Symbolbild: Eine Gruppe Menschen weißt eine Person aus
Fremdheit: Wenn man nicht dazu gehört Bildrechte: Colourbox.de

Sachbuchkritik "Fremdheit": Wie Ausgrenzung und Fremdenhass entstehen

Der Berliner Autor Hans-Jürgen Heinrichs ist ein Weltensammler. Er hat lange Zeit in anderen Ländern gelebt. Einzelne Titel seines umfangreichen Werks wie "Inmitten der Fremde" oder "Die geheimen Wunder des Reisens", verraten das besondere Interesse des Ethnologen an der Ferne. Sein neues Buch heißt schlicht "Fremdheit". Darin entwickelt er Gedanken dazu, wie Ausgrenzung und Fremdenhass entstehen: Indem Menschen ihre eigene innere Fremdheit auf andere abwälzen, um sich besser zu fühlen.

von Holger Heimann, MDR KULTUR

Symbolbild: Eine Gruppe Menschen weißt eine Person aus
Fremdheit: Wenn man nicht dazu gehört Bildrechte: Colourbox.de

Das kleine Wörtchen fremd bezeichnet eine ganze Welt. Es steht für das, was nicht nah und vertraut ist. Die Fremde ist fernes Territorium, der Fremde ist ein Unbekannter, die Fremdsprache ist eine, die ganz anders klingt. Grob gesprochen gibt es zwei ganz unterschiedliche Möglichkeiten, der Fremdheit zu begegnen: Neugier ist die eine, Angst und Widerstand die andere. Der Berliner Schriftsteller und Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs hat sich schon immer mehr von seiner Neugier leiten lassen. Sie führte ihn auf ausgedehnte Reisen nach Afrika, in den Vorderen Orient und den pazifischen Raum. Sein Buch "Fremdheit" ist geprägt von eigenen Erfahrungen, aber es erschöpft sich keineswegs darin. Heinrichs nähert sich dem Phänomen von verschiedenen Seiten. Das Gefühl der Fremdheit fasst er als eine anthropologische Grundkonstante.

Auszug aus dem Buch: Die Geschichte der Menschen ist von Beginn an eine mehr oder weniger aggressiv geführte Auseinandersetzung mit Fremdheit und sie repräsentierenden Fremden. Unterbrochen von Gesten und Haltungen der Neugierde, Zuneigung, Freundschaft und Liebe. In diesem universellen Prozess ändert sich nur die Wahl dessen, wer und was als fremd empfunden und als bedrohlich abgewehrt wird.

Wer die Welt bereist, spürt, wie sich das Fremdsein anfühlt

Hans-Jürgen Heinrichs
Hans-Jürgen Heinrichs Bildrechte: Verlag Antje Kunstmann

In dem spanischen Dorf, in dem Heinrichs mit Unterbrechungen mehrere Jahre lebte, ist es der deutsche Autor, der von den Bewohnern misstrauisch beäugt wird. Er schreibt: "Ich war für sie auch ein Fremder, das war wie ein Name. Der Fremde, der Deutsche, der schreibt, der auch im Winter ins Meer geht, der kommt und geht und wieder kommt ... Irgendwie war ich ihnen auch suspekt. Was treibt der eigentlich, wenn er nicht hier ist? Kann man den dort, wo er herkommt, auch im Fernsehen sehen?"

Später bemerkt Heinrichs, dass sich die Dorfbewohner auch untereinander abwehrend und skeptisch begegnen. Er glaubt sie noch immer geprägt von der Franco-Herrschaft. Aber Heinrichs entwickelt daraus keine Typologie des autoritären Charakters, er berichtet nicht von Menschen, die sich selbst aufgrund besonderer historischer Umstände auf extreme Weise fremd geworden sind. Stattdessen gibt Heinrichs zu bedenken, dass in jedem Menschen – frei nach Freud – ein unbekannter, dunkler Raum existiert:

In jedem Menschen exisitert ein dunkler Raun: die eigene Fremdheit

Auszug aus dem Buch: Genau hier – im Binnenraum – ist der Urquell der Fremdheit und Befremdnis, aus dem die Menschen schöpfen und, selbstverleugnerisch, die oft genug am eigenen Leib erfahrene unerträgliche und schwer zu entziffernde innere Fremdheit abwälzen: auf Fremde im Außen und als bedrohlich erfahrene Eindringlinge und Minderheiten. Im vermeintlich unbefleckten, schein-homogenen, zutiefst aber heterogenen Eigenen gewinnt der Fremdenhass viel von seiner Durchsetzungskraft. Im Hass auf den Fremden suchen die Menschen ihr aufgewühltes Inneres zu beruhigen, lehnen sich beruhigt zurück und denken: Ich bin es nicht, der Fremde ist es, den es anzuklagen, am besten auch zu verjagen gilt.

Es geht Heinrichs jedoch weniger um aktuelle Auswüchse von Fremdenfeindlichkeit

Den aktuellen Auswüchsen von Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass widmet sich Heinrichs leider kaum. Ohnehin wird vieles in seinem gedankenreichen Buch nur angerissen. Der Autor selbst verweist darauf, dass er die 2006 begonnene Schreibarbeit zwischenzeitlich verworfen und erst Jahre später wieder aufgenommen habe. Etwas Projekthaftes ist dem Buch geblieben. Zuletzt schaut Heinrichs auf Liebesbeziehungen:

Auszug aus dem Buch: Der Liebe ist von Anfang an auch der unterschwellige, merkwürdige, aber verständliche Wunsch eigen, die Fremdheit, die vom Anderen bei den ersten Begegnungen ausging und einmal für den Zauber und auch für den Suchtcharakter der Verfallenheit verantwortlich war, irgendwann klein zu machen und vielleicht sogar ganz zum Verschwinden zu bringen. Wir ahnen nicht, dass in dieser Zeit, in der man die Fremdheit des Anderen zu mindern und geringer zu schätzen beginnt, schon der Tod der Liebe einsetzt und ein Weg in die Gleichgültigkeit oder Langeweile geebnet wird.

Hans-Jürgen Heinrichs folgt diesem Gedanken nicht weiter. Dabei ließ sich den extremen Fremdheits-Ausschlägen der Liebe gewiss Spannendes und Widersprüchliches abgewinnen. Das kurze Liebeskapitel ist wie das Buch insgesamt. Es bleibt skizzenhaft.

Buchcover - Hans-Jürgen Heinrichs: Fremdheit
Bildrechte: Verlag Antje Kunstmann

Informationen zum Buch: Hans-Jürgen Heinrichs: "Fremdheit. Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Gegenwart"
Erschienen im Verlag Antje Kunstmann
248 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-95614-290-1

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. April 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. April 2019, 04:00 Uhr

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