropius spricht von einem "Kampf der Parteien" und wie ihnen damals "der Dampf abgeschnitten" worden sei, "wie diese nationalsozialistische, damals völkische Partei stärker wurde in Weimar."

Erzwungener Umzug nach Dessau

Finanziell wie politisch unter Druck, wich das Bauhaus 1925 nach Dessau aus. Gropius entwarf das Gebäude als streng funktionalistischen und transparenten Musterbau. Die Angriffe von Rechts galten nun der industriellen Moderne an sich, wobei manche Kritik gleichzeitig kurios und nach Blut und Boden klingt.

Das Bauhaus in Dessau in einer Archivaufnahme von 1935
Eine historische Aufnahme des Bauhauses von 1935. Bildrechte: IMAGO

So erinnert der Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler daran, wie einer der Kristallisationspunkte im Kulturkampf um das Bauhaus der alte Diskurs gewesen sei, ob ein flaches Dach oder ein Spitzdach gebaut werde. "Das spitze Dach wurde als national, als völkisch, als angemessen betrachtet, das flache Dach wurde sehr polemisch betrachtet, als Bauweise, die in Ländern des Maghreb verwendet wird", erklärt Rössler.

Politische Radikalisierungen

Der Kommunikationswissenschaftler hat erforscht, wie sich die Kritik am Bauhaus in der Presse entwickelte: sie meinte die Form und den sozialen Entwurf. Nach dem Rückzug von Gropius betonte sein Nachfolger Hannes Meyer die sozialen Motive stärker und wurde nach zwei Jahren entlassen – aus politischen Gründen.

Rössler erklärt, dass Meyer während seiner Amtszeit spezielle Perspektiven intensiviert habe: "Stichwort Volkswohnung, Volksmöbel und so weiter." Außerdem, so der Forscher, sei in den Jahren 1928 bis 1930 auch eine Radikalisierung in Bezug einer kommunistischen Weltanschauung zu beobachten gewesen.

Die Idee und Institution lebt bis heute

Feine Sahne Fischfilet
Auslöser der Debatte: Ein Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet. Bildrechte: IMAGO

Nach der Vertreibung aus Dessau zwei Jahre später musste auch ein Versuch in Berlin aufgegeben werden. Doch bekanntlich wurde weder die Idee besiegt noch die Institution – und ein stolzes Jubiläum steht nun an. Doch dass dieses Symbol der freiheitlichen Moderne nun einer dezidiert linken Punkband die Tür weist, weil rechte Gruppierungen protestieren wollen, scheint paradox und hat Diskussionen provoziert.

Der Politologe Max Welch Guerra kritisiert, dass es an Problembewusstsein gemangelt habe und dies in seinen Augen nicht nur in Dessau.

Wir sind, glaube ich, alle weiter, das Bauhaus kann nicht politisch neutral sein.

Max Welch Guerra, Politologe und Stadtplaner

Der Kulturkampf geht weiter

Und was kann es? Im Stiftungsrat – dem Entscheidungsorgan, dem auch das neue Museum zu verdanken ist – sitzen Vertreter von Bund, Land und Stadt. Max Welch Guerra macht den Vorschlag, das Bauhaus aus dieser politischen Abhängigkeit zu befreien, damit es wieder klar denken könne. Der Kulturkampf geht weiter.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 01. November 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2018, 04:00 Uhr

Mehr zur Debatte

Rainer Robra bei SAH 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Band "Feine Sahne Fischfilet" soll nicht in einem Konzert auftreten, das vom ZDF aus dem Dessauer Bauhaus übertragen wird. Dazu ein Gespräch mit Rainer Robra,

MDR KULTUR - Das Radio Fr 19.10.2018 08:40Uhr 08:35 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Mehr Geschichte

Mehr zum Bauhaus