Roman "Gotteskind": Eine Amerikanerin schließt sich den Taliban an

Autor John Wray hat sich für seinen Roman "Gotteskind" intensiv mit dem Islam und den Taliban beschäftigt. Ihn interessiert, welche Logik eine junge, westlich sozialisierte Frau erst zur Konvertitin und dann sogar zur Dschihadistin werden lässt.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

John Wrays neuer Roman führt nach Afghanistan – in eine karge, wilde, gewaltsame Welt. Ausgerechnet dorthin zieht es eine junge, 18-jährige US-Amerikanerin. Aden Grace Sawyer gibt sich als Mann aus, um mit den Taliban in den Kampf gegen die Ungläubigen zu ziehen. Das mag nach einem wild ausgedachten Abenteuerplot klingen, aber das Gegenteil ist der Fall.

Wray war für sein neues Buch selbst in Afghanistan, um über einen ähnlichen Fall Material zu sammeln. Er wollte ein Sachbuch über einen US-Amerikaner schreiben, der sich den Taliban angeschlossen hatte und nach seiner Verhaftung Ende 2001 als der "amerikanische Taliban" bekannt wurde. Während der Recherche begegnete Wray dann Gerüchten über ein Mädchen in den Reihen der Taliban. Wray forschte nach, aber er kam nicht entscheidend weiter. Ob es das Mädchen wirklich gegeben hat, ließ sich nicht klären. So entschloss er sich, einen Roman zu schreiben – der zwar auf dem Fall John Walker Lindh basiert, aber von fiktiven Charakteren erzählt.

John Wray: Gotteskind
Cover des Romans "Gotteskind" von John Wray Bildrechte: Rowohlt

Wrays Heldin ist eine junge, wache, sympathische Frau aus dem Großraum San Francisco. Ihre Eltern leben getrennt, die Mutter ist eine Trinkerin, der Vater arbeitet als Islamwissenschaftler an der Universität. Doch für den Gelehrten ist der Islam – ganz anders als für seine Tochter, die gegen den Vater aufbegehrt – nur Forschungsgegenstand.

Aden hingegen ist vom Koran fasziniert. Die islamische Religion, der sie sich hingebungsvoll widmet, gibt ihrer leeren, ziellosen Existenz eine neue Bedeutsamkeit. Auf Webseiten, in der Mosche und mit Hilfe ihres Freundes Decker radikalisiert sie sich. Gemeinsam mit Decker reist sie auch los, vorgeblich um die islamische Welt mit eigenen Augen zu sehen. In Wahrheit spielt sie von Beginn an mit dem Gedanken, sich in Afghanistan den Kämpfern dort anzuschließen.

Ein Roman mit permanenter Hochspannung

Schon bei der Abreise hat sie sich den Kopf kahlrasiert und sich antrainiert, mit tiefer Stimme zu sprechen. Unterwegs wickelt sie sich eine Bandage eng um Brust und Rippen – und verwandelt sich so in einen jungen Mann. Trotzdem irritiert sie: "Es ist etwas Besonderes an dir" – sagt einmal ein Taliban zu Aden, die sich jetzt Suleyman nennt. Der Roman gewinnt in der Folge eine permanente Hochspannung daraus, dass ihr nahezu in jedem Moment die Entdeckung droht. Obwohl Aden in einem Ausbildungscamp die gleichen harten Exerzitien durchstehen muss, bleibt sie doch eine Exotin.

Sie kommt aus einer Welt, die für die Menschen, denen sie in Afghanistan begegnet, so weit weg ist wie der Mond. Sie selbst kann bei aller Sehnsucht nach religiöser Unterwerfung ihre Prägungen durch eine viel stärker individualistisch bestimmte Kultur nicht abstreifen. Für die anderen Taliban-Kämpfer ist sie so eine beständige Irritation.

John Wray, das beweist sein Roman, hat sich intensiv mit dem Islam und den Taliban beschäftigt. Ihn interessiert, welche Logik eine junge, westlich sozialisierte Frau erst zur Konvertitin und dann gar zur Dschihadistin werden lässt. Aden wird dabei nicht als dumpfe Extremistin vorgeführt, sondern als eine Suchende portraitiert, die Halt und Erfüllung vermisst und sich deshalb dem Islam zuwendet. Wray hat einmal gesagt, Schreiben bedeute für ihn, Fragen zu stellen und nicht, Fragen zu beantworten. In seinem neuen Roman nähert er sich dem Rätselhaften, ohne es aufzulösen – in einer klaren Sprache, ruhig, nüchtern und behutsam. Er zeichnet Adens Faszination und Selbstaufgabe nach und folgt ihr so genau wie nur möglich auf ihrem Trip in eine fremde Welt.

Angaben zum Buch "Gotteskind" von John Wray
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben
erschienen im Rowohlt Verlag
352 Seiten, 23 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 04:00 Uhr

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