Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt
Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, Direktorin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Leipzig. Bildrechte: MDR/Clara Minckwitz

Gespräch mit Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt "Das hart erkämpfte Frauenwahlrecht muss ich mir auch nehmen"

Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt ist Professorin für Neuere und Neueste Literatur an der Universität Leipzig und Direktorin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung. Mit MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch spricht sie über das Frauenwahlrecht, Feminismus in der DDR und junge Frauen, die nicht wählen gehen.

Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt
Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, Direktorin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Leipzig. Bildrechte: MDR/Clara Minckwitz

Am 12. November 2018 wird in Deutschland an 100 Jahre Frauenwahlrecht erinnert. Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, die Direktorin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Leipzig, betont zu diesem Anlass, dass das Frauenwahlrecht nicht einfach da war, sondern dass es ein langer Kampf war, um dieses zu erreichen.

Frauenbewegungen kommen in den historischen Erzählungen kaum vor

Die Uranfänge der Bewegung sieht Nagelschmidt 1791 in Frankreich, wo die Schriftstellerin Olymp de Gouges, die Rechte der Frauen und Bürgerinnen einklagte, "Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit" forderte, und dafür auf der Guillotine landete.

In Deutschland spielt später Leipzig eine wichtige Rolle. Mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 gilt die Stadt als Wiege der organisierten deutschen Frauenbewegung und blieb auch für einige Jahrzehnte im 19. Jahrhundert deren Zentrum. Zu den Gründerinnen gehörten die Leipzigerinnen Louise Otto Peter, Auguste Schmidt und Henriette Goldschmidt. Auf der ersten Frauenkonferenz diskutierten sie über das Recht auf Erwerbsarbeit für bürgerliche Frauen und eine bessere Mädchen- und Frauenbildung. Auch wenn der Schwerpunkt ihrer Arbeit nicht auf dem Frauenwahlrecht lag, so bereiteten sie dennoch den Boden dafür.

In den dominierenden historischen Erzählungen werden die Frauenbewegungen jedoch nur am Rand miterzählt.

Geschichte ist nach wie vor eine Männergeschichte. Die großen Ereignisse. Und was sind die großen Ereignisse? Revolutionen und Kriege.

Ilse Nagelschmidt, Germanistin

Alle großen Bewegungen haben aber auch tolle Frauen gehabt, die man dann irgendwann vergessen habe, sagt Nagelschmidt und führt als Beispiel auch das Reformationsjubiläum an.

In einem patriarchalen System zum Feminismus

Sie selbst hat  Germanistik, Geschichte und Pädagogik an der Universität Leipzig studiert und promovierte 1983 über "Das Bild der Frau in der DDR-Literatur der fünfziger und sechziger Jahre".

Zum Feminismus ist sie über das Buch "Guten Morgen, du Schöne" gekommen. Die österreichische Autorin Maxie Wander führt in diesem Gespräche mit Frauen über deren Weltsicht und literarisiert die Protokolle. Nagelschmidt hatte geglaubt, dass ihr die Welt offen stünde, ebenso wie ihrem männlichen Kommilitonen. Durch dieses Buch habe sie angefangen, sich auch Gedanken über sich und ihre Wünsche, Hoffnungen und Differenzen zu machen. In ihrer feministischen Beschäftigung will sie die Männer jedoch nicht ausschließen. Diese Stärke sieht sie auch in feministischen Texten von DDR-Autorinnen, die gängiges Rollenverhalten als Basis hatten, diese aber ironisierten.

Mein Feminismus scheint ein ziemlich handfester und tragbarer zu sein.

Ilse Nagelschmidt, Germanistin

Junge Frauen motivieren

Nagelschmidt ist erschüttert, dass in Deutschland viele junge Frauen nicht wählen gehen. "Eigentlich müssten alle Frauen wählen gehen", sagt sie und möchte junge Frauen motivieren, sich das hart erkämpfte Wahlrecht anzueignen und weiter für die eigenen Rechte einzustehen. Und nicht zu denken, es läuft ja alles. Ihr Credo: "Werdet euch eurer eigenen Geschichte bewusst."

Die Gesellschaft ist erst lebenswert, wenn sie geschlechtergerecht ist.

Ilse Nagelschmidt, Germanistin

Die aktuelle Gender-Debatte sieht sie ambivalent, weil Gruppen gegeneinander auftreten. Wichtig ist für Nagelschmidt, dass man gemeinsame Nenner hat, sich die Gesellschaft aber auch immer weiter ausdifferenzieren kann.

Zur Person In Leipzig wurde Ilse Nagelschmidt 1953 geboren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Pädagogik an der Universität Leipzig. 1983 promovierte sie über "Das Bild der Frau in der DDR-Literatur der fünfziger und sechziger Jahr". Die Habilitation erfolgte 1991. Ab 1992 arbeitete Ilse Nagelschmidt als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik an der Universität Leipzig. Dort wirkt sie seit 1996 als Professorin für Neuere und Neuste Literatur. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Deutsch-Deutsche Literatur nach 1989, DDR Literatur, Gender Studies, Literatur des 20. Jahrhunderts und Exilliteratur. Neben der Lehr- und Forschungstätigkeit hatte sie in den Jahren 1994 bis 2002 das Amt der Gleichstellungsbeauftragten der Universität inne und war 2002 bis 2004 Leiterin der Leitstelle für Gleichstellung im sächsischen Staatsministerium für Soziales. Ilse Nagelschmidt ist u.a. Direktorin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung, Gleichstellungsbeauftragte der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig, Vertrauensdozentin der Hans-Böckler-Stiftung, sowie Präsidentin des Freien Deutschen Autorenverbandes.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft ... | 10. November 2018 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2018, 11:46 Uhr