Interviewband "Guten Morgen, du Schöner" Journalistin Greta Taubert auf der Suche nach dem ostdeutschen Mann

Wer ist der ostdeutsche Mann? Das hat sich die Journalistin Greta Taubert gefragt, nachdem sie in Medienberichten über den Osten vor allem auf sächselnde Wutbürger gestoßen ist. Um hinter dieses Klischee zu schauen, hat sich Taubert selbst auf die Suche nach dem Ostmann gemacht. Entstanden ist ein Interviewband, der an den Klassiker von Maxie Wander angelehnt ist. Hier heißt es nicht: "Guten Morgen, du Schöne", sondern "Guten Morgen, du Schöner".

von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Sachbuchkritiker

Gibt es ihn überhaupt, den typischen Ostmann? Folgt man Greta Taubert, die für "Guten Morgen, du Schöner" von Riesa über Tangerhütte bis in die Uckermark gefahren ist, um ostdeutsche Männer zu treffen, dann will man sagen: Den einen Ostmann gibt es nicht. Denn die Männer, denen Taubert begegnet, sind grundverschieden: Da ist der ordnungsliebende Polizist aus Halle, der Medienmanager aus Leipzig, der im Herzen Arbeiterkind geblieben ist, oder der Puppenspieler aus Erfurt, der beim Hausbau merkt, dass in ihm noch vieles von der untergegangenen DDR steckt – vor allem das gegenseitige Helfen.

Aus "Guten Morgen, du Schöner" "Mein Stiefvater hat gesagt, wie ich das machen muss und ist dann selbst vorbei-gekommen. Wir haben quasi auf der Baustelle gewohnt, wochenlang Grundrisse verändert, Mauern eingerissen. Der Vater meiner Freundin hat gesagt: 'Ich gebe euch Geld dazu, damit ihr einen Handwerker beauftragen könnt.' Und genau zwischen diesen zwei Polen bewegt sich heute mein Leben. Es ist ein Hin und Her. Zwischen der alten Welt des Selbermachens und Sich-gegenseitig-Helfens und der neuen Welt des Geldes."

Bruch in der Biographie

Buchcover "Guten Morgen, du Schöner"
Den Spruch "Guten Morgen, du Schöne", hat Greta Taubert angepasst. Bildrechte: Aufbau Verlag

Tauberts Interviewcollage folgt keiner Dramaturgie. Sie steuert nicht bewusst auf eine Erkenntnis zu, die es mit möglichst vielen Aussagen zu untermauern gilt. Dass sich die einzelnen Stimmen ergänzen, sich bestärken und auch widersprechen, ist wohltuend. Einige Gemeinsamkeiten unter den Ostmännern lassen sich dann doch ausmachen: Sie geben nur ungern an, legen in der Beziehung Wert auf Gleichberechtigung und haben die Jahre 1989 und 1990 meist als Bruch in der eigenen Biografie erlebt.

Aus "Guten Morgen, du Schöner" "Das ist eine Erfahrung, die sich durch viele ostdeutsche Biographien
hindurchzieht: Dass es Umbrüche geben kann, dass die ganz große Sache jederzeit scheitern kann. Nicht nur bei der Elterngeneration. Schon bei meinen Großeltern war das so: die hatten einen Bauernhof, wurden aber von den Kommunisten enteignet. Sie mussten mit ansehen, wie ihr Hof vergemeinschaftet und heruntergewirtschaftet wurde. Alles, wofür sie und die Generationen vor ihnen über Jahrhunderte gearbeitet haben, war mit einem Fingerschnippen weg."

Mütter und Söhne

Und natürlich verbindet beinahe alle porträtierten Männer, dass sie von arbeitenden und resoluten Müttern großgezogen wurden. Eben jene Generation, die Maxie Wander in ihrem bekannten Interviewband festgehalten hat, hat auf die Söhne einen prägenden Einfluss gehabt.

Aus "Guten Morgen, du Schöner" "Diese Direktheit kenne ich von meiner ganzen Familie aus Ostdeutschland. Die sind alle auf eine gewisse Weise gnadenlos. Da zeigt keiner Schwäche oder Verletzlichkeit. Die sind alle darauf getrimmt, immer stark zu sein und ihr Ding durchzuziehen. Besonders Frauen. Oh mein Gott, ostdeutsche Frauen! Die sind das Härteste, was es gibt. Mein bester Freund hat mit einer Ostfrau ein Kind und kam mit ihrer Art überhaupt nicht klar. Was ihn an ihr irritiert hat, war, dass sie ihn so oft vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Zumindest hat sich das für ihn so angefüllt."

Greta Taubert und Claudius Nießen 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die "Dritte Generation Ost"

Die schimpfenden und wütenden Ostmänner kommen im Buch nur am Rande vor. Zwar trifft Greta Taubert bewusst einen Mann, der sie im Netz beleidigt hat. Viel mehr interessieren sie aber die eher durchschnittlichen Vertreter der sogenannten "Dritten Generation Ost", also für jene Männer, die die Umbrüche von 1989 als Kind erlebt haben. So wie Andi, 34 Jahre alt und Fotograf aus Berlin, der mit der DDR abgeschlossen hat.

Fotograf Andi in "Guten Morgen, du Schöner" "Bei uns zuhause ist die DDR jetzt Vergangenheit. Wir konzentrieren uns auf die Zukunft. Wir engagieren uns für den Klimaschutz und Gleichstellung. Und worauf wir uns immer verständigen können, sind die internationalen Menschenrechte. Das klingt sehr groß, aber jeder Glaubensgrundsatz ist doch groß. Als typischer DDR-Atheist glaube ich eben an Menschenrechte. Und auf die menschliche Würde können sich doch wirklich alle einigen, oder?"

Ein bewahrtes Stück Utopie

Greta Taubert gelingt es, die männliche Ostidentität in ungeahnt vielen Facetten aufzuzeigen. Natürlich blickt sie im Gespräch mit den Männern an vielen Stellen zurück, erstaunlich oft aber auch nach vorn: Denn viele ostdeutsche Männer haben sich aus der alten Zeit ein Stück Utopie bewahrt. In ihrer Beziehung oder bei der Erziehung der Kinder leben sie Gleichberechtigung. In dieser Hinsicht sind Ostmänner moderne Vorreiter – aber oft auch viel zu bescheiden, um das zuzugeben.

Mehr zum Buch Greta Taubert: "Guten Morgen, du Schöner.
Begegnungen mit ostdeutschen Männern"
Gebunden mit Schutzumschlag, 249 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03464-1
Preis: 20 Euro

Greta Taubert 5 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Mi 11.03.2020 06:15Uhr 05:03 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Greta Taubert 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2020 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2020, 08:31 Uhr

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