Günter Sommer spielt auf einem Schlagzeug.
Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer gilt als Vorreiter des Free Jazz in Deutschland. Bildrechte: dpa

Neues Album "Baby's Party": Zentralquartett-Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer wird 75

Er gilt als ein Wegbereiter des Free Jazz in Deutschland und feiert jetzt seinen 75. Geburtstag: der Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer. Er ist international hochgeschätzt, hat schon mit Liedermacher Wolf Biermann und Schriftsteller Günter Grass zusammengearbeitet und sorgt immer wieder für Überraschungen - so auch mit seinem neuen Album "Baby's Party" mit Special Guest Till Brönner.

von Bert Noglik, MDR KULTUR

Günter Sommer spielt auf einem Schlagzeug.
Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer gilt als Vorreiter des Free Jazz in Deutschland. Bildrechte: dpa

Ein ungleiches Paar: hier der in Dresden-Radebeul geborene und in der Free-Scene beheimatete Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer, dort der gestylte, wesentlich jüngere Trompeter Till Brönner, der vom westdeutschen Viersen aus an die Spitze der Pop-Charts gestürmt ist. Gegensätze könnte man meinen. Begegnet sind sich die beiden erstmals an der Dresdner Musikhochschule, an die beide als Professoren berufen wurden.  Aus der kollegialen Neugier heraus entwickelte sich ein musikalischer Dialog.

Günter "Baby" Sommer reizte es, Till Brönner, auf die Abenteuerspielplätze des freien Improvisierens zu locken und die Jazz-Puristen zu verstören: "Wo, sagen wir mal die 'Jazzpolizei', sehr verwundert, überrascht, schockiert ist und überhaupt die Welt nicht mehr versteht. Allen, die sich da wundern, kann ich nur sagen: Till Brönner ist ein Trompeter, der so breit aufgestellt ist, dass er sich wie ein Fisch in der Jazztradition zu bewegen weiß, und zum anderen sämtliche oder fast alle das ABC des neuen Improvisierens beherrscht."

Till Brönner, deutscher Trompeter und Komponist. Aufgenommen am 25.07.2014 in Mainz.
Till Brönner, deutscher Trompeter und Komponist, lernte Günter Sommer an der Musikhochschule Dresden kennen. Bildrechte: dpa

Der Weg zur eigenen Klangsprache

Günter "Baby" Sommer und Till Brönner - ein Hörvergnügen und ein Triumph, was das Konterkarieren von Klischees anbelangt. Sommer, der seinen Beinamen dem New-Orleans-Drummer "Baby" Dodds verdankt, befreite sich bei aller Verehrung bereits früh von der Nachahmung der amerikanischen Vorbilder. Im Spiel mit Gleichgesinnten, wie dem Pianisten Ulrich Gumpert, dem Domorganisten Hans-Günther Wauer, im Solo und später auch im Trio mit dem Trompeter Leo Smith, fand er zu einer eigenen Klangsprache. "Dieses Ausloten, das hat natürlich irgendwo zur Folge gehabt, dass ich alles machen wollte", so Sommer, "das heißt: den Rhythmus, die Melodie, die Harmonie. Und da musste ich das Instrument natürlich erweitern, und da musste ich nach innen horchen, und da waren eben in mir viele von diesen anderen musikalischen, also nicht nur rhythmischen Anteilen vorhanden."

Die Erweiterung des Instrumentariums ging einher mit dem Erspielen neuer Freiheiten. Die Gruppe Synopsis, bereits 1973 gegründet und später unter dem leicht ironischen Namen Zentralquartett neu formiert, wurde zum Inbegriff für den Aufbruch des Free Jazz, hat die DDR überlebt und in ihrer Spätphase sogar noch mit Wolf Biermann, einem Verbündeten im Geiste, gemeinsame Auftritte gefeiert.

Zentralquartett, Ulrich Gumpert mit Wolf Biermann.
Die vier Musiker der Jazzband "Zentralquartett", Günter Baby Sommer (von links), Ernst-Ludwig Petrowski, Liedermacher Wolf Biermann, Konrad Bauer und Ulrich Gumpert. Bildrechte: dpa

Die Nähe zwischen Sprache und Rhythmus

Immer wieder suchte und fand Günter "Baby" Sommer die Verbindung zu Wortkünstlern, zu Literaten. In der Zusammenarbeit mit Günter Grass gewann er eine Erkenntnis, die all seine Aktivitäten durchzieht: "Meine Trommelei hat eine semantische Ebene, also eine Wortebene, eine Erzählebene. Und als ich merkte, wie Grass nahezu in für mich zu analysierenden Rhythmen gelesen hat, nämlich triolisch oder binär, wie wir Musiker sagen, merkte ich, das sind ja Rhythmen, und da wurde mir eigentlich klar, dass das Wort und die Trommelei in ursächlicher Form irgendwie zusammengehören." Mit "Songs for Kommeno" hat Günter "Baby" Sommer deutsche Vergangenheit und europäische Geschichte reflektiert - sein gesamtes Schaffen wird vom Geist des Widerstandes gegen die Gleichgültigkeit durchzogen. Grund zum Feiern und zum Gratulieren.

Der Musiker Günter Sommer spielt auf einem Schlagzeug.
Pünktlich zum 75. Geburtstag veröffentlicht der sächsische Musiker Günter "Baby" Sommer sein neues Album. Bildrechte: dpa
Günter Baby Sommer: "Baby's Party" - Guest: Till Brönner (Albumcover)
Bildrechte: Intakt Records

Angaben zum Album: Günter "Baby" Sommer: "Baby's Party", Guest: Till Brönner, erschienen bei Intakt Records.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2018 | 15:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2018, 04:00 Uhr

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