Blick auf die Delegierten während der Gründungskonferenz der Oppositionsgruppe "Neues Forum" am 28. Januar 1990 in Berlin.
Das neue Forum gründet sich am 9. September 1989 in Berlin Bildrechte: dpa

Geschichte Vor 30 Jahren: Gründung des Neuen Forums in der DDR

Wenn man Dabei-Gewesene nach Wörtern fragt, die sie mit dem Herbst '89 in der DDR verbinden, fällt vermutlich oft der Begriff "Neues Forum". Damals war dieser Begriff für wenige Wochen und Monate ein Signal, das die einen ängstigte und wütend machte, die anderen aber ermutigte. Am 9. September 1989 trafen sich in Grünheide bei Berlin Bürgerrechtler, um das "Neue Forum" zu gründen, eine Oppositionsbewegung in der DDR.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Blick auf die Delegierten während der Gründungskonferenz der Oppositionsgruppe "Neues Forum" am 28. Januar 1990 in Berlin.
Das neue Forum gründet sich am 9. September 1989 in Berlin Bildrechte: dpa

"Wir bleiben hier!" - Diese drei Worte erklingen Anfang September 1989 als ein entschlossenes Statement. Bis dahin hatten sich zu den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche immer wieder Ausreisewillige getroffen. Doch zu ihrem Sprechchor "Wir wollen raus!" gesellt sich nun vor der Kirche plötzlich dieser neue Ruf. Selbstbewusst untersetzt mit einem Transparent, das freilich schnell von Stasi-Leuten heruntergerissen wird: "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Auf einmal gibt es da also Leute, die die DDR aktiv mit- und umgestalten wollen. Und die diesen Anspruch ganz offen formulieren.

Gerade auch durch die Ausreisewelle ist deutlich geworden, dass jeder sich die Frage persönlich beantworten muss: 'Gehe ich jetzt weg oder bleibe ich? '- Und wenn ich hierbleibe, dann will ich auch etwas tun.

Malerin Bärbel Bohley, Mitbegründerin und Sprecherin des Neuen Forums

Die Gründungsmitglieder wollen den DDR-Normalbürger erreichen

Bärbel Bohley mit ihrem Lebensgefährten Werner Fischer während einer Pressekonferenz im Februar 1988 in Bielefeld
Bärbel Bohley während einer Pressekonferenz Bildrechte: IMAGO

Die Malerin Bärbel Bohley tut etwas. Am 9. und 10. September trifft sie sich mit anderen Mitstreitern aus der DDR-Bürgerrechts- und Friedensbewegung, in Grünheide nahe Berlin, im Haus von Katja Havemann. Anwesend sind unter anderem auch der Molekularbiologe Jens Reich und der Rechtsanwalt Rolf Henrich. Der hatte im Frühjahr mit seinem Buch "Der vormundschaftliche Staat" im Westen für Furore, bei der SED für Verstimmung gesorgt. Henrich erhielt Berufsverbot.

"Es war eine Zeit, in der klar war, es muss etwas passieren", erzählt Rolf Henrich. "Die Verhältnisse müssen sich ändern. Und wir hatten - wenn ich "wir" sage, meine ich Katja Havemann und Bärbel Bohley - wir hatten uns sozusagen in die Hand versprochen, jeder bringt neun Leute mit, so dass wir insgesamt 30 Leute sind - zu diesem 9. und 10. September. Und dabei, das war insbesondere wichtig, sollten nicht allzu viele Pastoren darunter sein, und es sollten möglichst Leute sein, mit normalen durchschnittlichen Berufen. Also nicht unbedingt nur Aussteiger."

Laut SED ist das Neue Forum eine "staatsfeindliche Plattform"

Die anwesenden Bürgerrechtler wollen den DDR-Normalbürger erreichen. Sie verfassen und unterschreiben den Gründungsaufruf des Neuen Forums. Darin heißt es:

In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung.

Aus dem Gründungsaufruf des Neuen Forums
Rolf Henrich, Bürgerrechtler
Rolf Henrich, Bürgerrechtler Bildrechte: dpa

Zu allererst will das Neue Forum überhaupt Öffentlichkeit herstellen. Nur die Sache hat einen Haken: Die herrschende SED sieht sich im Besitz des Wahrheits- und Machtmonopols. Eine davon unabhängige Bürgerbewegung ist in "ihrer" DDR nicht vorgesehen. Dennoch beantragen die Gründer hochoffiziell beim Innenministerium die Zulassung des Neuen Forums als Vereinigung. Die Ablehnung kommt nahezu prompt. Begründung: Das Neue Forum sei eine "staatsfeindliche Plattform". Rolf Henrich kommentiert das damals im West-Radio:

"Ich bin überrascht, dass das Innenministerium der DDR die Erklärung von Dialogbereitschaft gleichsetzt mit Staatsfeindlichkeit. Es gibt ja bei uns ja auch die verfassungsmäßig garantierte Vermutung der Nichtschuld. Und nur ein Gericht könnte feststellen, dass ich ein Staatsfeind bin, aber nicht das Ministerium des Innern."

Nicht abschaffen: Reformieren will das Neue Forum die DDR

Dabei wollen die Gründer des Neuen Forums die DDR gar nicht abschaffen. Aber: Sie wollen sie grundlegend reformieren. Zu allererst fordern sie ein, was zum Teil sogar in der DDR-Verfassung steht. "Das bürgerliche Rechte verwirklicht werden und die politischen Rechte. Das wir reisen können. Wahlgesetz-Änderung, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit. Das wir publizieren können. Das hier wirklich ein öffentliches, gesellschaftliches Leben überhaupt entstehen kann", so formuliert es Bärbel Bohley.

Allen Bestrebungen, denen das Neue Forum Ausdruck und Stimme verleihen will, liegt der Wunsch nach Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden sowie Schutz und Bewahrung der Natur zugrunde. […] Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen der DDR, die an einer Umgestaltung unserer Gesellschaft mitwirken wollen, auf, Mitglieder des Neuen Forum zu werden. Die Zeit ist reif.

Aus dem Gründungsaufruf des Neuen Forums

Dieser Aufruf wird im Herbst '89 tausendfach heimlich vervielfältigt, abgeschrieben, unterschrieben und weitergegeben. Der Ruf "Neues Forum zulassen" wird auf den Demonstrationen dieser Wochen zu einer zentralen, mobilisierenden Forderung, das Neue Forum selbst zur einflussreichsten Oppositionsbewegung. Obwohl es "illegal" ist. Erst Anfang November erfolgt dann doch die Zulassung der DDR-Behörden, einen Tag vor dem Mauerfall.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 09. September 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2019, 04:00 Uhr

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