Premiere am Staatsschauspiel "Gundermann: alle oder keiner" in Dresden – eine überzeichnet alberne Revue

Liedermacher Gerhard Gundermann erlebt eine Renaissance: erst mit Andreas Dresens preisgekröntem Film, dann mit der Dokumentation "Gundermann Revier" von Grit Lemke. Nun kommt er ins Theater: Am Dresdner Staatsschauspiel hatte am Wochenende "Gundermann: alle oder keiner" Premiere. Die als Revue bezeichnete Inszenierung ist ein außergewöhnliches Theatererlebnis, zugleich Denkmal und dauerironische Demontage, bei dem das Künstlertum Gundermanns stellenweise verloren geht, so unser Kritiker.

Schaupielerinnen und Schauspieler als Gerhard Gundermann auf der Bühne
In Dresden sind gleich sechs "Gundermänner" auf der Bühne zu sehen. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Das Programmheft zu "Gundermann: alle oder keiner" am Staatsschauspiel Dresden liest sich, als gehe es nicht wieder vordergründig um die Biografie des "singenden Baggerfahrers". So fängt es auch an: sechs "Gundermännern" auf der Bühne, die klarmachen, dass sie als Künstler wahrgenommen werden wollen und nicht als dichtende Braunkohle-Poeten.

Die Inszenierung geht dann aber doch tief in die Biografie hinein. Anders als beispielsweise Regisseur Andreas Dresen in seinem Film. Dresen hatte die Stasi-Geschichte als Widerhaken prominent platziert – für die Zuschauer, die Gundermann gar nicht und die DDR nur aus der westlichen Sicht kennen. Wer die Arbeiten von Regisseur Tom Kühnel kennt, wusste, dass er alles andere als einen Liederabend inszenieren würde.

Gundermann wird zur Stereotype

Betty Freudenberg als Gerhard Gundermann auf der Bühne
Betty Freudenberg als Gerhard Gundermann auf der Bühne Bildrechte: Sebastian Hoppe

Kühnel nutzt sehr gerne revuehafte und skurrile Zugänge zu Themen. Hier wollte er offenbar um jeden Preis vermeiden, dass eine Art Identifikations-Theater beginnt. Deshalb schafft er auch im weiteren Verlauf des Abends dutzende kleine Handlungsebenen, die zeigen, dass es sich um seine künstlerische Arbeit handelt und nicht um ein Gundermann-Estradenprogramm.

Es beginnt im Prinzip schon mit den Gundermann-Figuren selbst: Sie wirken mit ihren Perücken und Brillen, ihrer Klischee-Gundermann-Arbeitskluft und ihrem mal sächsischen, mal brandenburgischen Dialekt wie Gundermann-Abziehbilder, eigentlich parodieren sie ihn sogar. Dass nun genau sechs "Gundermänner" auf der Bühne zu sehen sind, hängt vermutlich mit den Corona-Regeln zusammen. Aber natürlich macht das aus ihm eine Stereotype, einen DDR-Bürger "Typ Gundermann". Einen, der in die Partei eintritt, für die Stasi arbeitet und verbissen für den Sozialismus kämpft. Später rezitiert er sogar einen Text, der die fremdenfeindlichen Zwischenfälle von Hoyerswerda in seine DDR-Erfahrungen mit Ausländern einsortiert und dadurch relativiert. Da gibt es Szenenapplaus.

Gundermanns Künstlertum geht verloren

Der Abend nimmt lange die Form eines Musicals an. Vor diversen Werbeplakaten wird über Gundermanns Stasi-Akten gesungen. Einerseits ist das urkomisch: Das Bärenmarke-Bärchen ist am Start, Barbie tritt auf, der Marlboro-Man. Gundermann singt "Und musst du weinen" vor einer Media-Markt-Werbung. Alles betont ironisch, mit schrillen Kostümen, es wird gesächselt und gealbert. In dieser Form steckt so viel Wertung – verloren gehen in diesen Passagen Gundermanns Texte, sein Künstlertum.

Daniel Séjourné als Gerhard Gundermann auf der Bühne
Daniel Séjourné als Gerhard Gundermann Bildrechte: Sebastian Hoppe

Beim Publikum kommt das offenbar gut an. Es wird viel gelacht. Szenenapplaus gibt es selbst beim Song vom "Barbie Girl". Problematisch allerdings ist, was diese Regietheater-Ebene mit dem Protagonisten Gundermann macht. Seine Unbedingtheit, seine Renitenz, sein Kämpfen, aber auch seine Widersprüchlichkeit werden durch diese Über-Emanzipation des Regisseurs von ihm mit ins Lächerliche gezogen.

Das kann man natürlich machen – macht man bei Klassikern auch gelegentlich – aber in diesem Fall ist es etwas unangemessen. Das klingt vielleicht sehr hart, aber die Methode hat parasitäre Züge: Sie setzt etwas Gundermann-Fremdes auf die Geschichte drauf, gleichzeitig saugt sie alles, was sie brauchen kann, aus Gundermann heraus.

Denn was diesem Abend letztlich doch Poesie und Melancholie verleiht, sind teilweise beeindruckend gesungene Gundermann-Songs vor einer großen Tagebau-Kulisse. Das ist beklemmend, das hat Pathos, das ist das Gegenteil der ansonsten vorherrschenden Dauer-Ironie.

Mehr Regisseur als Gundermann

Insgesamt ist "Gundermann: alle oder keiner" in Dresden ein Abend mit großen Momenten. Mit tollen Schauspielern, auch und vor allem in den Musical-Szenen. Mit kühnen Regie- und Kostümideen:  In einer langen Szene kurz vor dem Ende sehen wir Insekten in einer Talkshow-Parodie über die Zukunft der Lausitz debattieren. Das geht auf Gundermanns ökologische Ader zurück, beispielsweise den Song von der "Grünen Armee". Insekten deshalb, weil Gundermann schon sehr deutlich gewarnt hat, dass wir unseren Planeten vernichten, uns aber nicht so schnell wie Insekten an die zerstörte Erde anpassen können.

Das Drumherum aber, diese überzeichnet alberne Revue, wirklich unschön. Es erinnert ein wenig an Rainer Fettings Willy-Brandt-Statue in der SPD-Zentrale. Die ist wahnsinnig hässlich und die, die ihn verehren sehen daneben immer bisschen bedröppelt aus. Das ist mehr Fetting als Brandt. Die Dresdner Inszenierung ist mehr Kühnel als Gundermann. Sie heißt aber "Gundermann: alle oder keiner" – was sie mit und aus ihm macht, ist gewissermaßen schizophren: zugleich Denkmal und dauerironische Demontage. Für mich ist das zwar nicht aufgegangen, dennoch sage ich: Es bleibt ein wirklich außergewöhnliches Theatererlebnis.

Weitere Aufführungen "Gundermann: alle oder keiner" am Staatsschauspiel Dresden
eine Revue über Helden, Gras und Kohle
von Tom Kühnel

15. Oktober, 19:30 Uhr
16. Oktober, 19:30 Uhr
24. Oktober, 19:30 Uhr
25. Oktober ,16 Uhr

1. November, 19 Uhr
2. November, 19:30 Uhr
11. November, 19:30 Uhr
12. November, 19:30 Uhr

Preis: 11 bis 28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Oktober 2020 | 13:10 Uhr