Gespräch mit Manfred Kriener Fleischkonsum: "Wir sind weiter in den Köpfen als in der Bratpfanne"

Noch immer verspeist jeder Deutsche etwa 60 Kilogramm Fleisch und Wurst im Jahr. Doch insgesamt ist der Fleischverzehr tendenziell rückläufig, hat hierzulande sogar einen Imageschaden erlitten. Der Buchautor und Journalist Manfred Kriener schreibt seit vielen Jahren über Ernährung und Umwelt. In seinem zuletzt erschienenen Buch "Leckerland ist abgebrannt" hat er den rasanten Wandel der Esskultur in den Blick genommen – und damit auch den Fleischverzehr.

Ein rohes Rumpsteak und Gewürze.
Vielen Menschen läuft hier das Wasser im Mund zusammen - auch wenn sie sich als "Flexitarier" bezeichnen. Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Sieben Jahre ist es her, dass die Grünen einen "Veggie-Day" einführen wollten. Dafür ernteten sie damals Kritik und Häme. Und doch scheint sich seither einiges getan zu haben, oder?

Manfred Kriener: In der Tat hat sich viel getan. Fleisch hat in den letzten Jahren einen Imageschaden erlitten. Die große Fleischportion ist anrüchig geworden, hat sozusagen einen ranzigen Beigeschmack. Fleisch ist eine Art Gewissensbissen geworden, für manche sogar etwas Obszönes.

In der Klimadebatte werden ja Steak und Schnitzel heute ähnlich betrachtet wie Braunkohle, SUVs und Flugzeuge. Und in der Tat sind ja der Fleischkonsum und die Viehwirtschaft Treiber der Erdüberhitzung. Um mal eine Zahl zu nennen: Ein Kilo Rindfleisch produziert etwa 30 Mal so viel Kohlendioxid wie die Produktion von einem Kilo Mischbrot. Das sind schon gewaltige Unterschiede.

Sie sagen, Fleisch hat einen ranzigen Beigeschmack bekommen. Können Sie das in Zahlen festmachen?

Bei uns in Deutschland finde ich am interessantesten, dass sich heute 50 Prozent, also die Hälfte aller Deutschen, als "Flexitarier" bezeichnen. Das heißt, sie wollen ihren Fleischkonsum bändigen, reduzieren, in den Griff kriegen. Das ist natürlich erstmal eine Behauptung. Wenn man dann sieht, was sie tatsächlich einkaufen, muss man sagen, dass man in den Köpfen schon weiter ist als in der Bratpfanne. Man grillt sich Gemüse, isst dann aber doch Fleisch.

Manfred Kriener
Autor Manfred Kriener Bildrechte: imago/Agentur 54 Grad

Trotzdem finde ich diesen Bewusstseinswandel sehr dramatisch. Und man kann es ja auch sehen: Selbst im letzten bayerischen Gasthaus hat sich die Speisekarte nachhaltig verändert. Es ist sehr viel im Fluss. Es dauert vielleicht noch ein paar Jahre, aber der Fleischkonsum in Deutschland ist zumindest leicht rückläufig.

Wie viel Fleisch können wir denn guten Gewissens verspeisen?

Es deprimiert mich, wenn ich sehe, dass 90 Prozent der Deutschen ernsthaft glauben, dass sie kein Fleisch aus Massentierhaltung essen. 90 Prozent! Und dann gucken Sie sich die realen Zahlen an! Bio-Schweinefleisch hat in Deutschland einen Marktanteil von einem Prozent. Man lügt sich da selbst in die Tasche.

Aber um Ihre Frage zu beantworten: Der durchschnittliche Fleischkonsum weltweit liegt bei durchschnittlich etwa 34 Kilo. Wir sind bei 60 und wir müssen von diesem Fleischberg herunterkommen, schon damit andere Nationen ihren Fleischkonsum erhöhen können. Die US-Amerikaner essen sechs Mal so viel Fleisch wie empfohlen wird, und manche afrikanischen Länder kommen nicht mal auf die Hälfte. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche seien empfehlenswert – und wir sind bei 1,2 Kilo.

Wie kann man es den Menschen hierzulande denn leichter machen, weniger Fleisch zu essen? Oder müsste man sie zwingen?

Essen ist was ganz Individuelles und Intimes. Und mit Zwang kommen Sie nicht weit. Wir sind aber auf einem ganz guten Weg. Inzwischen gibt es vegetarische und vegane Angebote – da hat sich sehr viel getan. Selbst auf dem Münchner Oktoberfest, einer Keimzelle des Fleischgenusses, finden sich 38 vegane Produkte.

Dann gibt es diese vegetarischen Ersatzprodukte wie den Burger von "Beyond Meat" – da sage ich immer: Das ist so eine Art Methadon-Programm für Fleischesser. Diese Produkte sind vom Geschmack, vom Aussehen und von der Konsistenz sehr dicht dran am Original. Natürlich sind diese Produkte stark verarbeitet, aber als Übergang zum Spinatknödel, als Zwischenschritt gewissermaßen, sind sie ein ganz guter Methadon-Ersatz für Fleisch.

Wenn wir in die Zukunft schauen: Welches Fleisch werden wir zukünftig essen? Insekten oder doch lieber Fleischersatz-Produkte aus dem Labor?

Wir wünschen uns alle einen bewussten, reduzierten Fleischkonsum. Aber es gibt auch andere Entwicklungen: In-vitro-Fleisch, also Kunstfleisch aus dem Labor. Da glaube ich, dass die Kosten da im Moment noch sehr hoch sind. Aber schon im nächsten Jahr werden wir die ersten In-vitro-Produkte in den Läden liegen haben.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. April 2020 | 18:05 Uhr

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