Harald Welzer, Soziologe, sitzt während der Bundespressekonferenz in Berlin an einem Tisch und schaut lächelnd auf etwas.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer Bildrechte: imago/Metodi Popow

Fridays for Future-Bewegung Harald Welzer: Früher waren Jugendliche Träumer und Erwachsene Realisten - heute ist es umgekehrt

Derzeit laufen Beratungen zum Klimakompromiss der Großen Koalition. Die Regierung will sicherstellen, dass die Klimaschutzziele eingehalten werden. Parallel dazu gibt es heute, am 20. September 2019, weltweit Demonstrationen, organisiert von Fridays for Future. Da gehen nicht nur Jugendliche auf die Straße: Große Teile der Bevölkerung wollen zeigen, dass Klimaschutz wichtig ist. Doch die Politik scheint nicht hinterherzukommen. Im Gespräch dazu ist Sozialpsychologe Harald Welzer, der die Fridays for Future-Bewegung seit über einem Jahr aufmerksam verfolgt.

Harald Welzer, Soziologe, sitzt während der Bundespressekonferenz in Berlin an einem Tisch und schaut lächelnd auf etwas.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer Bildrechte: imago/Metodi Popow
Harald Welzer, Soziologe, sitzt während der Bundespressekonferenz in Berlin an einem Tisch und schaut lächelnd auf etwas. 7 min
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Harald Welzer, Soziologe, sitzt während der Bundespressekonferenz in Berlin an einem Tisch und schaut lächelnd auf etwas. 7 min
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MDR KULTUR: Warum tun sich Erwachsene immer noch schwer, sich dieser Form des Protestes anzuschließen?

Harald Welzer: Wenn man jetzt zynisch wär, könnte man sagen, weil sie ihre Zukunft schon hinter sich haben, und die Schülerinnen und Schüler haben sie noch vor sich. Das ist ja der Kern des Konfliktes, um den es eigentlich geht: Es geht um Gestaltbarkeit und Sicherheit von Zukunft, und da haben die Erwachsenen sozusagen immer noch das Gefühl, total auf der sicheren Seite zu sein.

Oder: Jungen Leuten gesteht man es zu, emotional zu sein. Erwachsene aber haben gelernt, dass es sehr mühsam sein kann, Kompromisse zu finden.

Da müssen Sie doch selber lachen, oder? Das, worauf sich die heutige Schülergeneration bezieht, sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die vollkommen unzweifelhaft sind. Insofern haben wir die geradezu umgekehrte paradoxe Situation: Früher waren die Jugendlichen, die mit den Träumen und Flausen, und die Erwachsenen waren die Realisten. Und heute haben wir es umgekehrt: Erwachsene glauben, man könnte mit der Strategie wie jetzt durchs 21. Jahrhundert kommen. Das ist totaler Blödsinn.

Schöne weite Reisen und sehr kostenintensive Smartphones - zimmern wir mit unseren Lebensgewohnheiten an unserem Sarg?

Nicht an dem Sarg zimmern, wir nehmen den heute 16-, 18-Jährigen mit diesem Hyperkonsum die Zukunft weg. Das ist mal ein ganz schlichter Sachverhalt. Nochmal zu dem Thema: Wer sind eigentlich die Realisten - ich finde das mit diesem Klimakabinett eine Groteske. Nach wie viel Jahrzehnten Klimaforschung sind die jetzt an zum entscheidenden Tag nicht in der Lage, Beschlüsse vorzulegen, sondern machen demonstrativ Nachtsitzungen, als hätten sie gestern gehört, dass es heute Klimawandel gibt.

Die Friday for Future-Sprecherin Leonie Bremer sagt: Die Klimaziele der Regierung stimmen nicht mit denen des Pariser Klimaschutzabkommen überein. Sie sagt: Personen seien nötig, die durchgriffen ... Aber "durchgreifen" ist doch schwierig in der Großen Koalition?

Das ist sicher ein unpassender Begriff, der gehört nicht zur politischen Praxis unserer parlamentarischen Demokratie. Aber weshalb sie sich wahrscheinlich aufregt, ist dieses Verstolpern von allem und jedem. Da steckt ja jetzt bei dem Klimathema wirklich eine Unfähigkeit drin, zu begreifen, dass der Klimawandel ein Game-Changer ist, das ist etwas, was kein normales politisches Thema ist, sondern etwas, dass die Realität radikal verändern wird, das hat sich bis in die Große Koalition offenbar noch nicht durchgesprochen. Das ist ja verrückt.

Wie kann sich diese Politik verändern?

Indem man die Prioritäten sortiert. Wir haben es nicht mit einem Politikproblem zu tun, wie wir es kannten, sondern wir haben es mit einem Problem zu tun, dass erfordert, dass unsere Wirtschaftsweise als auch unsere Lebensstile umgestellt werden. Das muss doch die politische Klasse begreifen. Und ich sage es noch mal: Die Befunde der Klimaforschung kennen wir seit 30 Jahren, das ist jetzt nicht das Neueste vom Tage. Und diese Inaktivität und das Nichtverstehen, das ist schon selber echt erklärungsbedürftig

Mit Blick auf die weltweiten Demonstrationen an diesem Freitag: Jetzt registrieren wir, dass die Politik auch bei so einem Druck relativ unempfindlich ist?

Und das ist ja wirklich irre. Ich hab gelesen, in 110 Städten in Australien, da demonstrieren die Schüler, und das ist heute weltweit der Fall. Wir können ja mal versuchen, uns zu erinnern: Wann hat es jemals solche soziale Bewegung global gegeben? Noch nie! Das ist absolut sensationell, was passiert. Und im totalen Kontrast dazu steht dann so eine demonstrative Nachtsitzung der Koalition, wo jetzt mal überlegt wird, wie man denn da zu Potte kommt. Das ist ja ein Missverhältnis, was wirklich deprimierend ist.

Das Gespräch mit Harald Welzer führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. September 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 08:40 Uhr

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