Die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin
Eugen Gomringers Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin Bildrechte: dpa

Debatte um Gomringer-Gedicht Kulturbarbarei oder Partizipation?

Die Alice Salomon Hochschule in Berlin lässt ein angeblich diskriminierendes Gedicht an ihrer Fassade übermalen. Der Aufschrei ist groß. Von Zensur und Ende der Kunstfreiheit ist die Rede. Demokratie und Partizpation nennt dagegen die Hochschule ihre Entscheidung.

Die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin
Eugen Gomringers Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin Bildrechte: dpa

"Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer" – das ist die Hauptzeile von Eugen Gomringers Gedicht "avenida“, das auf Spanisch groß die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin ziert und in den letzten Monaten für viel Aufregung sorgte. Der Akademische Senat beschloss nun am Dienstag mehrheitlich, das Gedicht zu übermalen. Studierende hatten moniert, es könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden.

Gedicht erinnere an sexuelle Belästigung

"Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind", heißt es in der Erklärung des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), der 2016 die Entfernung des Gedichts forderte. Es sei nicht das Anliegen, das Gesamtwerk Eugen Gomringers in Frage zu stellen, sondern ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild der Hochschule zu kritisieren. Es erinnere zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen am U-Bahnhof Hellersdorf und dem Alice-Salomon-Platz nahe der Hochschule ausgesetzt seien.

"Provinzposse" und "Kulturbarbarei"

Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung in den Medien und ihren Feuilletons los. Von "Provinzposse", "verrückten Studenten" und der "Vernichtung eines Kunstwerks" ist die Rede. Das Deutsche PEN-Zentrum und der Kulturrat warnten vor Zensur. Der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, sagte:

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine Hochschule, die selbst Nutznießer der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist, dieses Recht dermaßen mit Füßen tritt.

Olaf Zimmermann, Kulturrat
Der Schriftsteller Christoph Hein posiert am 17.03.2016 auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen). Er stellt sein Buch Glückskind mit Vater vor.
Christoph Hein Bildrechte: dpa

Und der Ehrenpräsident des deutschen PEN, Christoph Hein, befand im September: "Wirklich skandalös an diesem barbarischen Schwachsinn eines AStA ist: Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung, d.h. diese Kulturstürmer werden einst den Nachwuchs ausbilden."

Der Axel Springer Verlag stellte das Gedicht am Mittwoch-Nachmittag in spanischer Sprache auf das Leuchtband an seiner Fassade. "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt twitterte: "auf unserem verlagsgebäude läuft das gedicht von #gomringer jetzt und leuchtet in die nacht. gegen den irrsinn der gedichtübermaler und kunstfreiheitsgegner."

"Verzerrende und polemische" Berichterstattung

Die Philosophin Catherine Newmark findet die feuilletonistische Berichterstattung "äußerst verzerrend und polemisch". Im Gespräch mit MDR KULTUR betont sie, dass weder Studierende noch die Hochschulleitung behaupten, das Gedicht sei sexistisch. Es gehe vielmehr um die Frage, ob dieses Gedicht das Leitmotiv für das Leben der Studierenden sein sollte.

Ist es nicht eine Frage, die sich Studierende stellen dürfen: Was hängt an unserer Hochschule? Was haben wir für ein Außenbild?

Philosophin Catherine Newmark

Nicht das Leitmotiv der Hochschule

Die Hochschule sage nicht, das Gedicht sei schlecht und solle vernichtet werden, sondern lediglich, dass es nicht das Leitmotiv für das eigene Haus sei, hat Newmark beobachtet. Das sei ein berechtigter Umgang mit Kunst, findet die Philosophin. "Da wird nicht die Kunstfreiheit beschnitten oder die historische Bedeutung geleugnet. Bloß, weil man sich Schiller nicht an die eigene Hauswand malt, heißt es nicht, dass man Schiller nicht schätzt." Daher fordert sie, dass die Diskussion differenzierter geführt werde.

Prof. Monika Grütters
Kulturstaatsministerin Monika Grütters Bildrechte: Elke A. Jung-Wolff

Doch auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kritisierte die geplante Übermalung als einen "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei". "Kunst und Kultur brauchen Freiheit, sie brauchen den Diskurs, das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte", erklärte Grütters am Mittwoch. "Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche political correctness unterhöhlt, betreibt ein gefährliches Spiel."

Hochschule setzt auf Partizipation

"Wir setzen auf Demokratie, Partizipation und Lernen im Diskurs“, erklärte dagegen die Prorektorin der Alice Salomon Hochschule Berlin, Bettina Völter. Selbstverständlich sei der offene Brief der Studierenden kritisch diskutiert und erwogen worden. "Es liegt uns deshalb als Hochschulleitung fern, einen offenen Brief, den zahlreiche Studierende unterzeichnet haben, und einen darauf folgenden Antrag, der konstruktive Vorschläge unterbreitet, als 'barbarischen Schwachsinn' abzuqualifizieren und unverzüglich ein 'Ende der Debatte' von oben herab zu dekretieren", schreibt sie in einer Stellungnahme.

Mehrheit für Alternativen

Bei einer Online-Abstimmung haben sich die Hochschulangehörigen vor einem Monat mit Mehrheit gegen das Gomringer-Gedicht ausgesprochen. Der paritätisch besetzte Senat entschied sich nun mit acht von zwölf Stimmen für eine von mehreren vorgeschlagenen Alternativen. Das umstrittene Gedicht war bei der Sitzung nach Angaben einer Sprecherin gar nicht mehr Thema. Die Hochschule teilte aber mit, sie werde Gomringers Wunsch nachkommen und auf einer Tafel in Spanisch, Deutsch und Englisch an das Gedicht und die Debatte darum erinnern. Die Fassade soll nun alle fünf Jahre ein neuer Poetik-Preisträger zieren.

Die Alice Salomon Hochschule in Berlin Die Frauenrechtlerin Alice Salomon hat die heutige Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung vor mittlerweile 110 Jahren gegründet. Heute ist sie nach eigenen Angaben mit 3.700 Studierenden die deutschlandweit größte staatliche Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung. Ein Großteil der Studierenden ist weiblich.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 24. Januar 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2018, 16:58 Uhr