Shakespeare-Zitat an der Fassade eines Wohnhauses neben dem Neuen Theater am Universitätsplatz in Halle am Abend
Shakespeare-Zitat neben dem Neuen Theater in Halle Bildrechte: IMAGO

Bühnenstreit Welches Theater passt zu Halle?

Am 22. Februar tagt der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH). Auf der Tagesordnung stehen die Vertragsverlängerungen für die Intendanten: Christoph Werner (Puppentheater), Matthias Brenner (Schauspiel) und Florian Lutz (Oper). Bei Brenner, und vor allem bei Lutz, scheiden sich die Geister. Am Ende geht es um die Frage, ob man sich ein lebendiges oder ein totes Theater leisten will.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Shakespeare-Zitat an der Fassade eines Wohnhauses neben dem Neuen Theater am Universitätsplatz in Halle am Abend
Shakespeare-Zitat neben dem Neuen Theater in Halle Bildrechte: IMAGO

Rückblende: Im April 2007 ist ein besonderer Tag für die Oper Halle. Peter Konwitschny erhält den Theaterpreis des Internationalen Theaterinstituts. Wie George Tabori oder Pina Bausch zuvor. Konwitschny sagt am Ende seiner Dankesrede, dass er sich sehr über den Ort der Verleihung, Halle, freue, denn er habe hier gelebt und sechs wichtige Arbeiten gemacht. "Ich hatte das Glück, mit der Brechtschen Theatertheorie und Praxis die großartige Form der Händelschen Werke zu knacken, durch Unterstützung, die ich hier bekam." Heute ist diese Ära legendär. Und markiert zu einem Teil die Bedeutung der Händelstadt Halle.

Um Halle und die Frage, welches Theater zu dieser Stadt am besten passt, geht es auch bei der anstehenden Vertragsverlängerung für die drei Intendanten. Christoph Werner ist unumstritten. Mit seinem Puppentheater spielt er in der internationalen Champions League. Matthias Brenner hat die Idee der "Kulturinsel", die Peter Sodann seit den frühen 80er-Jahren aufgebaut hatte, klug und zeitgemäß weiterentwickelt.

Im Ergebnis ist es ein modernes Volkstheater – Volkstheater, weil es die Hallenser annehmen; modern, weil es die relevanten Themen und Stoffe samt klassischem Repertoire in unterschiedlichste Formen kleidet und verwandelt, auch in Kooperation mit den anderen Sparten. Auch er ist ein Glücksfall für Halle.

Sein Problem ist die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer der TOOH, Stefan Rosinski. In der Mitteldeutschen Zeitung bescheinigt ihm Brenner "Übergriffigkeit, Vertrauensbruch und Störung des Betriebsfriedens". Eine überarbeitete Geschäftsordnung der TOOH GmbH könne allerdings vor diesen Übergriffen schützen. Das ist eine klare Forderung an den Aufsichtsrat, die Brenner hier ausspricht.

Werktreue vs. Regietheater

Florian Lutz
Florian Lutz Bildrechte: dpa

Der Wackelkandidat bei den Vertragsverlängerungen ist Opernintendant Florian Lutz. Er würde das (Stamm-)Publikum zu einem beträchtlichen Teil vergraulen, ein zu abgehobenes Theater machen, so lautet der Vorwurf. Beispielsweise in einem Brief des Orchestervorstands: "In Aufführungen, die die Grenze zum multimedialen Spektakel überschreiten", gerieten die musikalischen Leistungen zur Nebensächlichkeit.

Bei genauerer Betrachtung sprechen die Besucherzahlen eine andere Sprache. Bevor Lutz seinen Posten antrat, hatten nach Auskunft der Geschäftsleitung des Theaters (Quelle: nachtkritik.de) 70.574 Besucher die Oper besucht. 60.289 waren es in der ersten Spielzeit, die Lutz verantwortete, 63.216 in seiner zweiten, und in der aktuellen, die zur Hälfte um ist, sind es bis Anfang Februar knapp 57.709 Besucher gewesen. Ein beträchtlicher Rückgang ist das nicht.

Oper Halle
Oper Halle Bildrechte: dpa

Das abgehobene Theater zielt auf die Grundsatzfrage sogenannter werkgetreuer Inszenierung vs. Regietheater. Fakt ist, dass mit Tatjana Gürbaca, Jochen Biganzoli, Tobias Kratzer und Peter Konwitschny Regisseurinnen und Regisseure am Start sind, die ansonsten von Antwerpen über Bayreuth und Berlin bis Zürich Regie führen. Das Halle in dieser Liga mitmischen kann, ist ein Erfolg – ein Erfolg, für den auch der renommierte Faust-Theaterpreis steht. Das ist eine Art Theater-Oscar des Bühnenvereins, der hier für die Raumbühne "Heterotopia" vergeben wurde, weil diese die klassische Trennung in Zuschauerraum und Bühne aufgehoben und neue Erlebnisse ermöglicht hat. Ein Experiment also. Eine Infragestellung gewohnter Seh- und Hörweisen. Etwas, dass immer schon zur Jahrtausende alten Theatergeschichte gehörte. Man darf den Bogen nur nicht überspannen. Ein ästhetisches Konzept, dass die Oper permanent in Frage stellt, hat auch eine problematische Seite. Die so vorgetragene Kritik an der Oper als solcher erweist sich schnell als alter Hut, besonders dann, wenn sie im Grundsätzlichen bleibt – ein vorprogrammierter Stolperstein. Und ein Nichtverlängerungsgrund? Ein Grund, die Programmatik neu zu justieren?

Halle als Stadt der Zukunft

Wenn jetzt über die Vertragsverlängerung der drei Intendanten Werner, Brenner und Lutz entschieden wird, sind das bei üblichen Laufzeiten von fünf Jahren Entscheidungen, die bis 2026 die Weichen stellen. Neben den Intendanten stehen also auch künstlerische Konzepte zur Verlängerung an. Das ist dann auch die Frage nach einem Theater, das zur Stadt Halle passt. Wie soll das aussehen? Die nächsten acht Jahre und womöglich darüber hinaus? Wie sieht Halle im Jahr 2030 aus? Interessanterweise gibt es schon eine Art politischen Korridor, in dem sich die Stadt hier bewegen will, und das hat, auch wenn es merkwürdig klingt, mit der Kohle-Kommission zu tun. Die heißt eigentlich "Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" und hat vor ein paar Wochen ihren Abschlussbericht vorgelegt. In ihm ist das "Mitteldeutsche Revier", die Landschaft zwischen Leipzig, Borna, Zeitz, Naumburg und Halle, untersucht worden, wie sie sich sinnvoll entwickeln kann. Die Pläne klingen konkret: Bezogen auf Halle ist von einer Hochschullandschaft die Rede, in der moderne Natur- und Ingenieurwissenschaften die Hauptrolle spielen. Es geht um die vernetzte Stadt, um zukunftsweisende mobile Konzepte wie autonomen Nahverkehr. Das alles soll hier erforscht und ausprobiert werden. Das ist die eine Perspektive.

Mitteldeutsches Multimediazentrum Halle MMZ
Multimediazentrum in Halle Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Die andere sieht Halle als Medienstadt. Mit dem Multimediazentrum ist ein erster Stein gesetzt. Produktionsfirmen sind vor Ort, und letztes Wochenende gab es auf der Berlinale schon den Goldenen Bären für einen Kurzfilm aus Halle. Wenn man sich beide Perspektiven ansieht, wird Halle also junge Leute, Studierende, Wissenschaftler und Medienmacher anziehen, die hier auch nach getaner Arbeit und/oder Studium bleiben sollen. Bleiben wollen. Für diese Perspektive braucht die Stadt Halle die passende kulturelle Infrastruktur, auch: das passende Theater.

Multimediatheater passend zum Multimediazentrum?

Wie wäre es also mit einem Multimediatheater passend zum Multimediazentrum. Dann ginge der Schuss des Orchestervorstands, der das "multimediale Spektakel" beklagt, womöglich nach hinten los? An anderer Stelle heißt es in dem Orchesterbrief, dass "gegen gelegentliche Experimente (…) wohl kaum etwas einzuwenden" sei. Was soll das heißen? Dass eigentlich jede Menge einzuwenden wäre, weil alles so bleiben soll, wie es immer schon war?

Ein Blick nach Leipzig ans Schauspielhaus zeigt, dass der Fokus auf ein jüngeres Publikum erfolgreich sein kann. Dort gab es vor kurzem eine Publikumsbefragung mit dem Ergebnis, dass das Durchschnittsalter der Theaterbesucher bei 38 Jahren liegt; und dass ein Theater-Abo überhaupt keine Rolle mehr spielt, weil das Publikum den Theaterbesuch flexibel planen und sich terminlich nicht so binden will. Davon geht also das christliche Abendland nicht unter. Im Gegenteil: Wenn man sich die Welt von heute ansieht, wird man feststellen, dass sich die mediale Welt immer stärker ausdifferenziert. Zu alten Formen kommen neue hinzu. Kino und Fernsehen können davon ein Lied singen. Sterben aber nicht aus. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl- als-auch. Wichtig ist ein offenes System, dass vielen vieles bietet.

Neubau der Kulturstiftung des Bundes
Kulturstiftung des Bundes Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Die Vernetzung in und mit der Stadt ist heutzutage wichtig. Halle hat seit einem Jahr ein Literaturhaus. Oder die Kunsthochschule Burg Giebichenstein, die vom Bühnenbild bis zum Kostüm Anknüpfungspunkte bietet. Mit dem "Doppelpass-Fond" fördert die Kulturstiftung des Bundes, die in Halle angesiedelt ist, Kooperationen zwischen den öffentlich finanzierten Theatern und der Freien Szene. Das alles sind Möglichkeiten, die aber ein offenes System als Fundament brauchen. Am Freitag liegt die Entscheidung beim Aufsichtsrat. Er entscheidet für die Stadt Halle, die ein großes Herz für ihr Theater zeigt. 23 Millionen Euro städtische Mittel sind im Vergleich mit anderen Städten viel Geld für die Kultur.

Theater für Zombies?

Rückblende: Konwitschnys Rede zum ITI Theaterpreis war 2007 übrigens mit "Lebendiges oder totes Theater" überschrieben. Er sagte, Theater ohne Gegenwartsbezug sei totes Theater – ein "Theater für Zombies". Lebendiges Theater hier und heute müsse deshalb eine Struktur haben, die "nicht vollständig" ist. Der Regisseur müsse "eine Diskontinuität schaffen", so dass der Zuschauer quasi gezwungen werde, etwas selbst zusammenzusetzen. Das, fände er, sei "das ganz Entscheidende. So werden wir in Stand gesetzt mit unserer komplexen und komplizierten Wirklichkeit umzugehen. Wenn wir etwas Fremdes sehen, dauert es nicht so lange, bis wir es kapieren".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Februar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 04:00 Uhr

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