ARD-Themenwoche #WieLeben Künstler Olaf Wegewitz über die Wichtigkeit des poetischen Denkens

Durch den Lockdown sind viele Kreative gezwungen, Arbeit und auch persönliches Leben zu überdenken. Manch einer beschäftigt sich aber schon länger mit der Frage, ob nicht ein Umdenken nötig wäre – zum Beispiel der Künstler Olaf Wegewitz aus Huy im Harzvorland. In seinen Kunstobjekten spielt die Natur, allen voran der Wald, eine zentrale Rolle. Wegewitz sprach mit MDR KULTUR darüber, warum es wichtig ist, das Agieren der Natur zu verstehen und was das mit der Corona-Situation zu tun hat.

Künstler Olaf Wegewitz vor seiner Installation zum Thema Wald.
Olaf Wegewitz setzt sich in seinen Projekten viel mit dem Verhältnis von Kultur und Natur auseinander. Bildrechte: Ulrich Wittstock

Wer derzeit im Harz unterwegs ist, fühlt sich in eine triste Endzeitlandschaft versetzt. Wie Masten versunkener Schiffe ragen abgestorbene Fichtenstämme nach oben. Vögel sind nicht zu hören, dafür das beständige Dröhnen der Motorsägen. Grund ist der Borkenkäfer. Er hat die Wälder fast vollständig kahl gefressen. Für den Künstler Olaf Wegewitz  kommt diese Entwicklung nicht wirklich überraschend. Seit drei Jahrzehnten lebt und arbeitet er im Huy, ein Höhenzug im Vorharz. Das Drama habe eine lange Vorlaufzeit, sagt Olaf Wegewitz: "Da wo Monokulturbestände sind, verschwindet langsam der grüne Wald fast vollständig. Eigentlich ist seit dreißig Jahren klar, wie es Fichten hier ergehen wird."

Neue Installation zum Thema Wald

Kunstinstallation "Wald" von Olaf Wegewitz
Ins seiner neuen Installation hat Wegewitz die vielen Grüntöne des Waldes eingefangen. Bildrechte: Ulrich Wittstock

Während das Braun des toten Holzes die Harzhänge färbt, hat Olaf Wegewitz das Grün des Waldes konserviert oder besser gesagt, die vielen Grüntöne des Waldes – in einer großen Box, die an einen Messestand erinnert. Als müsse man dem Betrachter einen Eindruck vermitteln, wie der Wald mal aussah. Die Installation ist derzeit im Halberstädter Bahnhof zu sehen.

Der Wald spielt seit langem eine große Rolle in der künstlerischen Arbeit von Olaf Wegewitz. "Durch mein Leben hier im Huy habe ich mich mit dem Wald beschäftigt und ziemlich schnell begriffen, wie wichtig der Wald für uns alle ist." Schaue man genauer hin, werde deutlich, dass der Wald meist abgedrängt worden sei. "Weg von den guten Böden in höhere Regionen mit Steinen und Felsen. Schon allein deshalb hat der Wald einen schwereren Stand", ist Wegewitz überzeugt.

Aktueller Waldzustand als Folge eines Denkfehlers

Der Wald ist dennoch für viele Menschen der Gegenwart ein nahezu mythischer Ort, trotz der jährlichen Waldschadensberichte. Für Olaf Wegewitz ist der gegenwärtige Zustand der Wälder die Folge eines Denkfehlers. Das zeige sich Beispielhaft an einem politischen Leitbegriff dieser Tage, nämlich dem Begriff der Nachhaltigkeit: "Die Nachhaltigkeit ist ja ein ökonomischer Gedanke, damit ich immer die gleiche Menge Holz auf einer Fläche habe. Doch jetzt merkt man, dass es nicht funktioniert, wenn man mit der gleichen Baumart immer die gleiche Menge Holz erzeugen will. Das müssen wir ändern und auf Vorhaltigkeit setzen." Nachhaltigkeit bringe uns nicht weiter, sagt Wegewitz. Wenn die Tasche einmal leer sei und man dann auf Nachhaltigkeit setze, dann bleibe sie leer – nachhaltig leer.

Wir müssen auf Vorhaltigkeit setzen, denn Nachhaltigkeit bringt uns nicht weiter. Wenn meine Tasche leer ist und ich setze auf Nachhaltigkeit, dann bleibt sie leer, nachhaltig leer.

Olaf Wegewitz, Grafiker und Buchkünstler

Wenn Olaf Wegewitz vom Vorhalten spricht, dann meint er das im Sinne von Bewahren, Vermehren, Wachsen lassen und behutsam Ernten. Auf dem Huy züchtet er alte Obstsorten und hat so auch den Eigensinn der Natur studiert. Da wächst krumm, was eigentlich gerade sein sollte und stört nicht selten, was der Mensch sich als Ordnung ausgedacht hat.

Virus passt nicht in menschliche Vorstellung von Ordnung

Das zeigt sich nun auch in der aktuellen Corona-Situation und vor allem im Umgang mit dem Virus: "Wir haben ja durch unsere Lebensweise vergessen, wie die Natur eigentlich agiert. Es gibt ja immer die Möglichkeit, dass sich etwas ganz plötzlich ändert und das merken wir jetzt an dem Virus." Der Menschen sei erstmal in Panik, weil seine Konzepte und seine Vorstellung von Ordnung gestört sei, so Wegewitz. "Unter solchen Bedingungen verliert der Mensch seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Ideen zu entwickeln, denn er verliert seine Poesie." Daran arbeitet Olaf Wegewitz seit mehr als vier Jahrzehnten: die Poesie zu verteidigen, gegen die Zumutungen einer künstlichen Ordnung, der er sich aber auch nicht entziehen kann.

Kunstinstallation "Wald" von Olaf Wegewitz
Der Wald spielt eine große Rolle in der künstlerischen Arbeit von Olaf Wegewitz. Bildrechte: Ulrich Wittstock

Seine aktuelle Installation wird nur durch große Fenster zu sehen sein, denn Ausstellungen sind im coronabedingten November-Lockdown geschlossen. Und obwohl er schon seit vielen Jahren quer denkt, hält er von jenen, die sich selbst als Querdenker bezeichnen, nicht all zu viel. Wegewitz ist ein Künstler, der sich ein anderes Denken zu Eigen gemacht hat: "Wir müssen wieder lernen, flexibel zu reagieren und da ist Intuition das Entscheidende. Also wir sollten das Zufällige als Möglichkeit nicht ausblenden und weniger auf das Genaue und das Berechnende setzen. Wir müssen wieder lernen unserer Poesie zu vertrauen und das ist natürlich das, was der Künstler versucht."

Ein beliebter Spruch auf Kaffeetassen und T-Shirts heißt "Poetisiert euch". An der gesellschaftlichen Relevanz seiner Kunst hat Olaf Wegewitz nie gezweifelt – auch wenn er sich dem Kunstmarkt und seinen unpoetischen Auswüchsen verweigert hat. Die Galerien sind nun geschlossen. Das aber hindert nicht am poetischen Denken.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. November 2020 | 16:05 Uhr