Komiker, Regisseur, Theaterautor "Ach, Herr Preil": DDR-Komiker Hans-Joachim Preil im Porträt

Die Leute zum Lachen zu bringen, ist viel schwerer, als die Leute zum Weinen zu bringen, sagte Preil einmal. Er hat es immer wieder geschafft. Herricht und Preil waren das bekannteste und erfolgreichste Komiker-Duo der DDR. Hans-Joachim Preil als mit bildungsbürgerlichem Wissen ausgestatteter Besserwisser und Rolf Herricht als naiver, aber bauernschlauer Eleve. Der Witz dabei: das Leben wird als eine Aufeinanderfolge von Missverständnissen in schnellen Pointen mit Wortwitz erzählt. Preil schrieb die über 100 Sketche dafür. Doch sein Leben war nicht immer lustig.

Magdeburg, 1957. Im damaligen Maxim-Gorki-Theater kommt es zu einem folgenreichen Zusammentreffen. Das Theater hat einen neuen Oberspielleiter, Hans-Joachim Preil, der für die musikalische Sparte zuständig ist und mit durchwachsenem Zuspruch Oper wie Operette inszeniert. Preil ist ehrgeizig und der frisch engagierte Schauspieler Rolf Herricht nicht unbedingt überbeschäftigt. Beide erkennen den Schalk im Wesen des jeweils anderen und aus ihrer Neigung zu humoristischem Stegreiftheater entwickeln sie eine eigene Kunstform: Sketche als Einakter.

Preil hatte die Ideen 

"Man muss jetzt mal gerechterweise sagen, dass er immer derjenige war, der die Ideen hatte", sagt Preils Tochter Martina-Maria Preil. "Die hat er dann auch sofort mit Herzrasen zu Papier gebracht und rief freudestrahlend Rolf an: 'Du Bruder, ich habe einen neuen Sketch.' Und Rolf dann: 'Ach ja. Oder: Das findest du lustig?' Gott sei Dank, ließ mein Vater sich davon nicht abbringen." Preil wollte, dass Lieschen Müller in der dritten Reihe das auch versteht, glaubt Margitta Lüder-Preil, seine vierte Ehefrau.

Er wollte für alle zugänglich sein. Und nie politisch und nie unter der Gürtellinie.

Margitta Lüder-Preil

Alltagsbeobachtungen für Sketche

Hans-Joachim Preil und Rolf Herricht
Hans-Joachim Preil (l) und Rolf Herricht Bildrechte: Hans-Joachim Preil der Humorist vom 04.11.1999

Das Leben höchstselbst, wie es sich an der Realität die Zähne ausbeißt, ist der Held in den Sketchen. Das Leben mit seinen Missgeschicken, Doppelbödigkeiten, Schlaumeiereien. 126 Sketche hat Preil geschrieben und dargeboten wie ein Drama von Shakespeare. Von Kartenspiel bis Reisebekanntschaft. "Er hat, wenn er unterwegs war, ob das Urlaub oder sonst was war, genau hingeschaut, wie sich die Menschen bewegen, wie sie reagieren, was sie machen, was sie tun", sagt Tochter Martina-Maria. Aus diesen Beobachtungen habe er dann seine Sketche geschrieben.

Die Rollen waren klar verteilt: Herr Preil als selbstherrlicher Besserwisser und Herr Herricht als liebenswerter Schelm. War es ein aberwitziges Abbild des Landes oder der Natur des Menschen, welches die beiden so populär werden ließ?

Schauspielschule statt Kartoffelzucht

In Pommern im heutigen Polen wurde Preil am 26. Juni 1923 geboren. Sein Vater Otto war Gutsverwalter und züchtete Kartoffeln, seine Mutter Anne-Marie hatte mit Spargelanbau zu tun. Preil wuchs im Gutshof Thunow mit seinen drei Geschwistern auf. Um die Betreuung der Kinder kümmerten sich eigens zwei Hausmädchen aus Berlin. Nach dem Wunsch des Vaters soll Preil ebenfalls Kartoffelzüchter werden. Aber 1939 geht er nach Berlin, um Schauspieler zu werden. Sein Vater begleitet ihn in der Hoffnung, dass der Sohn die Aufnahmeprüfung nicht bestehen möge. Doch Peil wird angenommen, kann aber die Schauspielschule nicht beenden. Es ist nicht die Zeit für die schöne Kunst, es ist die Zeit für die Kunst des Überlebens.

Von der Wehrmacht zur SED

Hans-Joachim Preil während der Preisverleihung "Goldene Henne" im Berliner Friedrichstadtpalast 1998
Hans-Joachim Preil erhielt 1998 eine "Goldene Henne" für sein Lebenswerk Bildrechte: dpa

Preil wird 1943 zur Wehrmacht einberufen, als Infanterist, an die Ostfront. Fast 40 Prozent der Soldaten seines Jahrgangs überleben diesen Krieg nicht.

Bei der Sommeroffensive der Roten Armee 1944 wird er schwer verwundet, bekommt einen Granatsplitter in den Rücken. Eine Krankenschwester hilft ihm zu überleben, er heiratet sie, doch sie stirbt noch während des Krieges. Seine Familie ist mittlerweile vor der Roten Armee ins sachsen-anhaltische Quedlinburg evakuiert worden.

Nach Engagements in Quedlinburg und Aschersleben kommt Preil ans Theater Bernburg. Hier macht er alles, Hauptsache Bühne. Er singt im Chor, spielt in Klassikern und Operetten. Der ambitionierte junge Mann mit Führungsqualitäten wird bald Oberspielleiter und gibt dem Drängen nach, Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu werden.

Markenzeichen "Herricht und Preil"

Nach einem kurzen zweiten Eheglück in Quedlinburg heiratet Preil in Bernburg zum dritten Mal – Isolde, eine Sopranistin des Theaters. 1955 kommt Tochter Martina-Maria zur Welt. Als Theatermann ist der Vater selten zu Hause und sowieso schon auf dem Absprung nach Magdeburg ans Maxim-Gorki Theater, wo die Operette zu seiner Disziplin wird. Für den vier Jahre jüngeren Rolf Herricht schreibt und inszeniert er das musikalische Lustspiel "2x Madeleine". Es wird ein Kassenschlager. Längst sind "Herricht und Preil" ein Markenzeichen, die Nachfrage nach ihren Sketchen steigt enorm. Auch das Fernsehen meldet seine Wünsche an. Keine Show mehr ohne sie.

DEFA statt SED

In Magdeburg überwirft sich Preil mit der Theaterleitung. Dass die Partei ihre Zudringlichkeit und ihren Führungsanspruch auch in der Kunst behaupten will, geht ihm auf die Nerven. Er quittiert kurzerhand die Mitgliedschaft und geht nach Berlin, zur DEFA, wo Aufbruchsstimmung herrscht. Rolf Herricht ist schon da und dreht als neu auserkorener Star Filme. "Die DEFA hat in den frühen 60er-Jahren tatsächlich nach Stars gesucht", sagt Ralf Schenk von der DEFA-Stiftung.

In der Zeit zwischen Mauerbau und vielleicht 1964/65 hat die DEFA gemerkt hat: Wir brauchen Kinostars und wir müssen Schauspieler entwickeln als unsere eigenen Kinostars. Und man brauchte auch komische Charaktere.

Ralf Schenk, DEFA-Stiftung

1965 bekommen Preil und Herricht die Gelegenheit, gemeinsam in der Kriminal-Komödie "Hände hoch oder ich schieße" zu spielen. Herricht als beschäftigungsloser Kommissar, der entlaufene Hasen jagt und bis zum Verrücktwerden von einem großen Fall träumt.

Josef, Heuschnupf das Ass (Herbert Köfer, I.), will einem Leipziger Antiquar (Hans-Joachim Preil) das gestohlene Nepomuk-Denkmal verkaufen
Szene aus "Hände hoch oder ich schieße" Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/Jörg Erkens

Weil die Kriminalität in der DDR aber praktisch abgeschafft ist, will einfach kein Verbrechen passieren. Aus Mitleid mit ihm wird das Denkmal vom Marktplatz gestohlen und soll verkauft werden. Preil spielt den Antiquitätenhändler, der seinen alten Kumpels die Hehler-Ware nicht abnimmt. Doch "Hände hoch oder ich schieße" wird verboten. Im Zuge des elften Plenums des ZK der SED 1965 sieht man in der Komödie eine Verzerrung der sozialistischen Wirklichkeit.

Ein Jahr später, erneuter Versuch bei der DEFA: Herricht als Reiseleiter und Preil als Hauptreiseleiter auf einem Kreuzfahrtschiff mit Kurs auf die Sowjetunion in der sehr braven Komödie "Meine Freundin Sybille".  "Nachdem zwölf DEFA-Gegenwartsfilme in den Keller gesteckt worden waren, wollte die gesamte DEFA keine Handhabe liefern, um nun noch einen Film kritisch zu beäugen", glaubt Ralf Schenk.

Kein Glück als DEFA-Schauspieler

Hans-Joachim Preil
Hans-Joachim Preil ist auch Regisseur zahlreicher Filme Bildrechte: 02.12.1994/MDR

Aber Preil hat, anders als Herricht, kein Glück bei der DEFA. Zwei seiner Filme, "Hände hoch oder ich schieße" und "Wenn du groß bist, lieber Adam", werden verboten und landen im Keller. Und das Angebot, Kaiser Wilhelm II. in einem Karl-Liebknecht-Film zu spielen, zieht die DEFA wieder zurück. Mit der Begründung, dass, wo er auftrete, das Publikum im nächsten Moment Rolf Herricht als seinen Adjutanten erwarte.

"Schauspieler war nicht das von ihm gefühlte und gewollte Künstlertum", sagt Tochter Martina-Maria Preil. "Man merkt es ja, bei ihm kommt immer der Komödiant wieder durch. Immer." Dass er ein guter Schauspieler gewesen sei, glaubt dagegen seine damalige Frau Margitta Lüder-Preil:  "Aber kein einfacher, weil er sich ja nichts sagen ließ. Er kannte sich, hatte Vorstellungen von der Rolle – und wenn der Regisseur das nicht so wollte, naja gut." Film ist, anders als Theater, für Preil Krümelkunst. Es wird immer häppchenweise gearbeitet.

Vierter Heiratsantrag am Völkerschlachtdenkmal

Margitta Lüder Preil
Margitta Lüder-Preil Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Preil konzentriert sich lieber wieder aufs Schreiben und Inszenieren. So die Operette "Die keusche Susanne" in Leipzig, wo er bei den Proben die 16 Jahre jüngere Margitta kennenlernt. "Ich arbeitete damals schon als sehr bekanntes Fotomodell und Mannequin und Hansi Preil hielt, wie immer, erst mal einen großen Vortrag“, erinnert sich Margitta Lüder-Preil. "Plötzlich schaute er nach oben, wo wir standen, und da verschlug es ihm die Sprache." Dann habe er gefragt, ob sie in der Mittagspause Zeit habe und sei mit ihr zum Völkerschlachtdenkmal gegangen. "Und während des Rundgangs hat er mir gesagt, dass er mich heiraten möchte. Da habe ich gedacht, was ist denn jetzt los? Die Operette ist doch eigentlich drinnen, wieso denn jetzt hier draußen?", erinnert sich Lüder-Preil. Beide sind zum Zeitpunkt des umstandslosen Antrags am Völkerschlachtdenkmal noch verheiratet. Nichtsdestotrotz wird Margitta ein Jahr später die vierte Frau von Preil.

Margitta studiert später Schauspiel in Berlin, an der "Ernst-Busch". Preil hat mittlerweile beim Deutschen Fernsehfunk eine feste Anstellung. Das Paar wohnt in Berlin-Schöneweide in einer sechseinhalb-Zimmer Wohnung und Preil adoptiert Margittas Sohn Maik. Für einen Dienstreiseantrag nach Westberlin konstatiert die Staatssicherheit über Preil: Seine politische Einstellung sei positiv und im Wohngebiet leiste er gesellschaftliche Arbeit. Das Leben der Familie Preil in Berlin-Schöneweide ist nicht ausschweifend, aber stilbewusst.

Das Ende von Herricht und Preil

Preil erfindet weiter Sketche und Herricht spielt weiter mit. An manchen Wochenenden sollen sie bis zu 16 Mal aufgetreten sein. Rostock, Suhl und Salzwedel, Cottbus; die Menschen wollen sie sehen, immer wieder und wieder. Die Unterhaltungskunst? Kommt ohne sie nicht aus.

Hans-Joachim Preil
Hans-Joachim Preil spielte mehrere Jahrzehnte zusammen mit Rolf Herricht Bildrechte: MDR/GEPO

1977, nach einem "Kessel Buntes", ist Schluss mit Herricht und Preil. Für Herricht sind die lustigen Einakter ausgeschöpft. Nach über 20 Jahren Gefolgschaft ist erst einmal Pause – doch die Kunstpause zwischen beiden wird endgültig. "Irgendwann gibt es nichts Neues mehr", sagt Tochter Martina-Maria Preil. "Ich glaube, Rolf war eher an dem Punkt angekommen als mein Vater. Mein Vater hätte … der sprudelte vor Ideen." Die Hoffnung, noch einmal zusammenzukommen, erwies sich als vergebens. Herricht starb 1981 mit 53 Jahren.

Lustspiel "Ja, so ein Mann bin ich"

Preil spielte indes seine Rolle als Angestellter des Fernsehens. Sein Talent, dem menschlichen Wesen mit Humor auf die Pelle zu rücken, bekam mit dem Schauspieler Dieter Mann bei den Dreharbeiten zum Film "Die Rache des Kapitäns Mitchell" neue Impulse. Beim Kapitäns-Dinner erkannte man einander am Sinn für kuriose Situationen, als Dieter Mann, weil das Dinner einfach nicht losgehen wollte, eine Nelke mit Messer und Gabel verspeiste.  "Und nächsten Tag, kam der berühmte Hans-Joachim Preil zu mir und sagte: Herr Mann, wären Sie sich zu gut dafür auch mal in einem Fernsehlustspiel mitzuspielen?", erinnert sich Dieter Mann.

Preil schrieb eines seiner erfolgreichsten Stücke für einen der besten  Schauspieler des Landes, Dieter Mann. Titel des Lustspiels: "Ja, so ein Mann bin ich", für das sowohl der Autor als auch sein Hauptdarsteller den Kritikerpreis bekamen. In den Stück, das 1980 Premiere feierte, wird ein frisch verheirateter Ehemann einem Treuetest unterzogen. Im Grunde geht es um die alles bewegende Menschheits-Frage, was stärker ist: Die Erdanziehung oder die Anziehung zwischen Mann und Frau.

Blockbuster mit kleiner Familie

Ferienheim Bergkristall: Mach mal'n bisschen Dampf
Szene aus "Ferienheim Bergkristall" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gab es in dem kleinen Land DDR möglicherweise eine Hochkultur des Schwankes? Und Preil war ihr Meister? Ende der 80er gelingt ihm mit dem "Ferienheim Bergkristall" ein regelrechter Blockbuster, darin Alfred Müller und Joachim Kaps. "Wenn er zur Konzeptionsprobe kam, hatte er für jeden schon so eine DIN-A 4-Seite mit ganz konkreten Vorgaben, wie die Figur zu sein hat, wie sie zu spielen ist“, erinnert sich Schauspieler Kaps. "Und damit wir uns wohl fühlen, hat er auch eine Kaffeemaschine mitgebracht und seine Frau hat Kuchen gebacken. Es war eigentlich wie so eine kleine Familie."

Ende der DDR Ende der Aufmerksamkeit

1988 trennen sich Margitta und Preil. Beide werden jeweils neu heiraten, Preil dann in fünfter Ehe. Im Dezember ‘89 läuft die letzte Folge von "Ferienheim Bergkristall". Das Land, Preils Publikum, ist da längst zu neuen Erfahrungen unterwegs. Er kündigt beim Fernsehen, um einer Entlassung zuvorzukommen. Er fühlt sich übersehen und wird übersehen.

Er war einer der Stars in der DDR – und plötzlich ging nichts mehr. Die ganze Aufmerksamkeit, die sein Geltungsbedürfnis befriedigt hat, die war weg.

Martina-Maria Preil
Hans-Joachim Preil
Hans-Joachim Preil starb im Alter von 76 Jahren Bildrechte: MDR/Hopf

Wie Preil damit umgeht, weiß Martina-Maria Preil: "Natürlich hat er da gelitten. Wie ein Hund hat er da gelitten. Das war schlimm, ganz schlimm."

War Humor nicht jenes Elixier, welches Auftrieb gibt über den Tag hinaus? Aber ja doch! Besteht solch ein Schauspielerleben eigentlich in seinen Rollen fort? In Gestalt von Herricht und Preil allemal. Am 2. November 1999 stirbt Preil. Bis dahin ließ er nicht locker, uns unbedingt seine Lebensmaxime mit auf den Weg zu geben:

Ein ganz kleiner Hinweis für sie alle: Bewahren Sie sich immer ein fröhliches Herz.

Hans-Joachim Preil

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 19. Dezember 2019 | 23:15 Uhr

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