Klassik Stiftung Weimar Digitalisierung des Goethe-Nachlasses ist auf Vierteljahrhundert angelegt

Das Goethe- und Schillerarchiv in Weimar ist Deutschlands ältestes Literaturarchiv. Es beherbergt wahre Schätze, etwa die Nachlässe der beiden Namensgeber, der von Goethe hat sogar Welterbe-Status. Seit Anfang Juli hat dieses Archiv einen neuen Direktor, Marcel Lepper, ein mit Mitte 40 noch vergleichsweise junger Spitzenforscher im Bereich der Literaturwissenschaft. Lepper hat auf einer Pressekonferenz am Dienstag darüber gesprochen, wie er das Archiv in die Zukunft leiten will. So soll der Goethe-Nachlass digitalisiert werden, auch der eigenen Vergangenheit will man sich verstärkt stellen.

Marcel Lepper, neuer Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs
Marcel Lepper, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar Bildrechte: dpa

Am Dienstag hat der neue Direktor des Weimarer Goethe- und Schillerarchivs seine Pläne für die kommenden Jahre vorgestellt. Digitalisierung ist hier das Stichwort – kein neues Thema, aber wenn man bedenkt, dass im Archiv rund 5 Millionen Blätter lagern, von denen jeweils Vor- und Rückseite gescannt werden müssen, dann ist klar, dass es dauern wird.

Ein wichtiges Projekt, das bald erstmals an die Öffentlichkeit gehen wird, ist "Propyläen", eine riesige Online-Plattform zu Goethes Nachlass. Briefe, Tagebücher, Gespräche und viele weitere Dokumente werden hier auffindbar sein, im Rahmen einer Open-Access-Strategie alles frei zugänglich für Wissenschaftler und Laien. Das Propyläen-Projekt läuft bereits seit fünf Jahren und ist noch auf weitere 20 Jahre angelegt – Goethe hat einst seinen kompletten Alltag dokumentiert, der Nachlass ist deswegen riesig. Anfang Dezember soll nun eine Beta-Version online gehen, bei der man dann auf Entdeckungsreise gehen kann.

In der Plattform wird etwa der Briefwechsel Goethe-Hegel auffindbar sein. Das ist fantastisch, ein spannender Briefwechsel, der auch fürs interessierte Alltagspublikum verständlich ist. Bei Reclam gibt es ihn nicht – aber bei uns.

Marcel Lepper, Direktor des Goethe- und Schillerarchivs

Goethes Schreibtisch in desssen Arbeitszimmer
An diesem Schreibtisch verfasste Goethe zahlreiche der Schriften, die jetzt digitalisiert werden sollen. Bildrechte: imago/United Archives

Die Digitalisierung von anderen wichtigen Nachlässen wird im Vergleich zum enorm umfangreichen Goethe-Bestand wohl schneller voranschreiten, zum Beispiel bei Schiller.

Aufarbeitung der eigenen Geschichte

Neben den Glanzpunkten will sich Lepper aber auch den Schattenseiten in der Geschichte des Goethe- und Schillerarchivs widmen. Zur NS-Zeit sei zwar schon geforscht worden, aber bei weitem noch nicht genug. Der Archiv-Chef lenkt hier zunächst den Blick auf die 1920er-Jahre, auf die Wegbereiter des Nationalsozialismus.

Zum Beispiel auf Adolf Bartels, ein Literaturhistoriker, der in Weimar sehr gut vernetzt war, viel publiziert hat – und der sich schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit dem "deutschen Gruß" verabschiedet hat. Den Bartels-Bestand bezeichnet Lepper als "toxisch": "Wir werden uns ausstatten und diesen Giftschrank auspacken. Das hat man in der Vergangenheit immer mal in Einzelprojekten gemacht. Aber es ist wirklich an der Zeit, dass das Haus sich dazu positioniert. Weil es auch mit der eigenen Geschichte zu tun hat."

Mehr aus Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2020 | 16:40 Uhr