ANNE WILL im Anne Will Studio in Berlin
Anne Will: Eine der bekannten Moderatorinnen im deutschen Fernsehen. Bildrechte: IMAGO

Studie zu Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen Frauen im deutschen TV deutlich unterrepräsentiert

ANNE WILL im Anne Will Studio in Berlin
Anne Will: Eine der bekannten Moderatorinnen im deutschen Fernsehen. Bildrechte: IMAGO

Frauen sind im deutschen Fernsehen deutlich unterrepräsentiert. Das ergab eine am Mittwoch veröffentlichte Studie zu Geschlechterdarstellungen im deutschen Fernsehen und Kino der Universität Rostock. Für die Studie wurden über 3.000 Stunden TV-Programm aus dem Jahr 2016 und über 800 deutschsprachige Kinofilme aus den letzten sechs Jahren analysiert. Untersucht wurde die Präsenz von Frauen und Männer auf deutschen Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden sowie deren Alter und Funktion.

Zu wenig Frauen im deutschen Fernsehen

Insgesamt sind der Studie zufolge Frauen als Hauptakteurinnen und Protagonistinnen mit einem Anteil von einem Drittel im Fernsehprogramm deutlich unterrepräsentiert. Im Fernsehen kommt ein Drittel der Programme sogar ganz ohne weibliche Protagonistinnen aus.

Differenziert auf Genres ist der Frauenanteil lediglich bei Soaps und Telenovelas repräsentativ für die tatsächliche Geschlechterverteilung in Deutschland. Die größten Unterschiede gibt es beim Kinderfernsehen: Hier sind fast Dreiviertel aller Hauptakteure und Protagonisten Männer.

Beziehungen als Frauenthema

Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor. Untersucht wurde das mit kurzen Testfragen. Nur 57 Prozent der Filme bestanden den sogenannten Bechdel-Test, das heißt bei ihnen konnten diese vier Fragen mit "Ja" beantwortet werden: Gibt es zwei Frauen? Haben diese erkennbare Namen? Sprechen diese miteinander? Über etwas anderes als Männer/Beziehung? Umgekehrt für männliche Protagonisten konnten diese Fragen für 87 Prozent der Filme mit "Ja" beantwortet werden.

Bechdel-Test Den Bechdel-Test hat sich die amerikanische Cartoon-Zeichnerin und Autorin Alison Bechdel ausgedacht. Er ist kein wissenschaftlicher Test, wird aber verwendet, um Stereotypisierungen weiblicher Figuren in Spielfilmen einzuschätzen.

Alte Frauen fehlen in Kino und Fernsehen

In der Altersverteilung der Protagonisten und Hauptakteure des untersuchten Materials wurde deutlich: Bis zu einem Alter von Mitte 30 kommen Frauen und Männer in etwa gleich oft vor. Das ändert sich ab Mitte 30. Während bei den unter 20- bis 29-Jährigen noch 54 Prozent Frauen im Fernsehen auftreten, sind es bei den über 60-Jährigen nur noch 20 Prozent. Dieser Effekt lässt sich in allen Sendern über alle Formate und Genres und auch in Kinofilmen finden.

Männer erklären die Welt

Thomas Oppermann (Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, SPD), Ulrich Matthes (Schauspieler), Christiane Hoffmann (Journalistin), Hajo Schumacher (Journalist) und Markus Söder (Bayerischer Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat, CSU) in der ARD-Talkshow hart aber fair
Laut der Studie ein typisches Bild im deutschen Fernsehen: Wenn die Welt erklärt wird, tun das meist Männer. Bildrechte: IMAGO

Gravierend sind die Unterschiede in der Geschlechterverteilung auch bei der Funktion der Abgebildeten im Fernsehen. Insgesamt ist in den Informationsprogrammen nur jede dritte Hauptakteurin weiblich. Hier sind Frauen mit ihrem höchsten Anteil von 43 Prozent als Alltagspersonen immer noch unterrepräsentiert. Unter den Experten treten Frauen jedoch nur mit einem Anteil von 21 Prozent auf.

Männer überwiegen zudem deutlich bei den Sprecherrollen. Hier ist der Verteilungsunterschied besonders in der nonfiktionalen Unterhaltung unausgewogen: Nur 4 Prozent sind Sprecherinnen.

Forscherinnen-Team

Prof. Dr. Elizabeth Prommer und Dr. Christine Linke vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock haben die Studie durchgeführt. Initiiert wurde die Untersuchung von der Schauspielerin und Ärztin Dr. Maria Furtwängler.

Es ist wichtig zu verstehen, welches Geschlechterbild mit der enormen Wirkungsmacht des Fernsehens und Kinos transportiert wird.

Maria Furtwängler

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Kultur Kompakt | 12.07.2017 | 13:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2017, 09:20 Uhr

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