Götterdämmerung, Chemnitz, Oper
Die drei Nornen, Schicksalsfrauen der nordischen Mythologie Bildrechte: Kirsten Nijhof

Opernkritik "Götterdämmerung" in Chemnitz ist weiblich, aber nicht feministisch

Am 1. Dezember wurde in Chemnitz der von vier Regisseurinnen geschmiedete "Ring des Nibelungen" zu Ende geformt. Elisabeth Stöppler inszenierte die von Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo dirigierte "Götterdämmerung" als Abschluss der erst im Februar gestarteten Tetralogie. Unser Kritiker kennt die "Ring"-Produktionen in Dresden und Leipzig und hat nun auch in Chemnitz alle vier Teile gesehen. Er fand diese Aufführung musikalisch überzeugend, teils anrührend und war auch als männlicher Kritiker sehr angetan von der weiblichen Sicht auf das Wagner-Bühnenwerk.

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Opernkritiker

Götterdämmerung, Chemnitz, Oper
Die drei Nornen, Schicksalsfrauen der nordischen Mythologie Bildrechte: Kirsten Nijhof

Vier Frauen haben in Chemnitz die vier Teile von Wagners "Ring des Nibelungen" inszeniert. Betont weiblich ist dabei auf jeden Fall diese "Götterdämmerung" von Elisabeth Stöppler geworden. Weiblich, jedoch nicht feministisch. Und damit hebt sie sich von ihren Kolleginnen Verena Stoiber ("Das Rheingold"), Monique Wagemakers ("Walküre") und Sabine Hartmannshenn ("Siegfried") deutlich ab - obwohl es Anklänge auch da gab (Prostitution im "Rheingold", Kindesmissbrauch in "Walküre", Vergewaltigung in "Siegfried").

Das Weibliche der Aufführung hat sich im Laufe des knapp sechsstündigen Abends mehr und mehr ergeben, angefangen mit den wissenden Nornen im Vorspiel. Erst wird die Dekadenz dieser Männerwelt deutlich gemacht, dieses durchtriebene Geifern um Ring und Tarnkappe, also um Macht und Besitz. Dann wird ziemlich sensibel der Missbrauch von Frauen gezeigt - nicht so drastisch wie im "Siegfried" mit Vergewaltigungsszenen, sondern dezenter, hinterhältiger. Und zum Schluss stehen nur mehr Frauen auf der Bühne: Brünnhilde, Rheintöchter, Nornen, sogar Erda, die Erdgöttin, schaut aus "Rheingold" und "Siegfried" nochmal rüber.

Anrührend

Ganz weiblich, und damit anrührend wie wirklich nur selten, ist das Ende des dritten Aufzugs: Siegfried, der große Held, ist tot, von Hagen erschossen, Brünnhilde trauert. Sie und Gutrune haben begriffen, dass sie mit ihrer jeweiligen Liebe zu ihm einer männlichen Intrige - um den verfluchten Ring - zum Opfer gefallen sind. Für den Weltenbrand will sie sich selbst anzünden, ist dazu aber nicht in der Lage. Sie ist nicht so zerstörerisch wie die Männer, die hier mit Waffen und reichlich Alkohol agieren.

Götterdämmerung, Chemnitz, Oper
Daniel Kirch als Siegfried, Cornelia Ptassek als Gutrune und Pierre-Yves Pruvot als Gunther (vlnr.) Bildrechte: Kirsten Nijhof

Berührend finde ich die Aufführung, weil ich noch nie erlebt habe, dass ein Schlitten so innig umschwärmt und betrauert worden ist. Ja, ein Schlitten - für Brünnhildes Pferd Grane. Wer sich auf dieses Sinnbild einlassen kann, wird tief ergriffen sein. Wer dazu nicht in der Lage ist, dem entgeht an dieser Stelle ein tief emotionaler Eindruck. Im übertragenen Sinn könnte das natürlich auch ein Schlitten auf vier Rädern sein - das vom Mann angebetete Objekt ist das Letzte, was von ihm übrig bleibt, und wird von den hinterbliebenen Frauen betrauert.

Eigentlich eine recht armselige Männerwelt - aber doch leider recht realitätsnah. Gerade, indem die Männerwelt hier so brutal und durchtrieben dargestellt wird, bewaffnet und fast ohne Skrupel, spiegelt sie ja die aktuellen Gegebenheiten. Dieses Armutszeugnis hat Wagner schon für seine Zeit (freilich nicht für sich selbst) und gültig bis in heutige Tage ausgestellt.

Weibliche Deutung überzeugt

Götterdämmerung, Chemnitz, Oper
Stéphanie Müther (Brünnhilde – Mitte li.) und Cornelia Ptassek (Gutrune – Mitte re.) Bildrechte: Kirsten Nijhof

Der männliche Kritiker ist hier von der weiblichen Deutung dieser "Götterdämmerung" sehr angetan - und wesentlich mehr als von "Rheingold" und "Walküre". Im "Siegfried" hat sich immerhin schon so etwas abgezeichnet, zumal da der Bösewicht Hagen schon als stumme Figur im Kindesalter mit eingefügt worden ist, der in der "Götterdämmerung" dann zum Mörder von Siegfried wird. Wegen des Rings, wegen der Macht. Ein eiskalt berechnender Machtmensch. Ein Intrigant.

Und eiskalt ist auch die Welt dieser "Götterdämmerung" - das Bühnenbild von Annika Haller erinnert von Anfang an an Caspar David Friedrich, alles ist eisig und zum Schluss steht Brünnhilde im Schnee, mit einem Feuerzeug in der Hand und einem Benzinkanister vor sich, der aber nicht in Brand gesetzt wird. Diese "Götterdämmerung" endet nicht versöhnlich, sie stimmt sehr nachdenklich. Was haben Waffen, was haben Drogen in unserer Welt verloren? Nichts! Das eine wie das andere kann nur zerstören.

Optisch okay - musikalisch großartig

Ein Wort zur optischen Umsetzung. Die Bühne sieht in Chemnitz überwiegend stimmig aus, manchmal aber auf unfreiwillig komisch. Die Kostüme wirken zum Teil recht unvorteilhaft, Brünnhilde in Reithosen geht eigentlich gar nicht, auch wenn das natürlich ein Sinnbild sein soll zu ihrem Pferd Grane. Und dass man bei manchen Aktionen die Menschen nicht von hinten sehen will, hätte auch der Regie auffallen müssen.

Der Chemnitzer Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo hat sich an diesem Abend großartig geschlagen. Er ist bekennender Wagnerianer, das hat er in diesem "Ring" bewiesen. Eine großartige Orchesterleistung, eine wunderbare Begleitung dieser durchweg sehr hörenswerten und zumeist gut textverständlichen Besetzung.

Siegfried wird wieder von Daniel Kirch dargestellt, der stark ist, aber nicht kraftmeiert. Brünnhilde, die ja hier ihren ganz großen Abend hat und bis zum Schluss heftig gefordert ist, singt Stéphanie Müther (sie soll nächstes Jahr bei den zyklischen "Ring"-Aufführungen alle drei Brünnhilden singen, das traut man ihrer kraftvollen, aber betörend sicheren Stimme unbedingt zu). Aber auch Cornelia Ptassek als Gutrune und dritte Norn, Pierre-Yves Pruvot als Gunther, Jukka Rasilainen als Alberich und (mit Abstrichen in der Artikulation) Marius Bolos als finsterer Hagen sind exzellent. Sehr fein auch Anne Schuldt als Waltraute - und selbst alle Nornen und Rheintöchter fügen sich hier mitsamt dem bestens aufgelegten Chor in einen musikalisch großen Abend.

Die Inszenierung ist auf jeden Fall empfehlenswert. Chemnitz muss sich von der musikalischen Qualität her kaum hinter Dresden verstecken, die Ausdeutbarkeit dieses "weiblichen Rings" stellt die Leipziger Inszenierung in den Schatten. Und besonders dieses Wagner-Debüt von Elisabeth Stöppler dürfte für reichlich Diskussionsstoff und Nachdenklichkeit sorgen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Dezember 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2018, 16:14 Uhr

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