Ein flauschiges Schwanenküken schwimmt im Wasser
Aus dem hässlichen Entlein wird ein schöner Schwan. (Dabei ist das Schwanenküken doch auch schon süß.) Bildrechte: IMAGO

Märchen Hans Christian Andersen war selbst "Das hässliche Entlein"

"Das Feuerzeug", "Die Prinzessin auf der Erbse", "Däumelinchen", "Die kleine Meerjungfrau", "Des Kaisers neue Kleider", "Der standhafte Zinnsoldat", "Die wilden Schwäne", "Die Schneekönigin", "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" – alle diese berühmten Märchen sind von Hans Christian Andersen. Doch sein Weg mutet selbst ein wenig märchenhaft an und findet eine Parallele in einem weiteren seiner Märchen: "Das hässliche Entlein". Das wurde am 11. November 1843 veröffentlicht, vor 175 Jahren.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Ein flauschiges Schwanenküken schwimmt im Wasser
Aus dem hässlichen Entlein wird ein schöner Schwan. (Dabei ist das Schwanenküken doch auch schon süß.) Bildrechte: IMAGO

Es war einmal mal ein dänischer Dichter, der schrieb ganz neue Märchen: Hans Christian Andersen. Und eines davon handelte von einem "hässlichen Entlein" und zugleich auch von ihm.

Andersen, Sohn des verarmten Schuhmachers und einer alkoholkranken Wäscherin aus Odense war mit 14 von zu Hause weggegangen. In Kopenhagen wollte er sich die Welt erobern. Dank königlicher Förderung kann er Lateinschule und Universität besuchen. Er fängt an, zu schreiben. Doch wirklich erfolgreich ist er zunächst nicht. Dazu kommen wenig freundliche Kommentare über ihn, der manchem als Sonderling gilt.

Der Dichter Andersen. Eine lange, schlottrige, lemurenhafte-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen Gesicht.

Schriftsteller Friedrich Hebbel über Hans Christian Andersen

So giftet der Autoren-Kollege Friedrich Hebbel. Und der dänische Philosoph Sören Kierkegaard schreibt in seinem ersten Buch, welch elender Autor H. C. Andersen doch sei, diese "seltsame Pflanze".

Der erfolglose Sonderling verlegt sich schließlich auf Märchen

Ich beginne jetzt, einige 'Märchen für Kinder' zu schreiben. Sie müssen wissen, damit werde ich zukünftige Generationen für mich gewinnen.

Hans Christian Andersen am Neujahrstag 1835 an eine Vertraute

Das schreibt Andersen 1835, mit inzwischen 30 Jahren, in einem Brief an eine Freundin. Seine Hoffnung wohl auch: Endlich Geld verdienen. Die Märchen, die Andersen bald veröffentlicht, sind weiterentwickelte Volkssagen oder von ihm selbst erfunden. Sie erzählen von Wundern und Hoffnung, aber auch von Ängsten und Verzweiflung.

Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum Besten gehalten, und das sowohl von den Enten wie von den Hühnern.

Zitat aus "Das hässliche Entlein"

Andersen Märchen: vorlaute Kinder, kein glückliches Ende und eine Sprache von der Straße

Der dänische Schriftsteller und Dichter Hans Christian Andersen liest jungen adligen Damen vor, Aufnahme von 1863.
Der dänische Schriftsteller und Dichter Hans Christian Andersen liest jungen adligen Damen vor (Aufnahme von 1863) Bildrechte: dpa

Andersens Kunst-Märchen finden in seiner Heimat nicht sofort Beifall. Sie nehmen des Öfteren kein glückliches Ende. Und: Kinder haben darin ihren ganz eigenen Kopf, dürfen die Autorität der Erwachsenen und Oberen anzweifeln: Der Kaiser hat ja gar nichts an! Und dann die Sprache! Eine zum Teil für Märchen revolutionäre Sprache, mit Textcollagen, Lautmalereien. Das alles gefällt manchen seiner Zeitgenossen nicht. "Was nützt es, die Leute in der Literatur so reden zu lassen wie die Leute auf der Straße", mokiert sich ein zeitgenössischer Kritiker.

Für das vermeintlich hässliche Entlein geht die Sache gut aus. Es wird von einem Bauer aus einem Eis-See befreit. Und landet - über einige, weitere turbulente Umwege - wieder im Wasser und bei sich selbst. Dem Entlein schwant etwas.

Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war. Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat.

Zitat aus "Das hässliche Entlein"
Hans Christian Andersen, Zeichnung von Professor Vogel von Vogelstein,  1841 in Dresden.
Porträt von Hans Christian Andersen (Zeichnung von Professor Vogel von Vogelstein, 1841 in Dresden) Bildrechte: dpa

Für Hans Christian Andersen wendet sich das Blatt ebenfalls. Nachdem seine Märchen ihn im Ausland berühmt gemacht haben, findet er endlich auch zu Hause Anerkennung. "Da brausten seine Federn, der schlanke Hals hob sich und aus vollem Herzen jubelte er: 'So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!'", lässt Andersen seinen nun schönen Schwan resümieren.

Andersen hat auch autobiografische Texte verfasst, Novellen und Romane, 47 Theaterstücke und hunderte Gedichte. Doch seine Märchen begründen den bis heute anhaltenden Weltruf des Dänen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 11. November 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2018, 04:00 Uhr

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