Interview So kann Kultur im ländlichen Raum gestärkt werden

Wie gerecht ist unsere Gesellschaft: Geht es allen gleich gut – in Ost und West, in Stadt und Land? Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission für Gleichwertige Lebensverhältnisse hat große Unterschiede zwischen den Regionen festgestellt. Wenig überraschend: Das betrifft die Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten, Verkehrs- und Mobilfunkanbindung und den Zugang zu Angeboten der Grundversorgung und Daseinsvorsorge – wozu auch Kunst und Kultur gehören. Die Rolle der Kultur als Bestandteil regionaler Entwicklung erklärt Hortensia Völckers im Interview. Sie ist künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes.

Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes  (2019) 7 min
Bildrechte: imago images / Rolf Zöllner

MDR KULTUR: Welche Rolle spielt Kultur, wenn es um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse geht?

Hortensia Völckers: Um ein würdiges Leben zu führen, muss die Daseinsvorsorge die Versorgung mit Kultur beinhalten. Das ist, glaube ich, eine gesellschaftliche Praxis, die wir haben und auch ein Übereinkommen, wie sich Gesellschaft und Leben gestaltet. Da gehören Kultur und Kunst dazu. Und da haben wir ein in Deutschland ein kleines Problem, was wir als Kulturstiftung immer wieder vorfinden. Speziell zeigt sich das im ländlichen Raum. Zum Beispiel, dass man bei Kultur immer so eine Vorstellung hat, das wäre Hochkultur. Da kommt ein tolles Orchester und macht einen Event, da können Touristen kommen, wenn ich das und das habe – aber nicht: Gibt es öffentliche Orte in einer Kommune, in einer Stadt, egal wie groß sie ist, wo Menschen zusammenkommen und wo sie sich über bestimmte Inhalte austauschen können.

Berichten zufolge will die Regierung eine Neujustierung ihrer Struktur- und Förderpolitik beschließen. Die soll weniger nach Ost und West, sondern nach der Bedarfslage ausgerichtet werden. Wie ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen der Bedarf?

Sie werden verstehen, dass ich das nicht so präzise beantworten kann, weil ich das flächendeckend eruieren müsste. Ich kann nur sagen, es gibt interessante Daten. Wenn ich eine Gemeinde habe mit 500.000 Einwohnern, werden 151 Euro pro Einwohner für Kulturausgaben ausgegeben. Wenn ich 200.000 bis 500.000 Einwohner habe, sind es 126 Euro pro Kopf. Wenn ich eine 10.000 bis 20.000 Einwohner große Kommune habe, sind es nur noch 21,50 Euro. Bei der Größe von 3.000 Einwohnern sind es nur noch fünf Euro.

Wie kommt das zustande?

Das sind Zahlen vom Statistischen Bundesamt.

Ich habe in der Großstadt immer eine größere Diversität und ein größeres Angebot. In Berlin und Halle habe ich Opern, Theater und alles Mögliche. In einem Dorf oder einer Kommune von 3.000 Einwohnern ist natürlich diese Vielfalt nicht da. Das muss vielleicht auch nicht in der Form da sein – aber es muss ein Grundbestand da sein. Und das hat damit zu tun, dass es Orte geben muss, und da ist die Überlegung, welche hält man, welche stärkt man, wer organisiert so was, gibt es überhaupt noch Ansprechpartner.

Da könnten wir jetzt in die Details gehen, wie sowas dann langsam erodiert, wenn ich eine Gebietsreform mache und dann ein Landkreis riesig groß wird. Dann sitzt in der Verwaltung vielleicht jemand, der sich nur noch touristisch orientiert. Der überlegt: 'Wie kriege ich Leute ran?', aber nicht: 'Wie versorge ich meine eigenen?'

Die Kulturstiftung des Bundes hat das TRAFO-Projekt aufgelegt, dabei geht es um Modelle für Kultur im Wandel. Große Kulturbetriebe haben Mitarbeiter, die sich um Anträge für Fördergelder kümmern und sich damit auskennen. Wie kann das im ländlichen Raum funktionieren, wo vor allem Ehrenamtliche tätig sind?

Das Gebäude der Kulturstiftung des Bundes in Halle
Der Sitz der Kulturstiftung des Bundes in Halle an der Saale. Bildrechte: Jens Schlueter/dapd

Verschiedenes ändern wir. In Rheinland-Pfalz gibt es zum Beispiel solche Kulturfonds. Geld, wo sich auch der Bund beteiligen könnte, wenn er wollte. Das sind Formen, wie man sinnvoll Geld verteilen kann – also ein Regionalbudget, so haben wir das genannt. Da kann man, wenn es eine vereinfachte Möglichkeit gäbe, auf eine Seite schreiben, was man vorhat: Ich will ein Festival machen, bei dem die Chöre zusammenkommen, auftreten und so weiter. Ich muss nur reinschreiben, was es ist und was es kostet.

Da müsste es einen Kulturmanager geben oder jemanden, der zuständig ist und mir dabei hilft. Der hat Beratungsstunden, da gehe ich hin. Der zeigt mir, wie ich so was ausfülle, wie ich da einen kleinen Kostenplan mache und vor allem, wie ich das einfach abrechnen kann, dass ich Quittungen sammeln muss: Was kann ich abrechnen, was nicht. Das ist in einer Stunde Beratung erledigt. Diese Person, die dafür zuständig ist, müsste da sein. Das muss der Landkreis oder die Kommune organisieren. Es braucht in der Verwaltung, so wie es das in den Städten auch gibt, jemanden, der für die Kulturleute zuständig ist.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2019, 16:56 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR