Hans-Josef Ortheil
Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat ein neues Buch geschrieben: "Die Mittelmeerreise" Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag

Buchempfehlung: "Die Mittelmeerreise" Hanns-Josef Ortheils Reise zum Ende der Pubertät

Mit "Die Moselreise", "Die Berlinreise" und "Paris, links der Seine" hat Schriftsteller Hanns-Joseph Orteil bereits drei autobiografische Romane über Reisen mit seinem Vater veröffentlicht, nun erscheint mit "Die Mittelmeerreise" der vierte Teil. Hier reist Ortheil auf einem Frachter mit seinem Vater über das Mittelmeer und reift dabei in hohem Tempo zum Mann.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Hans-Josef Ortheil
Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat ein neues Buch geschrieben: "Die Mittelmeerreise" Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag

Außergewöhnlich, ja geradezu einzigartig wirkt ein Großprojekt, das Hanns-Josef Ortheil 2010 anpackte. Mit "Die Moselreise", "Die Berlinreise" und "Paris, links der Seine" veröffentlichte er Schritt für Schritt drei autobiografische Romane über Spritztouren mit seinem Vater, die sich aus Protokollen speisen, die er selbst während seiner Kindheit anfertigte. Als krönenden Abschluss des Prosazyklus präsentiert er jetzt den umfangreichen Band "Die Mittelmeerreise", der den ziemlich harten Übertritt des Autors ins Erwachsenendasein markiert.

Die Wellenbewegungen des Schiffes hatten inzwischen etwas von ekstatischer werdenden Schlangenbewegungen, mit jeder Bewegung mehr bohrte sich dieses Schlingern in meinen Magen.

Hans-Josef Ortheil in "Die Mittelmeerreise"

Sprachlich imposante Schilderungen

1967 brach er als Gymnasiast mit dem fast sechzigjährigen Josef Ortheil von Köln nach Antwerpen auf. In der niederländischen Hafenstadt bestiegen beide die "Albireo", die sie nach Griechenland transportieren sollte. Doch schon vor der Küste Nordfrankreichs zeigte der Atlantik sich von der übelsten Seite. Der aufbrandende Sturm machte dem jungen Ortheil ungeheuer zu schaffen: "Die Wellenbewegungen des Schiffes hatten inzwischen etwas von ekstatischer werdenden Schlangenbewegungen, mit jeder Bewegung mehr bohrte sich dieses Schlingern in meinen Magen."

Hanns-Josef Ortheil, Die Mittelmeerreise, Buchcover
"Die Mittelmeerreise" heißt das neue Buch von Hans-Josef Ortheil. Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag

Der Vater notierte zeitgleich in seinem Tagebuch: "Bedenklicher Zustand des Jungen. Fieber, enormes Schwitzen, sagt kaum ein Wort." Selten sind die heftigen Symptome der Seekrankheit sprachlich so imposant geschildert worden wie in diesem "Roman eines Heranwachsenden". Atmosphärisch erinnern manche der bewegenden Szenen an den "Seewolf" von Jack London, aber auch an Hermann Melvilles Bestseller "Moby Dick". 

Das Leben im Kellerloch

Als der Frachter den Golf von Biskaya passierte und die Enge von Gibraltar durchquerte, entspannte sich die Situation. Der Stammhalter erholte sich und bemerkte, dass sich sein Vater auf erstaunliche Weise veränderte. Der studierte Geodät und Bundesbahndirektor saß endlos an Deck und skizzierte mit nicht erlöschender Inbrunst Motive der vorbeistreifenden Küste Afrikas. Sein Sohn dagegen hockte lieber in der Kabine und schmökerte in der "Odyssee".

Der Junior vermisst das Klavier, auf dem er zu Hause rastlos übte, denn er strebte eine Pianistenkarriere an. Bei Gesprächen mit dem rebellischen Stewart Denis schwante ihm freilich, dass er so ein erhebliches Stück Realität verpasste: "Ich weiß zu wenig über die Menschen und bin in Fragen der Politik ein desinteressiertes Neutrum (aber wo bin ich das eigentlich nicht?)". Rasch begriff er, dass er bisher ein "Leben im Kellerloch" führte, notwendig "gefangen gehalten von klassischer Musik und einem an Wahnsinn grenzenden Eifer, Chopins C-Dur-Etüde so 'perlend' (und möglichst rasch) spielen zu können wie kein anderer."

Gefühle werden nicht sortiert

Nach der Ankunft in Hellas befreite sich Ortheil von seiner nahezu autistischen Position. Mürrisch ließ er sich von Denis in enge Jeans stecken und begleitete ihn zu einer Party, bei der sich zu Beat die Massen in Rage tanzen. In der Diskothek lernt er ein Mädchen namens Delia kennen. Die Studentin verführt ihn zum Küssen. Kurz darauf schlendert er mit ihr eng umschlungen durch Athen und badet mit ihr an den Küsten der Ägäis, wo es beinahe zum Geschlechtsakt kommt.

Liebe keimt auf, doch Ortheil vermag seine Gefühle nicht zu sortieren. Noch lastet die Infantilität zu sehr auf ihm. Das offenbart sich an der Szene des Abschieds: "Ich presste die Zähne fest aufeinander und kämpfte, verdammt nochmal, gegen die Tränen. Und dann brachte ich es doch noch heraus und sagte: 'Wir bringen das hin, keine Sorge, wir bringen das schon zusammen!'"

Enorme Authentizität

Ortheils Erzählen imponiert durch die enorme Authentizität der Formulierungen über eine verspätete Pubertät, aber auch wegen der erfreulichen Harmonie, die das Verhältnis zu seinem Erzeuger prägt. Gott sei Dank einmal keine verstörende Geschichte à la Kafka vom bitteren Bruch zwischen Vater und Sohn, sondern eine Story, die zeigt, dass Familien deutlich friedlicher funktionieren können.

Ortheil beobachtete das Schicksal der "Albireo", auf der er mit hohem Tempo zum Mann reifte, noch lange. Er pflegte briefliche Kontakte zur Crew und kannte die Routen, die der Kreuzer auf den Ozeanen benutzte. 1979 geriet der Riesenkahn am chinesischen Pearl River in Brand und explodierte. Dabei starben sämtliche Besatzungsmitglieder. Dieses Unglück berührte den Autor tief.   

Infos zum Roman Hanns-Josef Ortheil: Die Mittelmeerreise
Luchterhand Verlag
Seitenzahl: 640
Preis: 24 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2018, 04:00 Uhr