Rückkehr der Girl- & Boygroups Die Backstreet Boys sind zurück: Das Prinzip Casting

Sie waren ein Pop-Phänomen der Neunziger- und Nullerjahre und sind mit weit mehr als 100 Millionen verkauften Alben die erfolgreichste Boygroup aller Zeiten. Die Rede ist von den Backstreet Boys, die sich reformiert haben und am 21. Mai 2019 ihre Deutschlandtour starten. Auch die Spice Girls, das weibliche Pendant der Backstreet Boys, gehen Ende Mai auf Welttournee. Sky Nonhoff nimmt das zum Anlass, sich für MDR KULTUR die Phänomene Massenhysterie, Popkonsum und die Mechanismen des sogenannten Castings vorzunehmen.

von Sky Nonhoff, MDR KULTUR

''I love you forever Nick'' heißt es auf dem selbstgemalten Plakat, das die Verehrerin der ''Backstreet Boys'' am 12.12.1996 in der Bielefelder Seidensticker-Halle hochhält.
Bei einem Konzert der Backstreet Boys 1996 in Deutschland hält ein Mädchen ein Plakat für Nick Carter hoch. Bildrechte: dpa

Lassen wir mal Fünfe gerade sein. Fünf braucht man nämlich normalerweise, um eine Boyband nach Maß auf die Casting-Beine zu stellen: den sanften Mädchenschwarm, den Rebellischen, den Scheuen, den Geheimnisvollen und den Unauffälligen. Das nennt man Typologie, oder ein wenig neumodischer: Character. Dazu die neuesten Markenklamotten, ein paar schwer debile Moves und den Trend-Haircut der Woche. Und hier noch ein wertvoller Tipp von einer, die sich mit Castings und Boyband-Stars so auskennt wie wohl keine andere. Wie sagte Heidi Klum neulich zu Bill Kaulitz? Pardon, Korrektur, sie sagte das bei Germany's Next Topmodel: "Du musst die Frisur mit Persönlichkeit füllen."

Bei einem Pressetermin in den Neunzigern lächeln die fünf Backstreet Boys in die Kamera
Die Backstreet Boys bei einem Auftritt in Deutschland 1996. Bildrechte: dpa

Genau das machten auch die Backstreet Boys, die anno 1996 im baden-württembergischen Göppingen so viele Mädchen zum Kollabieren brachten, dass die Schnelle Einsatzgruppe des Roten Kreuzes aus dem benachbarten Geislingen anrücken musste. Dabei wiederholte sich die Geschichte, um es mit Marx auszudrücken, mal wieder als Farce: Bei Frank Sinatras Auftritt im New Yorker Paramount Theatre am 12. Oktober 1944 verloren so viele Girls die Kontrolle über ihre Blase, dass die Reinigungskräfte hinterher von einer Flutung des Saals sprachen.

Casting als Prinzip

Man kann gewieften Produzenten nicht ankreiden, dass sie Zwölfjährige für Pawlowsche Hunde halten – und nur böse Zungen würden ihnen Kindesmissbrauch unterstellen. Bedenklich aber mag stimmen, dass das Prinzip Casting längst in alle Lebensbereiche eingesickert ist, ohne dass Bohlens Dieter oder die Optimierungs-Abrichterin aus Bergisch-Gladbach noch gebraucht würden, da sich auf Instagram mittlerweile ohnehin alle ununterbrochen selbst casten; inzwischen braucht man zum Performen nicht mal mehr ein Instrument. Ganz davon abgesehen, dass es den Designern der Backstreet Boys gelungen ist, der Kunstform Teen-Pop ebenso mathematisch marktgerecht wie restlos auszutreiben, was sie je ausgemacht hat: das Spontane, das Unvorhersehbare, das Authentische, kurz: das Lebendige. Und jetzt alle: Loskreischen.

Vom Teenie-Idol in die Gartenschlauch-Abteilung

Die britische Girlband Spice Girls
Die Spice Girls waren ein 90er-Jahre-Phänomen. Von links: Melanie Brown, Geri Halliwell, Emma Bunton, Victoria Adams und Melanie Chisholm. Bildrechte: IMAGO

Dass die zur selben Zeit aktiven Spice Girls mit der Parole "Girl Power" die Ära des Konsumfeminismus ausriefen, passt dazu wie das seinerzeit so angesagte Arschgeweih auf den verlängerten Rücken. Natürlich muss man kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass die Kollektivekstase bei der Deutschlandtour der Backstreet Boys ein wenig verhaltener als vor zwanzig Jahren ausfallen wird. Die Mädels sind schließlich nicht mehr dreizehn, und die Jung-Idole von einst sehen allesamt aus, als könne man sie nun bei Hornbach in der Gartenschlauch-Abteilung treffen. Aber einen Grund gibt es vielleicht doch, nostalgisch zu werden. Denn mittlerweile ist ein Schmachtfetzen wie "Show Me the Meaning of Being Lonely" fast schon wieder große Musik. Und wenn Sie das nicht glauben sollten: Hören Sie sich gelegentlich die Songs von Ed Sheeran an.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2019 | 07:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2019, 10:36 Uhr

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