Annika Bach
Annika Bach leitet Seemann Henschel seit Oktober 2017 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gespräch Leipziger Verlegerin: So können Eltern zur Leseförderung beitragen

Annika Bach ist seit einem Jahr Verlegerin der E.A. Seemann Henschel Verlagsgruppe in Leipzig. Im Gespräch mit MDR KULTUR erzählt sie von den Höhen und Tiefen des Traditionshauses, spricht über die Herausforderungen für Verleger in digitalen Zeiten und sie sagt: "Kinder müssen in Sprache baden".

Annika Bach
Annika Bach leitet Seemann Henschel seit Oktober 2017 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Annika Bach leitet seit einem Jahr die traditionsreiche E.A. Seemann Henschel Verlagsgruppe. Die Leipziger Verlage wurden im Oktober 2017 von Medienunternehmer Michael Kölmel und Kunsthistorikerin Doris Apell-Kölmel übernommen und gerettet. Verlegerin Annika Bach sagt bei MDR KULTUR, der Verlag sei noch in Begriff, sich neu aufzustellen und vor allem im Segment Kunst am Markt zu positionieren.

Tradtion in die Zukunft tragen

Die Imprints E.A. Seemann, Henschel, Edition Leipzig und Koehler & Amelang sind traditionsreiche Marken. Die Verlage führen eine ungewöhnlich große, aktive Backlist, deren Titel zum Teil bis in die 50er-Jahre zurückreichen. Bach nennt beispielsweise Waganovas "Die Grundlagen des klassischen Tanzes", einen Text, der noch immer als Unterrichtsgrundlage für Balettlehrer zum Einsatz komme.

Die Edition erschienen bei Henschel, der als der führende Theater- und Kunstverlag in der DDR galt. Annika Bach ist sich dieser Tradition bewusst, sagt sie, versteht sie aber nicht als Bürde, sondern eher als Chance und Inspiration für die Zukunft.

Ich lese Verlagsgeschichte und habe mich stark damit auseinandergesetzt [...] Das ist eine große Geschichte. Aber die muss auch gelebt werden und in die Zukunft getragen werden.

Annika Bach, Verlegerin

Dabei sei es gerade für kleinere Verlage "schwierig, die Generationenfolge einzuleiten", so Annika Bach weiter. Die Verlegerin wurde 1981 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte in Berlin und Göteborg. Auf ihr Verlagsvolontariat im Ch. Links Verlag sowie Bärenreiter-Verlag folgte die Arbeit in der Programmleitung Henschel, Koehler & Amelang in Vorbereitung auf die Nachfolge ihres Vaters in die Geschäftsführung.

Dabei sei ihr Vater Jürgen A. Bach nach wie vor ein Vorbild: "In der schweren Phase war es schön zu sehen, wie wir das zusammen durchgestanden haben." Nach einer "starken Phase der Investition" schaue Seemann Henschel jetzt wieder sehr positiv in die Zukunft, so Bach weiter.

Herausforderung des digitalen Zeitalters

Wer brauche noch Lexika aus dem Hause Seemann, wenn Informationen digital und unmittelbar verfügbar sind - man müsse sich etwas Neues ausdenken, so die Verlegerin. Zwar werde es das gedruckte Buch noch sehr lange geben, doch die Herstellung sei teuer, vor allem die von Kunstbüchern. Neben dem kostenintensiven Druck schlage auch der Erwerb von Bildrechten hoch zu Buche. "Die Liquidität von kleinen Verlagen ist dauerhaft angespannt. Deshalb muss man auch gut sein", sagt Annika Bach.

Zu den aktuell größten Problemen der schwächelnden Verlagsbranche gehöre aber nicht allein der Kostendruck, sondern vielmehr die schwindende Bereitschaft, überhaupt zu Lesen.

Wir konkurrieren nicht um das Geld der Leser, sondern wir konkurrieren um die Zeit und eine gewisse Form der Konzentration.

Annika Bach, Verlegerin

Lesen als Grundbildung

Jeder Verlagsmensch müsse sich deshalb für die Leseförderung und die Arbeit mit Kindern engagieren, um die Kulturtechnik des Lesens weiter zu vermitteln. "Das ist Grundbildung, die wichtig ist", sagt Annika Bach. Selbst Mutter eines zweijährigen Sohnes, richtet sie ihren Apell in erster Linie an Eltern: sich mit den Kindern hinzusetzen, ein Buch zu nehmen und nicht nur vorzulesen, sondern auch über Bilder zu sprechen.

Das ist wichtig, das Kind in Sprache zu baden. So dass es selber daran Spaß bekommt.

Annika Bach, Verlegerin

Kinder seien auch Teil der Zukunftsstrategie ihres Hauses. Mit der Reihe "E.A. Semanns Bilderbande" sollen Kindern verschiedene Zugänge zur Kunst eröffnet werden. So legte der Verlag beispielsweise Titel wie "Moderne Kunst  - Activity Buch" vor, die zum Selbermachen anregen und brachte mit "Das ist das Bauhaus. 50 Fragen - 50 Antworten", ein Memo-Spiel mit Bauhaus-Klassikern heraus.

Über die Verlagsgruppe Seemann Henschel Der E.A. Seemann Verlag wurde 1858 gegründet, 1925 der Verlag Koehler & Amelang, 1945 der Henschel Verlag und Edition Leipzig 1960. Nach dem politischen Umbruch 1989 wurde der Verlag E.A. Seemann Verlag eine Zeitlang treuhänderisch verwaltet bis Silvius Dornier den Verlag erwarb und ihn im Sommer 1992 in die neu gegründete Dornier Medienholding in Berlin eingliederte. Der Name E. A. Seemann wurde beibehalten, Lektorat und Herstellung des Verlages blieben in Leipzig. Die Dornier Medienholding trennte sich von den übernommenen Kunst- und Kulturverlagen, zu denen neben E. A. Seemann noch die Verlage Edition Leipzig und Henschel gehörten. Zum 1. April 2003 wurden sie von den Gesellschaftern Bernd Kolf und Jürgen A. Bach erworben und in der Seemann Henschel GmbH & Co. KG neu begründet. 2004 kam der Leipziger Traditionsverlag Koehler & Amelang hinzu. Vor einem Jahr wurden die Leipziger Traditionsverlage von Medienunternehmer Michael Kölmel und seiner Frau, der Kunsthistorikerin Doris Apell-Kölmel, gerettet und vor der Insolvenz bewahrt. Seit Oktober 2017 hat Annika Bach die Geschäfte inne.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft ... | 20. Oktober 2018 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2018, 16:00 Uhr

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