"Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" "90 fabelhafte Minuten" – nt Halle überzeugt mit Handke-Klassiker

Matthias Schmidt, Filmemacher von "Merkel - Die Unerwartete"
Bildrechte: Juliane Streich / MDR

Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" ist ein ikonisches Theaterstück: Es besteht nur aus Regieanweisungen. Dutzende Personen laufen über die Bühne, ohne miteinander zu sprechen. Das reizt Theaterleute immer wieder, und nun hat auch Matthias Brenner sich diesem Reiz hingegeben und das Stück am neuen theater in Halle inszeniert.

Kultur

Bühnenbild von dem Theaterstück - Die Stunde da wir nichts voneinander wussten 6 min
Bildrechte: Falk Wenzel

Handkes Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" aus den frühen 90er-Jahren scheint perfekt in unsere Zeit zu passen. Denn wir leben aktuell in so einer "Stunde", in einer Ausnahmesituation, in der wir Dinge über uns erfahren, die wir uns nicht hätten träumen lassen. Überall fragen sich Menschen, was wir eigentlich voneinander wissen. Zudem ist das Stück auch formal wie für den Moment gemacht: Die meisten Menschen, die darin auftreten, interagieren nicht miteinander. Sie erscheinen nacheinander – sie halten also Abstand. Handke nannte es ein Schau-Spiel, weil man sich tatsächlich nur mit den Augen, das Spiel schauend, annähern kann. Und es gibt einiges zu schauen in den knapp 90 fabelhaften Minuten, die das Stück in der Inszenierung von Matthias Brenner am neuen theater Halle dauert.

Theater wird selbst zum Thema

Bühnenbild von dem Theaterstück - Die Stunde da wir nichts voneinander wussten
Das Ensemble des neuen Theaters Halle in "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" Bildrechte: Falk Wenzel

Bei Handke spielt das Stück in einem nicht näher definierten urbanem Raum, wie beispielsweise der Markplatz einer Stadt. Auch in Halle gibt keine realistische Verortung. Nur wenn ein Darsteller Hallorenkugeln essend über die Bühne geht, ahnt das Publikum, wo wir sind. Wenn ein Dynamo-Dresden-Fan auftritt, heißt das wohl, dass der Hallesche FC dieses Jahr in derselben Liga spielt. Die Bühne steht mittig zwischen den drei Zuschauertraversen. Sie ist rund wie eine Zirkusmanege und auf ihr steht nichts weiter als ein Brunnen. Man kann sich also ganz auf die zwei Darstellerinnen und acht Darsteller, ihre Rollen, ihr stummes Spiel konzentrieren. Das gelingt wirklich famos! Anfangs stehen sie alle zusammen auf der Bühne, tragen rote Clownsnasen und erkunden ihre Arena, machen ein paar Übungen – sie spielen sich warm nach der langen Theaterpause, sozusagen.

Bei Matthias Brenner wird das Theater selbst zum Hauptthema des Abends. Rings um die Bühne stehen drei große Videoleinwände, auf denen man vor allem zum Ende des Abends hin immer wieder Szenen aus Inszenierungen der Vor-Corona-Zeit sieht, gemischt mit Bildern von aktuellen Proben. Das Publikum kann beobachten, wie sich alle bemühen, Abstand zu wahren, dabei dennoch das herzustellen, was man "neue Normalität" nennt – und einfach zu arbeiten. Das sind schöne Backstage-Eindrücke, die man gerne sieht, auch wenn man bei der Erinnerung an frühere Arbeiten vielleicht ein bisschen melancholisch wird.

Humorvoll, ernst, anspielungsreich

Dann beginnt auf der Bühne das bunte Treiben und nicht zuletzt auch eine Kostümschlacht. Denn das zehnköpfige Ensemble muss mehr als 400 Rollen bewältigen. Es heißt, Peter Handke sei auf die Idee zum Stück "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" gekommen, als er in einem Café saß und die Passanten beobachtete. Die Handlung ergibt sich beim Beobachten. Manches kann man möglicherweise erahnen, anderes nicht. Es gibt den Straßenfeger, den Polizisten, einen Kellner, eine Frau mit einem auffälligen Festkleid. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können nun darüber nachdenken, was diese Figuren antreibt, wie es ihnen geht. Tatsächlich sieht man etwas in ihnen – ob sie trauern, Angst haben, flanieren oder flüchten. Manchmal wird auch deutlich, wie sie sich zueinander verhalten. Es gibt eine Szene, da stampfen alle im selben Rhythmus auf die Bühne, nur einer macht nicht mit und behält einen anderen Rhythmus bei. Dann kommt es zu Rempeleien, sogar zu einem Fechtkampf. Das Schöne daran ist, dass man es alles auch politisch, auf das Heute bezogen, interpretieren kann. Aber man muss es eben nicht.

Bühnenbild von dem Theaterstück - Die Stunde da wir nichts voneinander wussten
Martin Reik in "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" Bildrechte: Falk Wenzel

Anspielungen ans Jetzt

Es gibt viele humorvolle Momente, tatsächlich wird mehr gelacht, als ich vorher gedacht hätte: Zum Beispiel wenn der nicht wirklich sportlich wirkende Martin Reik als rhythmische Sportgymnastin Übungen mit dem Ball vollführt, der ihm dann natürlich prompt in den Brunnen fällt und danach von einem Frosch wieder herausgegeben wird. Das sind Albernheiten, aber es gibt ebenso ernste Momente immer wieder mit konkreten Anspielungen auf bereits Bekanntes: Als ein Mann mit einem offenbar toten Kind im Arm hereinkommt, ist auf den Leinwänden ein Strand zu sehen. Das weckt Erinnerungen an das tote Flüchtlingskind, dessen Foto im Sommer 2015 in allen Medien präsent war. Der Mann legt das Kind auf dem Brunnenrand ab und kurz darauf fällt es hinein. Ist jetzt das Kind in den Brunnen gefallen? Sicher macht es keinen Sinn, jedes Bild und jeden Auftritt zu analysieren und zurückzuübersetzen in unsere Welt, aber man könnte das tun: Zeichen erkennen, Verbindungen herstellen.

Bühnenbild von dem Theaterstück - Die Stunde da wir nichts voneinander wussten
Enrico Petters in "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" Bildrechte: Falk Wenzel

Man kann in den aneinander vorbeihuschenden Menschen noch viel mehr erkennen. Vielleicht lernen die Menschen im Zuschauerraum, ein bisschen mehr aufeinander zu achten in den Zeiten der Vereinzelung. Matthias Brenners Inszenierung von "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" am neuen theater Halle ist vielschichtig, spielfreudig, ernst, heiter und macht einfach Lust auf Theater. Nicht zu vergessen, die über lange Strecken zugespielte, sehr schöne, stimmungsvolle Musik einer Band namens "Dead Brothers" aus Genf. Ein richtig gelungener Theaterabend.

Mehr zum Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wissen" von Peter Handke
am neuen theater Halle

Regie: Matthias Brenner
Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Henriette Hörnigk
Video: Alina Rebhahn
Mit: Sybille Kreß, Bettina Schneider, Nils Thorben Bartling, Harald Höbinger, Enrico Petters, Andreas Range, Martin Reik, Till Schmidt, Jörg Simonides, Matthias Walter

Weitere Termine:
10. Oktober, um 19.30 Uhr
11. Oktober, um 18 Uhr

Theater in und um Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. September 2020 | 10:15 Uhr