Szene aus Goethes "Urfaust" am Deutschen Nationaltheater Weimar
Der "Urfaust" am DNT Weimar: Auerbachs Keller wird zur Latino-Bar und Marthe Schwertlein ist Besitzerin eines heruntergekommenen Friseursalons. Bildrechte: Candy Welz, Deutsches Nationaltheater Weimar

Kritik Goethes "Urfaust" am DNT Weimar: Weiblicher Mephisto in Latino-Bar

Eine alte Geschichte, von offenbar ewiger Wahrheit und immer wieder gerne erzählt: Am Deutschen Nationaltheater in Weimar hat Goethes "Urfaust" Premiere gefeiert. Auerbachs Keller wird hier zur Latino-Bar, Faust ist ein junger Professor am Rande des Wahnsinns und Mephisto eine Frau. Eine kluge und mutige Inszenierung, die aber auch Fehlstellen hat – urteilt unser Theaterkritiker Wolfgang Schilling.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Szene aus Goethes "Urfaust" am Deutschen Nationaltheater Weimar
Der "Urfaust" am DNT Weimar: Auerbachs Keller wird zur Latino-Bar und Marthe Schwertlein ist Besitzerin eines heruntergekommenen Friseursalons. Bildrechte: Candy Welz, Deutsches Nationaltheater Weimar

Regisseur Tobias Wellemeyer hat eine Idee, die sich wie ein roter Faden durch seine bühnenbildgewaltige Inszenierung zieht: Gretchen fragt irgendwann mal den Faust, hier auf einem Wäscheplatz: "Wie hältst Du‘s mit der Religion?" Dieser Gedanke ist bei Tobias Wellemeyer zentral, aber nie aufdringlich. Dabei verlegt der Regisseur die Handlung weg aus Mitteldeutschland, immerhin sind Harz und Auerbachs Keller ja zentrale Spielorte, in eine fiktive lateinamerikanische Bühnenwelt.

Ein großartiges Bühnenbild

An dieser Stelle hat der Bühnenbildner Harald B. Thor Großes geleistet. Schon wenn man reinkommt, schaut man in eine sehr symbolhaft aufgeladene Landschaft. Die Vorbühne ist eine wüste Ödnis aus braunem Mulch oder Torf - Muttererde, aus der nichts mehr wächst. Nur ein einsamer rostiger Wasserhahn ragt da noch heraus und ein paar windschiefe Telegrafenmasten an der Seite. Im Hintergrund ist ein metallener, nach vorne offener Kubus zu sehen. Ein Labor, ein Serverraum, ein bisschen wie aus einem James-Bond-Film herauskopiert. Dies ist in dieser Inszenierung der Ort der Wissenschaft – Hightech, die aber auch schon mal bessere Tage erlebt hat.

Szene aus Goethes "Urfaust" am Deutschen Nationaltheater Weimar
Ein Kubus als Ort der Wissenschaft: Unser Kritiker Wolfang Schilling ist begeistert vom Bühnenbild. Bildrechte: Candy Welz, Deutsches Nationaltheater Weimar

Die Ausgangslandschaft lässt sich dank der Drehbühne schnell verändern. Da wird die eine oder andere Immobilie angefahren. Auerbachs Keller mutiert zur Latino-Bar, Marthe Schwertlein ist Besitzerin eines heruntergekommen Friseursalons, das wimmelnde Volk Teil einer Madonnen-Prozession. Eine Gruppe von jungen Nonnen, zu der auch Gretchen gehört, ist mit von der Partie. Es wird viel original spanisch und so angehauchtes gesungen. Überhaupt, Musik ist sehr präsent. Marc Eisenschink liefert einen feinen, elektronisch untergründigen Soundtrack, der viel Emotion bewegt – das hat schon filmisches Format.

Faust enttäuscht, alle anderen glänzen

Szene aus Goethes "Urfaust" am Deutschen Nationaltheater Weimar
Faust und Gretchen, gespielt von Marcus Horn und Rosa Falkenhagen. Bildrechte: Candy Welz, Deutsches Nationaltheater Weimar

Doch das schönste Bühnenbild taugt bekanntlich nichts ohne gute Schauspieler. Durch das Metall-Labor direkt in den Torf platzt ein Doktor Faust, den Marcus Horn als eine Art durchgeknallten und an der Welt verzweifelnden Juniorprofessor spielt – immer am Rande des Wahnsinns. Leider ist diese Spielart auch sprachlich zu spüren: Horn hat kein Gefühl für Punkt und Komma, und verrät damit letztlich auch Goethes Text. Das ist schade – vor allem, weil das mit den anderen Figuren nicht passiert.

Dafür überzeugen Mephisto und Gretchen, aber auch Marthe Schwertlein umso mehr. Im Grunde ist es schauspielerisch ein Abend von großer Frauenpower. Denn auch der Mephisto ist weiblich besetzt. Hatten wir ja auch schon alles – aber so, wie das Anna Windmüller macht, hat das etwas beiläufig Doppelbödiges. Mit ihrem Spiel wirkt sie wie ein etwas neben der Spur laufender Uwe Ochsenknecht.

Inszenierung mit Frauenpower

Szene aus Goethes "Urfaust" am Deutschen Nationaltheater Weimar
Szene aus Goethes "Urfaust" am DNT Weimar Bildrechte: Candy Welz, Deutsches Nationaltheater Weimar

Johanna Geissler gibt der Marthe wiederum etwas herrlich selbstbewusst Frauliches. Diese Senora Schwertlein, die kriegt auch als Witwe keiner klein. Aber die eigentliche Sensation ist die Margarethe von Rosa Falkenhagen. Sie ist Absolventin der Münchner Falkenberg-Schule und spielt hier ihre erste Rolle. Und sie hat es einfach drauf, weil sie die Ruhe hat, weil sie dem Text nachspürt und  mit einem Blick mehr sagen kann als mit vielen lauten Worten. Und weil sie es sogar schafft, dem hochgekochten Faust mal ein Lächeln ins Gesicht und Ruhe in den Körper zu zaubern. Aber dafür muss sie hart kämpfen, weil hier zwei Spielarten aufeinanderprallen.

Es gibt diese Szene zwischen Faust und ihr, wo dieser eingangs schon zitierte Satz fällt: "Wie hältst Du es mit der Religion?" Auf der Weimarer Bühne sieht man da in ein offenes, fragendes Gesicht. Und das Gegenüber? Holt tief Luft und rattert los. Menschendarstellerin versus Textmaschine: Das ist die große Fehlstelle in dieser Inszenierung, die ansonsten sehr klug und am Ende richtig mutig ist.

Das letzte Hoffnungsbild

Gerichtet oder gerettet ist das ja die bekannte Frage. Gretchen bleibt mit ihrem toten Kind in einer Favela-artigen Kulisse zurück. Der drängende Mephisto taucht in einem imaginierten SUV im Bühnenhintergrund auf und braust letztlich mit Faust davon.

Der Teufel und das versagende Superhirn machen sich aus dem Staub einer kaputten Welt und lassen was zurück? Eine junge gebrochene Frau? Nein, da fügt Wellemeyer noch ein Bild dazu. Das wir alle kennen, aber an das nicht jeder glaubt. Margarete hält ihr Kind im Arm, und plötzlich sind da ein paar Hirten und drei heilige Männer. Und einen Morgenstern hat auch einer dabei. Gefühlte drei Sekunden ist dieses Hoffnungsbild zu sehen. Dann geht das Licht aus. Und man kann, wenn man will, vieles anders sehen. Und da war ich dann auch, mit so mancher Schwäche dieses Abends versöhnt. Benennen muss man sie trotzdem.

Infos zum Theaterstück Goethes "Urfaust" am Deutschen Nationaltheater Weimar

Nächste Aufführungen finden am 13. und am 26. Oktober statt.

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Oktober 2019 | 10:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2019, 12:41 Uhr

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