Silvester vor 50 Jahren Als der legendäre Hamburger Star-Club dicht machte

Der Hamburger Star-Club machte die Beatles berühmt. Oder war es umgekehrt: Die Beatles machten den Star-Club berühmt? Nachdem er jahrelang Musikstars aus aller Welt angezogen hatte und zum Vorreiter der Gegenkultur auf dem Kiez geworden war, musste der Club am 31. Dezember 1969 schließen.

Aussenansicht des legendären Star-Clubs auf der Groߟen Freiheit in Hamburg am 13.06.1964.
Von 1962 bis 1969 lockte der Hamburger Star-Club Besucher auf die Große Freiheit. Bildrechte: dpa

Ein Stern geht auf, auf St. Pauli – Plakate in grellem Orange verkünden den Beginn einer glücklichen Ära: "Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei! Am Freitag, dem 13. April, eröffnet der Star-Club die Rock'n'Twist-Parade 1962." Der Jugend in Hamburg wird zuvor, als um 1960, Schlager und bestenfalls weichgespülter, hochanständiger Deutsch-Rock'n'Roll geboten. Beat- und Rock'n'Roll-Platten englischer und amerikanischer Spielart sind meist nur als Import zu bekommen. Die Fans derartiger Musik gehören zu einer "radikalen" Minderheit. An Live-Auftritte der großen Idole ist nicht zu denken.

Doch Anfang der 60er-Jahre kommt Bewegung in die Szene. Mit Tony Sheridan gibt es in Hamburg so etwas wie einen lokalen Star. Er spielt 1961 immer wieder im "Top Ten", dem größten der wenigen Beatlokale. Begleitet wird er von einer Band aus Liverpool, den "Beat Brothers".

Hier starten die Beatles durch

Die Bandmitglieder der britischen Popgruppe The Beatles (l-r) Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison proben im Oktober 1963 in einem Fernsehstudio in London für einen TV-Auftritt.
Die damals noch unbekannten Beatles rocken den Hamburger Starclub am 13. April 1962. Bildrechte: dpa

Als dann 1962 der Star-Club eröffnet wird, treten auch die Jungs aus Liverpool hier auf. Mit einem anderen Schlagzeuger, revolutionärer Pilzkopffrisur und neuem Namen. Für die "Beatles" beginnt im Star-Club der internationale Aufstieg. Das heißt anfangs Knochenarbeit für monatlich 500 Mark pro Bandmitglied. Jeden Abend sechs Stunden Musik, dazwischen jeweils eine bescheidene Viertelstunde Pause. Dennoch, Paul McCartney erinnert sich später gern:

"Der Star-Club war toll. Der Besitzer Manfred Weißleder und sein Geschäftsführer Horst Fascher hatten flotte Mercedes-Cabrios. Horst hatte im Gefängnis gesessen, weil er einen Mann umgebracht hatte. Er war Boxer und hatte bei einer Wirtshausschlägerei einen Seemann getötet. Zu uns waren sie jedoch sehr fürsorglich, wir waren für sie wie Schoßhündchen. Komischerweise waren wir in diesem Milieu immer sicher."

Mitten im Pornokiez

Gedenktafel 2009 am Starclub Hamburg
Gedenktafel am ehemaligen Star-Club in Hamburg Bildrechte: imago images / CHROMORANGE

Nebenan vom Star-Club, ein Erotikfilm-Nachtclub und die "Monika-Bar". Mitten im berüchtigten Pornokiez von Hamburg haben sich die Star-Club-Betreiber auch auf Randale eingerichtet – mit Sofas vom Sperrmüll und robusten Kompakttischen. Nicht nur die Eltern, auch viele Jugendliche sind zunächst von der rotlichtigen Umgebung des Star-Clubs abgeschreckt. Doch dann kommen sie. Selten in Lederjacke, eher in Anzügen. Auch der Hamburger Frank Dostal: "Dass da irgendwie so Typen auf der Bühne waren, mit denen man sich wesentlich eher identifizieren konnte und die die Musik live machten, die man nur von Platten her kannte, das hat den wesentlichen Kick ausgemacht."

Dostal wird später als Sänger der Rattles selbst auf der Star-Club-Bühne stehen. So wie viele der Stars aus Europa und Übersee: Chuck Berry, Cream, Jimi Hendrix, Eric Burdon, John Lee Hooker oder Fats Domino. Little Richard soll hier auf einem sehr stabilen, versilberten Flügel einen Striptease hingelegt haben:

Der Star-Club war schon am Anfang so eine Art Gegenkultur, auch wenn es den Leuten damals nicht so bewusst war. Die gesellschaftlichen Verhaltensnormen, die außerhalb des Star-Clubs galten, hatten hier keine Funktion.

Frank Dostal, Texter und Musikproduzent

Rettungsversuche scheitern

So Frank Dostal, neben Rattle-Kollege Achim Reichel der letzte Pächter vor der Schließung des Star-Clubs. Auch der Versuch, ihn mit einer musikalischen Qualitätsoffensive vor dem wirtschaftlichen Ruin zu retten, scheitert. Der einstige Vorreiter der Gegenkultur hat seine Funktion verloren.

Beat und Rock werden Ende der 60er-Jahre im Westen zunehmend akzeptiert. Dafür haben nicht zuletzt die Beatles gesorgt. Mit ihnen ist der Star-Club aufgestiegen. Als sich die Liverpooler trennen, ist auch das Beatlokal auf dem Kiez am Ende. Zu Silvester 1969 schließt der Star-Club mit einem letzten, eher zweitklassigen Konzert des Duos Hardin & York für immer seine Türen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 31. Dezember 2019 | 10:40 Uhr

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