Aufnahme ca. 1948, Menschen sitzen bei einer Feier zusammen.
Die Menschen wollen feiern! Aufnahme von 1948 Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse "Wolfszeit" - Eine andere Erzählung des Neubeginns nach 1945

Harald Jähner ist Germanist und promovierte über Döblins "Berlin Alexanderplatz". Später war er Feuilletonchef der Berliner Zeitung. Jetzt hat Jähner mit "Wolfszeit" ein Buch geschrieben, das ein anderes Stimmungsbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft zeichnet: Die Menschen von damals sehnten sich nach Vergnügen. Und es zeigt, wie sich die Herausforderungen dieser Zeit in der späteren Entwicklung von West und Ost niedergeschlagen haben. "Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Aufnahme ca. 1948, Menschen sitzen bei einer Feier zusammen.
Die Menschen wollen feiern! Aufnahme von 1948 Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Als der Krieg zu Ende war, standen die Deutschen vor dem Nichts. Die selbstverschuldete Katastrophe war ohnegleichen. Wie sollte ein Volk nach der unvorstellbaren Schuld, die es auf sich geladen hatte, weiterleben? Doch überlagert wurde diese Frage zunächst durch ein anderes, unmittelbar dringlicheres Problem: Wie ließ sich überhaupt überleben?

Viele Städte waren nicht mehr wiederzuerkennen, haushoch türmten sich die Trümmer. Ausgebombte, Verschleppte und Flüchtlinge aus dem Osten drängten sich auf engem Raum. Auf dem Schwarzmarkt suchten ausgemergelte Gestalten nach Essbarem. Die kollektive Erinnerung an die Zeit wird von solchen Bildern des Elends bestimmt. Aber darin spiegelt sich nur die halbe Wahrheit, glaubt Harald Jähner.

Wenn man da genauer hinhört, dann hört man die Leute tatsächlich lachen. Sie waren entronnen und hatten wirklich Lust zu feiern. Diese Tatsache wurde aber im Nachhinein aus der Erzählung der Nachkriegszeit Stück für Stück wieder verdrängt, weil die Leute sich natürlich als Opfer darstellen wollten, auch um sich selber ein bisschen zu entschulden.

Harald Jähner, Buchautor
Buchcover - Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 5 min
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Harald Jähner will mit seinem Buch die ganze Wirklichkeit zeigen

Er schaut dazu auf den Alltag der Menschen und erzählt, wie sie mit der Ausnahmesituation klargekommen sind. Dass die chaotische Zeit bei weitem komplexer und vielfältiger war als die nachträgliche Sicht darauf, ist eine überraschende Einsicht des Buches. Zu dessen faszinierendsten Aspekten zählt, dass sich zuweilen gerade die größten Herausforderungen der Zeit als Glücksfälle der späteren Entwicklung erwiesen, wie Jähner überzeugend darlegt.

Die Begegnung mit den Vertriebenen aus dem Osten war für die Deutschen wirklich ein multikultureller Schock. Es gab wahnsinnig viel Krach und Stunk – vor allem auf dem Land. Die Deutschen als ungewünschte Fremde zu erleben, ließ diese ganze emphatische Volksgemeinschaft natürlich implodieren.

Harald Jähner, Buchautor

Unterschiedliche Erfahrungen in Ost und West

Buchcover - Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955
Buchcover Bildrechte: Rowohlt Verlag

Harald Jähner führt eine ganze Reihe weiterer Belege dafür an, dass die Umerziehung der Deutschen, wie er meint, viel stärker durch die gesellschaftliche Praxis geprägt war als durch politische Diskurse. Er erzählt vom Schwarzmarkt als einer veritablen Staatsbürgerschule, da Menschenkenntnis und eine gesunde Portion Skepsis nötig waren, um nicht übers Ohr gehauen zu werden. Und er berichtet vom Staunen erotisch ausgehungerter deutscher Frauen über die Lässigkeit amerikanischer Soldaten, die so anders daherkamen als die deutschen Männer. Die Erfahrungen der Frauen im Osten des Landes waren andere. Die russischen Soldaten nahmen vielfach Rache für das von der Wehrmacht über die Sowjetunion gebrachte Grauen. Die Haltung gegenüber den Siegern war infolgedessen in Ost und West grundverschieden – mit weitreichenden, bis heue spürbaren Folgen, wie Jähner mutmaßt:

Die Ereignisse liegen zwar mehr als sieben Jahrzehnte zurück, doch Argwohn habitualisiert sich und wird an die Kinder weitergereicht. Ohne diesen Zusammenhang anzusprechen, traf der Historiker Lutz Niethammer die Differenz auf den Punkt, als er die DDR eine 'hagere Tochter aus Tugend und Vergewaltigung' nannte, die BRD hingegen einen 'vitalen Liederjan'.

Harald Jähner - Zitat aus "Wolfszeit"

Der Fokus liegt auf der Wirtschaftswunderzeit im Westen

Der Autor Harald Jähner posiert für ein Foto.
Harald Jähner Bildrechte: Barbara Dietl

Harald Jähner beleuchtet Aspekte der unterschiedlichen Entwicklung in beiden Teilen des besetzten Landes, wie es der Titel des Buches verspricht. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass er sich insgesamt stärker auf den Westen konzentriert hat. Er erzählt etwa von der aus dem Boden gestampften Stadt Wolfsburg, nicht aber vom sozialistischen Pendant, der Plansiedlung Eisenhüttenstadt. Zu einem kompletten Bild hätte letzteres durchaus dazugehört. Doch der Fokus ist nachvollziehbar, denn zweifellos liefern die teils märchenhaften Unternehmerkarrieren der Wirtschaftswunderzeit im Westen einen anderen Erzählstoff als die Planvorgaben zum Aufbau des Sozialismus.

Mit enormer Eloquenz und großem dramaturgischen Gespür formt der Autor diesen Geschichtsstoff zu einer ungemein fesselnden, eindrücklich bebilderten Erzählung vom Neubeginn nach 1945.

Informationen zum Buch: Harald Jähner: "Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955"
Erschienen bei Rowohlt Berlin
478 Seiten, 26 Euro
ISBN 978-3737100137

Das Sachbuch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Sachbücher zu Geschichte

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 06. März 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 04:00 Uhr

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