Interview mit Professorin Swantje Köbsell "Das Thema Behinderungen muss in jede pädagogische Ausbildung"

Vor zehn Jahren unterschrieb Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention. Damit wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet, denn dem Text liegt ein Verständnis zugrunde, dass Behinderungen einerseits durch individuelle Beeinträchtigungen, andererseits durch gesellschaftliche Barrieren zustande kommen. Diese zusammen verhindern die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. Professorin Swantje Köbsell erklärt im Interview, wie sich die Behindertenrechte in Deutschland entwickelt haben, was die Unterschiede zwischen DDR und BRD waren und wie es heute um die Inklusion steht.

MDR KULTUR: Deutschland hat als eines der letzten Länder unterschrieben. Wie lange war denn in Deutschland der Weg zu dieser Erkenntnis?

Swantje Köbsell: Die Erkenntnis ist ja nicht erst seit der UN-Behindertenrechtskonvention in der Welt, sondern die UN-Behindertenrechtskonvention ist das bisherige Ergebnis dieses Umdenkungsprozesses. Der hat in Deutschland angefangen, als behinderte und junge Menschen begonnen haben, sich zu solidarisieren, um den alltäglichen fremdbestimmten Leben, das die Nachkriegszeit bis in die Achtziger dominiert hat, etwas entgegen zu setzen. Damals  war eine Sichtweise von Behinderung dominant, die Behinderung und Beeinträchtigung nicht unterschieden hat. Wer was nicht konnte, der war – mal salopp gesagt – behindert und hatte damit gesellschaftlich automatsch schlechtere Chancen. Das wurde aber nicht als gesellschaftliches Problem gesehen, sondern als individuelles. Das wurde  erst auf die öffentliche Bühne getragen wurde, als sich junge behinderte Menschen zusammenschlossen und öffentlich für ihre Rechte und gegen die allgegenwärtige Aussonderung auftraten.

Sie differenzieren auch mit den Begriffen. Ist es noch politisch korrekt, von Behinderten zu sprechen? Was ist da der Konsens?

Von Behinderten spricht man nicht mehr. Die UN-Behindertenrechtskonvention hat die Vorgabe gemacht, von Menschen mit Behinderungen zu sprachen. Ich selbst bevorzuge behinderte Menschen.

Das Wort Mensch muss also auf jeden Fall mit auftauchen. Deutschland hat zudem eine Geschichte, die sich von anderen Ländern unterscheidet.

Ja, die taucht auch immer wieder in bestimmten politischen Diskussionen auf. Zum Beispiel bei den Themen Pränataldiagnostik oder Sterbehilfe, also bei Fragen der Bewertung von sogenanntem behinderten Leben. Wo Deutschland eben eine andere Geschichte hat als die USA oder Großbritannien.

Wie und wann kam es zu dem Wandel, dass nicht individuelle – also technische und medizinische Lösungen im Vordergrund stehen –, sondern eher gesellschaftliche, dass also die Gesellschaft Barrieren abbauen muss?

Es gab Leute, die das schon sehr früh erkannt haben. Das waren zum einen einige Vertreter aus der Sonderpädagogik/Behindertenpädagogik, wie z.B. Gern Hansen und Georg Feuser, die sehr früh davon gesprochen haben, dass es sich bei Behinderung um eine gesellschaftliche Kategorie handelt. Dann unterschiedliche Gruppierungen behinderter Menschen, die gesagt haben: Es kann doch nicht sein, dass wir, nur weil wir z. B. nicht laufen  können, aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Und die mit viel Aktionen und Nachdruck darauf aufmerksam gemacht haben. Das bekannteste ist das UN-Jahr 1981, das "Jahr der Behinderten", das genutzt wurde, um auch mal auf großen Bühnen zu sagen: Ihr bevormundet uns! Ihr entmündigt uns! Wir haben ein Recht auf Teilhabe!

Wir haben Menschenrechte und wir wollen, dass die umgesetzt werden.

Forderung von Menschen mit Behinderung

Gab es auch Unterschiede zwischen Ost- und West-Deutschland?

Ja, natürlich. In Westen gab es andere sozialen Bewegungen, wie die Studentenbewegung oder Frauenbewegung. Demonstrieren und auf eigene Anliegen aufmerksam machen war hier erlaubt, durchs Grundgesetz geschützt und mehr oder weniger an der Tagesordnung. Wogegen behinderte Menschen in der DDR, die sich mit einer vergleichbaren Situation konfrontiert sahen, diese Möglichkeiten nicht hatten. So entseht oft der Eindruck, dass in der DDR alle "brav zu Hause gesessen haben" und das geduldet haben. Das ist nicht so gewesen. Es gibt noch nicht viel Forschung dazu, aber die, die es gibt, zeigt sehr deutlich, dass es informelle Zusammenschlüsse behinderter Menschen gab – oft auch im Rahmen der Kirche –, die schon sehr deutlich formuliert haben, welche Barrieren sie im Alltag stören und die sich durchaus auch in ihren direkten Lebensumwelten dafür eingesetzt haben, die abzubauen, und da auch erfolgreich waren.

Dass Menschen mit Beeinträchtigungen jahrzehntelang sozusagen unter sich waren, in speziellen Einrichtungen, hat sie in unserem Bewusstsein gar nicht vorkommen lassen. Das hat Klischees und Vorurteile bestärkt. Inwieweit hängt uns das heute als Gesellschaft noch an – in Berührungsängsten zum Beispiel?

Wir haben auf der einen Seite dieses politisch sehr korrekte Sprechen über Behinderung und Beeinträchtigung, gerade in der Politik und bei der Debatte um Inklusion. Aber wenn man Berichte aus der Praxis mitbekommt, merkt man, dass es doch noch große Berührungsängste gibt. Dass sich z. B. Erzieherinnen überfordert fühlen, wenn ein Kind mit einer Beeinträchtigung in die Kita kommt, die für das Kind gar nicht beschränkend ist, aber vom normalen Körperbild abweicht. Ein Beispiel: Einem Kind, dem die eine Hand fehlte, konnte damit relativ gut umgehen, aber die ganze Belegschaft sagte: Wir können das Kind nicht aufnehmen, wenn nicht auch eine Inklusionsfachkraft kommt. Und es zeigt sich immer wieder, dass es halt doch nicht normal ist, dass Menschen verschieden sind. Dass es immer noch nicht selbstverständlich ist, normal miteinander umzugehen – auch wenn "normal" ein doofes Wort ist. Sondern dass es offensichtliche Andersartigkeit doch auch immer noch Ängste, Abwehr und manchmal auch Ekel auslöst.

Dieses Beispiel zeigt auch Defizite in der Ausbildung von Erziehern und Lehrern. Wie weit sind wir mit der Inklusion heute?

Das ist in Deutschland etwas verschieden, weil wir ja 16 Bundesländer haben, die unterschiedlich aufgestellt sind. Ganz zentral ist: Wenn wir eine inklusive Gesellschaft haben wollen, muss das Thema auch immer in allen Ausbildungen – zumindest im pädagogischen Bereich – nicht nur mitgedacht, sondern auch intensiv eingebracht werden. Im Sinne von: Alle Menschen, die Lehrer werden wollen, haben sich im Studium mal mit Fragen von Behinderung, aber auch mit sowas wie Kinder mit Fluchterfahrung, dem berühmten Migrationshintergrund oder der Frage, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen, auseinanderzusetzen, um eben nicht aus einem bildungsbürgerlichen Habitus, den Lehramtsstudenten ja in der Regel haben, nur auf die anderen zu blicken, sondern in der Lage zu sein, sich mit Verschiedenheit und Behinderung angemessen beschäftigen zu können.

Zur Person Swantje Köbsell ist Professorin für Disability Studies an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Langjährig aktiv in der emanzipatorischen Behindertenbewegung, Koordinatorin der "Arbeitsgemeinschaft Disability Studies Deutschland" (www.disabilitystudies.de), Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für den Teilhabebericht der Bundesregierung. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themenkomplexen Eugenik/ Bioethik und ihre Bedeutung für Menschen mit Behinderungen, Lebenssituation behinderter Frauen, bzw. Behinderung und Geschlecht, Disability Studies.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Gemeinsam anders" | 28. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 14:48 Uhr

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