Premiere Händels "Teseo" in Halle: Mythenkommentar ohne Handlung

An der Oper Halle wird der Medea-Mythos über verschiedene Zeiten hinweg erzählt. Regisseur Martin Berger und sein Team haben Händels "Teseo" stark ausgedünnt und lassen dafür Medea gleich viermal auftreten. Das ermöglicht kluge Kommentare zum ursprünglichen Mythos, wirkt aber nicht immer stimmig. Auch das Orchester ist einzeln besetzt und schlägt sich tapfer. Am meisten überzeugt ist unser Kritiker von der Kammersängerin Romelia Lichtenstein.

Medea ist die heimliche Hauptfigur in Händels fünfaktiger Oper "Teseo", von der an der Oper Halle allerdings coronabedingt nur gute 90 Minuten übrig bleiben. Regisseur Martin G. Berger hat für seine Spielfassung außer der Titelfigur und dem Vater Medeas fast alle Figuren gestrichen, ebenso die Secco-Rezitative, mit denen in der Barockoper die Handlung erzählt und die Arien verbunden werden. Übrig bleibt Medea im Wandel der Zeiten: Ein elisabethanisch kostümiertes Mädchen aus dem Jahr 1690, eine gesellschaftlich engagierte Hallenserin aus dem Jahr 1880, eine in ihrem Hausfrauendasein eingesperrte Version aus dem Jahr 1958 und eine heutige Medea, die ihre geknechteten Vorgängerinnen mit Grausen betrachtet.

"Teseo" an der Oper Halle
Das Paar im 17. Jahrhundert: Paula Schuster und Ki-Hyun Park Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Mythenkommentar ohne Handlung

Es wird ziemlich viel gelitten in den anderthalb Stunden des Pasticcios, was in der Natur der Sache liegt, da es fast nur Liebesarien in die Händel-Playlist geschafft haben. Da wird wahlweise den schönen Augen des Geliebten nachgeträumt oder unerbittliche Rache wegen dessen Untreue geschworen. Ursprünglich war das mal als hinzugefügter Werkkommentar zur barockopernüblich vertrackten Originalhandlung gedacht, aber das erweist sich auf die Dauer als ermüdend monothematisch. Warum lässt zumindest die heutige Medea diesen machohaften Schmierlappen-Theseus nicht einfach hinter sich, nimmt die Kinder und wird als alleinerziehende Mutter Schmuckdesignerin in Berlin-Friedrichshain oder macht irgendwas mit Medien in Hamburg? Stattdessen wird weiter gelitten und mit Pistolen rumgefuchtelt, das allerdings virtuos und sehr genau geprobt. Hier sehen wir offenbar einen verspielt-anspruchsvollen Mythenkommentar, dem leider das Fundament einer konkreten Handlung fehlt.

"Teseo" an der Oper Halle
Ende der 50er: Samuel Mariño und Vanessa Waldhart Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Das alles geschieht in einem mehrstöckigen und sehr wandlungsfähigen weißen Sechseck der Bühnenbildnerin Sarah Katharina Karl, über dessen Treppen und Podeste das Ensemble wandert. Die Kostüme von Esther Bialas spielen klug mit den Klischees der rothaarig-sinnlichen Frau und dem bedrohlichen Opernfinsterling. Überhaupt ist die Oper Halle dafür zu loben, nicht den bequemen Ausweg eines Opernquerschnitts gewählt zu haben, wie es gerade viele andere Häuser machen, sondern eine dramaturgisch tragfähige Neuversion zu versuchen. Schließlich ist es nicht der schlimmste Vorwurf gegen einen Opernabend, dass er zum Nachdenken und zum Widerspruch anregt. Dennoch bleibt der Abend problematisch, zumal die Struktur der Barockoper mit ihrem Wechsel von Rezitativen, Arien und Chören zerstört, ohne eine überzeugende neue Form zu finden.

"Teseo" an der Oper Halle
Vier Medea und eine Affäre: Paula Schuster, Yulia Sokolik, Linda Rabisch, Vanessa Waldhart, KS Romelia Lichtenstein, Händelfestspielorchester mit Attilio Cremonesi am Cembalo Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Wahrer Gefühlsausdruck im Klang

Das liegt allerdings nicht an der musikalischen Umsetzung, denn die wenigen und im erweiterten Orchestergraben weit verstreuten Musikerinnen und Musiker des Händelfestspielorchesters spielen unter dem Dirigenten Attilio Cremonesi engagiert und präzise eine solistische Version, in der jeder nicht ganz ideale Ton gnadenlos auffällt, was sie aber mutig und beherzt bewältigen.

"Teseo" an der Oper Halle
Romelia Lichtenstein und vor ihr Vanessa Waldhart Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Die Sopranistin Romelia Lichtenstein singt die expressivsten Koloraturen des Abends, klingt ausgeruht und fokussiert, bringt so die heutige Medea zum Lodern und Glühen. Vanessa Waldhart macht gute Figur als Hausmütterchen der fünfziger Jahre und Yulia Sokolik ist die überzeugende Gründerzeit-Sufragette. Auch Ki-Hyun Park dröhnt überzeugend als Medeas übermächtiger Vater, während der Sopranist Samuel Mariño nach unausgeglichenem Beginn vor allem in den kraftvollen Arien punkten kann. Mit "Teseo" hat sich auch die Oper Halle auf die Suche nach einer pandemietauglichen Form des Musiktheaters begeben, deren stärkster Moment ganz am Ende liegt, wenn Romelia Lichtenstein beim Verlassen der Bühne eine melancholische Arie mit Flötenbegleitung singt, die im Off verklingt. Hier gibt es keine Sängereitelkeit, sondern nur noch um Können und die Suche nach dem wahren Gefühlsausdruck im Gesang.

Informationen zum Stück "Teseo" von Georg Friedrich Händel an der Oper Halle

Premiere: 2. Oktober 2020

Musikalische Leitung: Attilio Cremonesi
Regie: Martin G. Berger
Bühne: Sarah-Katharina Karl
Kostüm: Esther Bialas
Video: Daniel M. G. Weiß
Dramaturgie: Philipp Amelungsen
Mit: Samuel Mariño, Romelia Lichtenstein, Vanessa Waldhart, Yulia Sokolik, Ki-Hyun Park

Weitere Termine:
23. Oktober 2020, um 19.30 Uhr
1. November 2020, um 15 Uhr
7. November 2020, um 19.30 Uhr
29. November 2020, um 15 Uhr
17. Januar 2021, um 15 Uhr
13. Juni 2021, um 15 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Oktober 2020 | 08:45 Uhr