Digitaler Kongress des Hygiene-Museums Dresden "Geteilte Heimaten" – Wie schafft man interkulturelle Begegnungen?

Aufgewachsen in Ost- oder Westdeutschland, Leben auf dem Land oder in der Stadt, Migrationserfahrungen oder nicht: Was spaltet uns und wo entsteht Zusammenhalt? Am Deutschen Hygiene-Museum hat sich der Digitalkongress "Geteilte Heimaten" damit auseinandergesetzt, wie man migrantische Perspektiven hörbar macht und Begegnungen verschiedener Erfahrungswelten ermöglicht. Eine besondere Rolle spielen dabei Kunst und Kultur als Ausdruck von Differenzen und zugleich Mittel für eine gesellschaftliche Verständigung.

Blick hinter die Kulissen des Digitalkongresses "Geteilte Heimaten" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden
Ein Blick hinter die Kulissen des Digitalkongresses "Geteilte Heimaten" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden Bildrechte: Oliver Killig

"Geteilte Heimaten" – so ist die dreitägige Veranstaltung überschrieben. Mit dem umstrittenen Begriff Heimat halten sich die Referierenden aber nicht lange auf. Sie fragen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, wie dieser entsteht und vor allem: wo.

"Wie kommt man überhaupt in den Dialog? An welcher Stelle begegnen wir uns? Wo sind die Räume, in denen wir uns begegnen, wo sind die Räume, in denen überhaupt gesprochen wird?" – die Fragen, die Journalistin und Autorin Lena Gorelik in der ersten Diskussion aufmacht, ziehen sich durch den Kongress. Bedarf nach solchen Räumen gibt es vor allem auf dem Land.

Orte der Begegnung schaffen

Zahlreiche Projektleiterinnen und Akteure aus Soziokultur, Musik und Theater berichten von ihren Erfahrungen – darunter auch Miriam Tscholl, die seit vielen Jahren Kulturprojekte in Sachsen macht. Mit der Idee "x Dörfer" will sie zehn Dörfer mit zehn Künstlerinnen zusammenbringen – die allerdings meist aus Großstädten kommen. Tscholl will zunächst herausfinden: Was brauchen die Leute vor Ort überhaupt? Ehrenamtliche Initiativen gibt es an vielen Orten schon. Aber guter Wille reicht nicht – es braucht auch Geld. Gezielte Fördermittel für Kultur im ländlichen Raum.

Auch die generelle Infrastruktur spielt eine Rolle. Die Theaterpädagogin Liviana Bath berichtet von einem Projekt mit Migrantinnen im ländlichen Sachsen, bei dem der eingeschränkte öffentliche Nahverkehr zum Problem wurde. Ehrenamtliche Fahrdienste bringen inzwischen die Lösung. Für Bath spielt aber auch die persönliche Einstellung jedes einzelnen eine Rolle. Die Bereitschaft, sich mit neuen Menschen und damit auch neuen Fragen auseinanderzusetzen: "Das heißt auch, dass ich mich mit mir konfrontiere, wenn etwas ungewohnt ist."

Menschen mit gegensätzlichen Meinungen an einen Tisch zu bekommen, ist in der Theorie wichtig, aber in der Praxis schwierig. Katrin Rohnstock veranstaltet Erzählsalons von denen sie sagt: Da können alle miteinander ins Gespräch kommen, egal wie unterschiedlich die Einstellungen. Im Vordergrund stehen persönliche Geschichten, nicht Meinung, erzählt sie: "Wenn man die Geschichte des Menschen hört, kann man Empathie entwickeln, weil man sich darin wiederfindet. Meinungen trennen, aber in Geschichten gibt es immer etwas, was verbindet."

Abschlussdiskussion zum Digitalkongress "Geteilte Heimaten" mit Vladimir Balzer, Annekatrin Klepsch, Ulrike Lorenz, Max Czollel, Tobias Knoblich und Thomas Krüger.
Zur Abschlussdiskussion sprachen Vladimir Balzer, Annekatrin Klepsch, Ulrike Lorenz, Max Czollek, Tobias Knoblich und Thomas Krüger. Bildrechte: DHMD

Migrantische Perspektiven hörbar machen

Es gibt aber auch Geschichten, die systematisch nicht gehört und gesehen werden. Etwa die von Menschen, die als Migrantinnen und Migranten in die DDR kamen. Einen Raum für ihre Erfahrungen schafft Mi*Story, ein Projekt des Dachverbands der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland. Auf dem Kongress erzählen Menschen, wie sie aus Vietnam in die DDR kamen, als Vertragsarbeiter oder Studentin. Ngo Thi Thiem kam 1987 mit einem Stipendium an die TU Dresden. Sie erinnert sich an die Unsicherheit der Wendezeit. Sie selbst hatte Glück, durfte bleiben und ihr Studium fortsetzen. Doch vietnamesische Vertragsarbeiter waren die ersten, die entlassen wurden. Ohne Job gab es für sie kein Aufenthaltsrecht. Deshalb machten sich viele notgedrungen mit eigenen Läden selbstständig.

Auch die Generation ihrer Kinder erfährt bis heute Ausgrenzung. Paolo Le Van wurde 1989 in Löbau geboren. Sein Vater kommt aus Vietnam. In den 90ern zieht die Familie vom Land in die Stadt: "Die Leute ziehen aus dem ländlichen Raum weg, weil es da schon krass ist mit dem Rassismus. Das war damals auch so. Deswegen sind wir dann am Ende in Dresden gelandet, wo es auch eine größere Gemeinschaft gab von Vietnamesen."

Migrantinnen und Migranten schafften sich damals eigene Räume, weil sie von anderen ausgeschlossen waren – und noch heute sind, sagt Carina Großer-Kaya vom Projekt Mi*Story. Kulturelle Angebote etwa von Theatern würden viele nicht erreichen, nicht nur wegen der Sprache, auch weil die Themen die Realitäten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte nicht abbilden. Viele der ersten Generation hätten Angst, in Isolation alt zu werden: "Viele fragen sich, ob sie echt dazu gehören. Sind sie Teil der Gesellschaft, wenn sie mehr als 30 Jahre in Ostdeutschland leben oder bleiben sie unerwünschte Fremde?"

Geteilte Heimaten: Deutschland und Europa als interkulturelle Erfahrungsräume Digitaler Kongress vom 10. Mai 2021 bis12. Mai 2021
Die Panels werden im Nachgang online gestellt und sind demnächst auf der Seite des Hygienemuseums Dresden zu finden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Mai 2021 | 12:40 Uhr

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