Baubeginn vor 175 Jahren Göltzschtalbrücke: Wie das Wahrzeichen des Vogtlandes entstand

Die Göltzschtalbrücke gilt als Wahrzeichen des Vogtlandes und könnte schon bald zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Als am 31. Mai 1846 mit dem Bau begonnen wurde, waren Züge und Eisenbahnbrücken ein neues Phänomen. Daher musste erstmal die Frage beantwortet werden: Wie baut man eine solch gewaltige Eisenbahnbrücke? Ein Zeitungswettbewerb sollte bei der Planung helfen – und scheiterte phänomenal. Trotzdem entstand so mit 26 Millionen Ziegeln die größte Ziegelsteinbrücke der Welt!

Göltzschtalbrücke
Die Göltzschtalbrücke ist die größte ziegelgemauerte Eisenbahnbrücke der Welt – 78 Meter hoch und 564 Meter lang. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor über 175 Jahren startet die Sächsisch-Bayerische Eisenbahngesellschaft einen Zeitungswettbewerb. Mit Tausend Talern Preisgeld hofft man, günstig Ideen für ein ziemlich ambitioniertes Projekt zu finden: Eine Brücke über das Göltzschtal. Tatsächlich gehen rund 80 Vorschläge ein, doch weiterhelfen kann keiner davon. Dennoch entsteht die Göltzschtalbrücke mit der Grundsteinlegung am 31. Mai 1846 und wird die größte ziegelgemauerte Eisenbahnbrücke der Welt: mit 78 Metern Höhe und 564 Metern Länge.

Göltzschtalbrücke in Bildern

Göltzschtalbrücke im Vogtland
Ende Mai 1846 wird mit dem Bau der Brücke begonnen. Bildrechte: IMAGO/ Rainer Weisflog
Göltzschtalbrücke im Vogtland
Ende Mai 1846 wird mit dem Bau der Brücke begonnen. Bildrechte: IMAGO/ Rainer Weisflog
Die Göltzschtalbrücke bei Netzschkau mit ihren 81 Einzelbögen auf vier Etagen gilt als bedeutendstes Verkehrsbauwerke des Vogtlandes und damit auch als touristisches Wanderziel.
Mit 78 Metern Höhe und 564 Metern Länge ist die Göltzschtalbrücke die größte ihrer Art weltweit. Bildrechte: dpa
Göltzschtalbrücke
26 Millionen Ziegel wurden verbaut. Bildrechte: IMAGO / Sylvio Dittrich
Dampflok fährt über Göltzschtalbrücke
11.000 Arbeiter vermauerten 150.000 Ziegel an einem Tag. Bildrechte: Daniel Unger
das Wunder vom Göltzschtal
Eingeweiht wird die Brücke 1851. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
Ein Zug fährt über eine Brücke
Seitdem ist sie Teil der Eisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Hof. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Mai 2021 | 06:40 Uhr

Eisenbahnbrücken sind Neuland im 19. Jahrhundert

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich das Eisenbahnwesen auch in deutschen Landen: Eine Verbindung zwischen Leipzig und Hof soll gebaut werden. Doch die Trassenführung erweist sich als Herausforderung, denn mehr als ein Prozent Steigung schaffen die Lokomotiven nicht. Von Leipzig über Altenburg bis nach Werdau ist die Landschaft flach. Nur deshalb habe man sich für diese Linie entschieden, erklärt Christa Trommer, Chefin des Fremdenverkehrsverbandes Nördliches Vogtland.

Im Göltzschtal sind knapp sechshundert Meter Strecke zu überqueren. So eine Brücke ist Neuland – deshalb der Wettbewerb. Vorsitzender der Jury ist Johann Andreas Schubert, Tagelöhner-Sohn aus Wernesgrün und inzwischen Professor in Dresden. Außerdem ist er der Konstrukteur der "Saxonia" – der ersten funktionstüchtigen, deutschen Lokomotive.

Doch die bei ihm eingehenden Vorschläge sind im Wortsinn nicht tragfähig. Keiner der Brückenentwürfe kann mittels statischer Berechnungen nachweisen, den Belastungen des geplanten Eisenbahnverkehrs gewachsen zu sein. Der erfahrene Ingenieur übernimmt die Sache daraufhin selbst.

Text über Viadukt-Baustelle
Johann Andreas Schubert entwarf die Göltzschtalbrücke, die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Ein Projekt, das zur damaligen Zeit undenkbar schien. Bildrechte: MDR/Bernd Schädlich

Ein kollektives und bahnbrechendes Bauprojekt

Der Journalist und Schubert-Kenner Jürgen Naumann erzählt, dass Schubert sich schrittweise an das Projekt rangetastet habe. Aus den besten Anregungen schafft Schubert einen Kommissionsentwurf: eine durch Bögen aufgelockerte, vierstöckige Massivbrücke aus Ziegelstein.

Gemälde zeigt einen Mann
Im vergangenen Jahr wurde Schubert eine Ausstellung in Wernesgrün gewidmet. Bildrechte: MDR/Bernd Schädlich

Solche Brücken kannte man natürlich auch aus der Römerzeit, aber da fuhren ja keine Züge drüber. Ein Zug war eine völlig andere Belastung. Wie man die berechnet, war eigentlich niemandem klar. Also Schubert war bestimmt ein Genie.

Schubert-Kenner Jürgen Naumann

Bei der Errichtung der Göltzschtalbrücke wird Oberbauleiter Robert Wilke der zweite, prägende Mann sein, neben Schubert. Ein Ausstellungs-Katalog vermerkt später, die Göltzschtalbrücke sei "als Ergebnis kollektiven Mühens unter Federführung von Schubert und Wilke zustande gekommen". Der Grundstein wird Ende Mai 1846 gelegt.

Eine Baustelle der Superlative

Es entsteht eine Baustelle der Superlative. Christa Trommer vom Fremdenverkehrsverband erklärt: "Die Brücke hat 26 Millionen Ziegel, Gerüste mussten gebaut und bis zu 23.000 Baumstämme gefällt werden. Es waren in einem Monat 11.000 Arbeiter hier und konnten insgesamt 150.000 Ziegel an einem Tag vermauern."

1851, rund fünf Jahre nach Baubeginn, wird die Göltzschtalbrücke eingeweiht. Der Eröffnungszug, gezogen von einer englischen Lokomotive, ist besetzt mit hohen Herrschaften. Die an der Strecke liegenden Orte sind festlich geschmückt. Leitende Ingenieure werden mit Orden dekoriert und auf Gedenkplatten gewürdigt. Johann Andreas Schubert allerdings, der geistige Vater der Brücke, ist nicht eingeladen. Zu den Gründen wird spekuliert. Von Schuberts Leistung jedoch kündet bis heute die Göltzschtalbrücke.

Göltzschtalbrücke 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bewerbung als Weltkulturerbe läuft

Im historischen Schlusssteinspruch der Götzschtalbrücke, die 1850 in Anwesenheit des sächsischen Königs Friedrich August II. verlesen wurde, heißt es bereits: "Schaut an, schaut an das Meisterstück, das achte Weltwunder, die Götzschtalbrück'!" Bald schon – wenn der Antrag bewilligt wird – könnte das imposante Ziegel-Bauwerk zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Mehr Informationen Adresse:
Brückenstraße
08491 Reichenbach/Vogtland, OT Netzschkau

Anfahrt:
Bushaltestelle in Mylau "Abzweig Göltzschtalbrücke"

Mit dem Bus aus Richtung Reichenbach kommend weitergehen und vor dem Ortseingangsschild Netzschkau rechts abbbiegen.

Mit dem Bus aus Richtung Netzschkau kommend zurückgehen bis zum Ortseingangsschild Netzschkau und rechts abbiegen.

Aussichtspunkt mit Schaukel:
Nahe Hermann-Löns-Straße bzw. in Verlängerung des Reinsdorfer Wegs
08491 Netzschkau

Ausflugsziele in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Mai 2021 | 06:40 Uhr

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