"Graustufen" - ein Fotoband über den DDR-Alltag Flake, Jutta Voigt und Ingo Schulze erinnern sich

Im Bildband "Graustufen" des Fotografen Jürgen Hohmuth verschmelzen Alltagsszenen mit persönlichen Erinnerungen an die DDR, gegossen in Prosa- und Lyrikform. Ob sich ein Blick ins Buch lohnt, verrät MDR KULTUR-Autor Hans-Michael Marten.

Der Fotograf Jürgen Hohmuth hat über Jahre mit der Kamera zwischen Warnemünde und Jena den DDR Alltag fotografiert und seine Bilder jetzt im Bildband "Graustufen - Leben in der DDR in Fotografien und Texten" veröffentlicht. Diese Fotos haben Autoren wie Marion Brasch, Ingo Schulze, Jutta Voigt, Lutz Seiler, Christoph Dieckmann oder der Rammstein-Keyboarder Flake zu Texten inspiriert, die den Bildband ergänzen. Durch das Zusammenspiel zwischen Foto und Text entsteht, oft sehr privat, eine Art Poesie des DDR-Alltags.

Graustufen - Fotoband von Jürgen Hohmuth - DDR in Bildern
Berlin, 1990. Den Text dazu liefert im Bildband Jutta Voigt mit 'Schrippe, Schlange, Schicksal'. Bildrechte: Jürgen Hohmuth

Der Westen ist auf, Bäcker Lehmann hat noch zu. Die neue Welt sieht an dieser Stelle aus wie die alte: Schlange stehen.

aus dem Text von Jutta Voigt 'Schrippe, Schlange, Schicksal'

Die Fotografien aus den letzten zehn Jahren der DDR zeigen, wie es aussah. Aber wie es wirklich war, da müssen wir schon unsere Erinnerungen bemühen. War es so grau, so absurd oder so traurig schön? Unser Erleben färbt die Erinnerungen. Und sieht man genau hin, betonen die Schwarz-Weiß-Fotos nicht das Grau, sondern das reduzierte Bunt.

Jürgen Hohmuth, Fotograf
Jürgen Hohmuth, Fotograf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt siebzehn Millionen Erinnerungen an die DDR und mindestens so viele verschiedene Deutungen. Es war nicht fröhlich, und es war nicht hässlich, und es war nicht grau. Wir haben uns unser Leben bunt gemacht.

Jürgen Hohmuth, Fotograf

Vom Prenzlauer Berg aus zog der gelernte Forstarbeiter und Zapfenpflücker Jürgen Hohmuth mit seiner Kamera durch die DDR. Er fotografierte den Tag und den Abend, die Häuser und die Gesichter. Mitte der Achtziger studierte er dann bei Arno Fischer Fotografie. In seinem aktuellen Bildband geht es um Kindheit, um NVA, um Schlange stehen beim Bäcker und natürlich um den Sozialismus.

Flake, Rammstein-Keyboarder und Autor
Flake, Rammstein-Keyboarder und Autor Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Obwohl die Fotos schwarz-weiß sind, habe ich genau dieses Licht vor Augen. Ich sehe dieses freundliche und sonnige Grau des alten Putzes auf den Hausfassaden. Die Fotos haben eine Tür in meine Jugend geöffnet.

Flake, Rammstein-Keyboarder

Graustufen - Fotoband von Jürgen Hohmuth - DDR in Bildern
Jena-Neulobeda, 1988 Bildrechte: Jürgen Hohmuth

Rammstein-Keyboarder Flake hat zum Fotoband den Text "Moped" beigesteuert und erinnert sich darin an wilde Fahrten: "Ich durfte sogar bei einem Jungen aus der Parallelklasse mitfahren (auf dem Moped). Mann, war das schnell. In dem Tunnel am Alexanderplatz dachte ich, mir platzt der Kopf, so einen Krach hatte ich noch nie erlebt. Als ich an der Ecke Winsstraße wieder abstieg, zitterten mir die Knie, und ich vergab meiner Mutter (dass ich kein Moped haben durfte)."

Fast 30 Jahren nach dem Ende der DDR ist es vielleicht an der Zeit, sich noch einmal zu erinnern - ohne betonierte Vorurteile und festsitzende Verklärung. Diesem Buch gelingt das. Durch die vielstimmige Subjektivität der Autoren entsteht hier ein wahrhaftigeres Bild der DDR, als wenn nur einzelne berichten.

Das Buch 'Graustufen' von Jürgen Hohmuth
Cover des Bildbands 'Graustufen' Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angaben zum Buch: Jürgen Hohmuth: "Graustufen: Leben in der DDR in Fotografien und Texten"

erschienen bei Edition Braus 2017
gebundene Ausgabe, 144 Seiten

29,95 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 14. Dezember 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2017, 12:24 Uhr

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