Günter Kunert
Günter Kunert (89) war in der DDR ein populärer Autor und wurde vor allem für seine Gedichte bekannt. Bildrechte: imago/gezett

Literatur der DDR Günter Kunerts Roman "Die zweite Frau" erscheint nach 45 Jahren

Schriftsteller Günter Kunert schrieb Mitte der 70er-Jahre in der DDR "Die zweite Frau", einen Roman, der mit einem Albtraum über Walter Ulbricht beginnt und von einem Mann handelt, der im Intershop ein Geschenk für seine Frau sucht. "Undruckbar" in der DDR, befand der Autor und versteckte das Manuskript in einer Truhe. Jetzt, kurz vor Kunerts 90. Geburtstag, erscheint der Roman. Dazu Lektor Thorsten Ahrend vom Wallstein Verlag im Interview bei MDR KULTUR.

Günter Kunert
Günter Kunert (89) war in der DDR ein populärer Autor und wurde vor allem für seine Gedichte bekannt. Bildrechte: imago/gezett

MDR KULTUR: Wie kam es zur Entdeckung des Romans?

Thorsten Ahrend: Es ist zufällig, dass er da in Kisten gewühlt hat, die er aufräumen wollte. Dann ist ihm da ein Roman in die Hände gefallen, den er 1974 geschrieben hat, bis ins Jahr '75 rein. Er hat ihn neu gelesen und gedacht, 'Ich hab das Ding total vergessen', aber eigentlich ist es ziemlich spannend, witzig und ziemlich frech. Dann hat er es mir gegeben und gefragt, ob ich es mal lesen und drucken mag im Wallstein Verlag. Beides habe ich sehr schnell getan und klar mit 'Ja' beantwortet.

Worum geht es in dem Buch?

Kunert war jemand, der der DDR zunehmend kritisch gegenüberstand –1965 spätestens auch mit großen Schwierigkeiten belegt von Seiten der Kulturpolitik. Er hat diesen Roman geschrieben in dem Bewusstsein, den kann ich in der DDR sowieso nicht veröffentlichen. Da kommen vor: Intershop, Ostmark gegen Westgeld tauschen und als Figuren ganz unverkennbar Stasi-Angehörige. Es ist in allen Richtungen ein wirklich unkorrekter Roman.

Cover "Die zweite Frau"
Buchcover "Die zweite Frau" Bildrechte: Wallstein Verlag

Weil Kunert aber von Anfang an wusste, den biet ich gar nicht erst an, hat er sich da auch keine Zügel auferlegt, sondern inklusive Pornografie in der DDR seinem Affen auch ein bisschen Zucker gegeben. [...] Das hebt den Roman doch über das, was in den Jahren in der DDR geschrieben wurde sehr raus. [...] Ein Jahr später ist Kunert als Unterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann natürlich kulturpolitisch ganz ins Abseits geraten. 1979 hat er die DDR dann ganz vergessen in Richtung Bundesrepublik. [...]

Er hat ihn als etwas schräges, eine Fingerübung konzipiert. Ein Mann, 40, muss seiner Frau zum 40. Geburtstag ein Geschenk machen und in seiner sehr liebevollen und zugleich sehr hilflosen Art, hat er überhaupt keine Idee. Eine Arbeitskollegin sagt ihm, "da musst du dir richtig Mühe geben", das gibt's aber nur im Intershop. [...] So entwickelt er das.

Inwieweit ist es ein typischer Günter Kunert?

Thorsten Ahrend
Kunerts Lektor Thorsten Ahrend sprach mit MDR KULTUR über den neuen Roman von Günter Kunert. Bildrechte: imago/gezett

Ich glaube, Kunert hat durch seine Kindheitserfahrung, in den 40er-Jahren in Berlin zu überleben, eine solche Weltsicht sich zu eigen gemacht, dass er in der Lage war, die Dinge danach – wie schwer oder tragisch sie waren – auch von der komischen Seite zu sehen. Er ist ein frecher Autor gewesen, der auch die Macht nicht nur tragisch gesehen hat, die ihn behindert hat, sondern diesem ganzen Geschehen auch komische Seiten abzugewinnen – um sich als Individuum und Schriftsteller auch zu behaupten. Das hat er sich bis heute bewahrt. [...] Er wird in wenigen Tagen 90 – um so schwerer wird es, heiter, ironisch und witzig zu bleiben. In Kunerts Fall ist es so. [...]

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch Günter Kunert: "Die zweite Frau"
Wallstein Verlag, 2019
Gebunden, 204 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-8353-3440-3

Über Günter Kunert

Schriftsteller Günter Kunert 1 min
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... lautete eine Losung des "Bitterfelder Wegs". Schriftsteller Günter Kunert konnte darüber nur den Kopf schütteln.

Mi 25.03.1998 22:05Uhr 00:37 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/video173562.html

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Februar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 10:49 Uhr

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