Ein Mädchen schreibt in Handschrift
Handschrift stellt für viele Grundschüler eine Herausforderung dar Bildrechte: imago/epd-bild/AnkexBingel

Studie zur Handschrift Fast die Hälfte aller Schüler kann nicht gut schreiben

Ein Mädchen schreibt in Handschrift
Handschrift stellt für viele Grundschüler eine Herausforderung dar Bildrechte: imago/epd-bild/AnkexBingel

Mehr als ein Drittel der Grundschüler (37 Prozent) hat Probleme, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln. Auf weiterführenden Schulen sehen die Lehrer im Schnitt sogar bei 43 Prozent ihrer Schüler Schwierigkeiten. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut von September 2018 bis Januar 2019 durchgeführt hat. Die große Mehrheit der Lehrkräfte in Deutschland sieht allgemein eine Verschlechterung der Handschrift der Schülerinnen und Schüler.

Handschrift ist gut fürs Gehirn

"Es geht dabei nicht in erster Linie ums Schönschreiben oder um eine Kulturtechnik, die heute mehr oder weniger verzichtbar erscheint", sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Schreibmotorik Instituts. "Das Schreiben mit der Hand ist genauso wichtig wie das Lesen und die Rechtschreibung."

Beim Handschreiben – das belegen auch zahlreiche Studien – geht es um Bildung. Handschreiben unterstützt die Rechtschreibung, das Lesen, das Textverständnis, letztlich die schulischen Leistungen insgesamt.

Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin Schreibmotorik Institut

Diese positiven Wirkungen sehen auch über 90 Prozent der befragten Lehrkräfte. "Die Bewegungen sind das wichtigste. Sie aktivieren bis zu zwölf Gehirnareale", sagt Meyer im Interview mit MDR KULTUR. "Sie unterstützen die Merkfähigkeit, das inhaltliche Verständnis und die Kreativität. Das sind Eigenschaften, die auch im Zeitalter der Digitalisierung weiter gefragt sein werden." Daher seinen Handschreiben und Digitalisierung auch keine Gegensätze. "Es muss nicht unbedingt Papier sein, auf dem man schreibt. Es kann auch eine digitale Unterlage sein", betont Meyer. "Handschreiben macht schlau. Es ist wichtig, dass die Kinder mit der Hand denken."

Ursachen: Fehlende Routine und Digitalisierung

Die fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation und der zu starke Medienkonsum werden aber von mindestens der Hälfte der Befragten als problematisch empfunden. Die meisten Lehrer machen als Ursache für die Verschlechterung der Handschrift bei den Schülern allerdings vor allem zu wenig Routine, schlechte Motorik und Koordination sowie Konzentrationsprobleme aus. Außerdem fehle es an Zeit und Verankerung im Lehrplan.

Auch der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, kritisiert die Lehrpläne: "Es fehlt an den Grundlagen. Wie sollen wir den Kindern das Schreibenlernen beibringen, wenn den Lehrkräften schlicht die Zeit fehlt, sie individuell zu unterstützen? Wenn Kinder dann noch motorische Defizite aufweisen, weil sie auch zu Hause nicht die notwendige Unterstützung bekommen können, geraten wir an die Grenze des Machbaren." Die Politik müsse Wege finden, dies zu ermöglichen, fordert Beckmann: "Zum Beispiel, indem es in Lehrplänen besser verankert wird und gleichzeitig mehr Unterstützungspersonal für die individuelle Förderung in die Schulen kommt."

Tipp: Mehr Bewegung

Daher sprechen sich fast alle Lehrkräfte für mehr feinmotorische Aktivitäten, wie basteln, malen und kochen, aus. Drei Viertel der Befragten denken, dass ein spezielles schreibmotorisches Training, mehr Üben zu Hause und in der Schule sowie das Wecken von Interesse am Handschreiben helfen könnten. Hier sind auch die Eltern als Rollenvorbilder gefragt. Fast 70 Prozent sehen, dass es mehr individuelle Förderung und gezielte Hilfestellung auch in höheren Klassen braucht.

Viele Grundschüler verbringen ihre Freizeit mit Computer und Fernsehen und viel weniger mit Bewegungsspielen.

Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin Schreibmotorik Institut

Jungs schreiben schlechter als Mädchen

Jungen sind deutlich stärker betroffen: Nach Einschätzung der Lehrerinnen und Lehrer in der Primärstufe haben 45 Prozent der Jungen Probleme mit dem Handschreiben, aber nur 29 Prozent der Mädchen. In der weiterführenden Schule haben nach Lehrermeinung sogar 53 Prozent der Jungen Probleme und nur 33 Prozent der Mädchen.

Die Studie Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat die repräsentative Umfrage gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut von September 2018 bis Januar 2019 durchgeführt. Sie trägt den Titel STEP 2019 ("Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben"). Es beteiligten sich bundesweit über 2.000 Lehrkräfte an der Online-Befragung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. April 2019 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2019, 16:15 Uhr

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