"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" Wie Gorbatschow mit einem Satz Geschichte schrieb

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Der, dem das Zitat zugeschrieben wird, fand den Satz anfangs offenbar nicht weltbewegend. "Als Gorbatschow zum ersten Mal mit dem Satz konfrontiert wurde, wusste er nicht, was gemeint war: 'Das soll ich gesagt haben?', fragte er." So berichtet es der ehemalige BRD-Botschafter in Moskau, Andreas Meyer-Landrut. Inzwischen ist es ein Satz fürs Geschichtsbuch. Dabei war er so am 6. Oktober 1989 vielleicht gar nicht aus Gorbatschows Mund zu hören.

Michail Gorbatschow (li.) und Erich Honecker bei der 40-Jahresfeier der DDR 1989
Michail Gorbatschow (li.) und Erich Honecker bei der 40-Jahresfeier der DDR 1989 Bildrechte: MDR/W-K Film/Defa Stiftung

Warten auf Michail Gorbatschow. Am 6. Oktober 1989 ist Erich Honecker ist überpünktlich am Flughafen. Schließlich, so sieht Honecker das wohl, hat er ja tags darauf Geburtstag. Und der DDR-Staats- und Parteichef ist wild entschlossen, Geburtstagslaune zu verbreiten.

Allerdings: Es könnte eine traurige Feier werden. Die DDR steckt in ihrer tiefsten Krise. Die Landeskinder sind nestflüchtig oder aufsässig. Und der große Bruder in Moskau erteilt ungebetene Ratschläge. Vorbei sind die Tage der pflegeleichten deutsch-sowjetischen Freundschaft. Die SED-Spitze – über Jahrzehnte unkritisch moskautreu – hat wenig am Hut mit dem Reformkurs Gorbatschows. Glasnost und Perestroika sollen für die russisch-geschulten DDR-Bürger Fremdworte bleiben.

Warnung an Honecker

Aber Gorbatschow gilt als Ikone der gerade entstehenden Demokratiebewegung, sein Name wird bei den Demonstrationen tausendfach gerufen. Viele DDR-Bürger hoffen auf ein klares Wort von ihm, bei seinem Besuch.

Am Abend des 6. Oktober wird Gorbatschow auf der Straße Unter den Linden in Ostberlin von Journalisten gefragt, ob er die Situation in der DDR für gefährlich halte. "Ich denke nicht", sagt er da, "im Vergleich zu unseren Schwierigkeiten ist das kein Vergleich." Wenig später setzt Gorbatschow den Satz hinzu, der heute gern als die nämliche, berühmte Warnung an Honecker gezeigt wird:

Ich glaube, Gefahren lauern auf diejenigen, die nicht auf das Leben reagieren.

Michail Gorbatschow

Gorbatschow bleibt vage

Indes: Der Sowjetführer bleibt vage, spricht eher von den Erfahrungen im eigenen Land als von den Erfordernissen in der DDR. Mehrmals während seines Aufenthaltes wird er Ähnliches formulieren. Am nächsten kommt Gorbatschow der heute so bekannten, knackigen Aussage beim internen Gespräch mit der SED-Spitze am 6. Oktober. Im Protokoll findet sich folgende Aussage Gorbatschows – zum Teil ein wenig ungelenk ins Deutsche übersetzt:

Ich halte es für wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chance zu vertun. Die Partei muss ihre eigene Auffassung haben, ihr eigenes Herantreten vorschlagen. Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.

Michail Gorbatschow

Wenn dem Übersetzer die Worte fehlen

Dem Übersetzer Gorbatschows fehlten an dieser Stelle die rechten Worte. So erinnert sich der Dolmetscher Helmut Ettinger, der im Gespräch Honeckers Part übersetzte:

"Gorbatschow sagte auf Russisch eindeutig 'zu spät kommen', der Dolmetscher suchte nach dem richtigen Wort und kam nach einer Pause auf ‚zurückbleiben'", so Ettinger. "Mir schien das unklar, und da ich in den Gesichtern mehrerer Zuhörer Ratlosigkeit sah, musste ich eingreifen und fasste den letzten Satz etwas allgemeiner mit den Worten zusammen: 'Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.'"

Eine brisante Formulierung

Auf Honecker bezogen war das eine brisante Formulierung. Der reformorientierte DDR-Bürger, geschult, zwischen den Zeilen zu lesen, hört die Botschaft gern. Der Westen sowieso. Und Gorbatschow selbst verkauft inzwischen das ungesicherte Faktum als historische Wahrheit. In seinem Buch "Wie es war" notiert er:

"Ich entschloss mich, unter Berufung auf unsere Erfahrungen offen zu sagen: 'Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.' Das Gleiche sagte ich Erich Honecker bei der Zusammenkunft mit der Führung der SED."

So wird Geschichte geschrieben. Vielleicht überschätzt man Gorbatschow als planvollen Reformer. Seine Wirkung in der DDR und den anderen einstigen Bruderstaaten damals ist hingegen kaum zu überzubewerten. Und das hat auch mit diesem Satz zu tun.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Oktober 2019 | 06:40 Uhr

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