Portrait Harald Welzer
Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Seit 2012 ist er Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Außerdem ist er Direktor der Stiftung "Futurzwei". Bildrechte: dpa

Debatte um Wahlrecht ab 16 Sozialpsychologe Welzer: "Jugendliche haben das Recht, an der Gestaltung ihrer Zukunft mitzuwirken"

Die Debatte um ein mögliches Absenken des Wahlalters auf 16 hat durch die Jugendbewegung "Fridays for Future" neuen Auftrieb erhalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel befürwortet mittlerweile die wöchentlichen Demonstrationen von Schülern für den Klimaschutz. Auch Bundesjustizministerin Katarina Barley lobt das politische Engagement der Jugendlichen und unterstützt den Vorschlag, 16-Jährigen auf Bundesebene den Gang zur Wahlurne zu gestatten. Dazu ein Gespräch mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer.

Portrait Harald Welzer
Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Seit 2012 ist er Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Außerdem ist er Direktor der Stiftung "Futurzwei". Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Derzeit wird das Wahlrecht ab 16, auch bei der Bundestagswahl, diskutiert. Ist das ein guter Vorschlag?

Harald Welzer: Ich finde es erstmal gut, dass wieder diskutiert wird, ob man es neuerdings wieder mit einer politischen Generation zu tun hat. Das Alter der politisch Interessierten scheint deutlich nach unten gesunken zu sein, jedenfalls wenn man sich die Klimaschutzdemonstrationen der letzten Wochen anschaut. Da sind 14, 15-Jährige dabei und insofern finde ich das für die Diskussion erstmal sehr wichtig.

Wir nehmen zur Kenntnis: Die jungen Damen und Herren sind da immerhin sehr ausdauernd unterwegs mit "Fridays for Future". Wie ernst nehmen Sie das? Ist das eine neu politisierte Jugend oder etwas, was auch schnell wieder vorüber sein könnte?

Man hat im letzten Jahr schon sehr viele junge Menschen auf Demonstrationen gesehen - etwa bei der "Unteilbar"-Demonstration in Berlin. Da haben eine Viertelmillion Menschen teilgenommen. Etwa die Hälfte davon waren sehr junge Menschen. Dasselbe konnten Sie bei den sogenannten "Seebrücke"-Demonstrationen feststellen, die in allen deutschen Städten stattgefunden haben. Da ging es gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung. Dort haben sogar überwiegend Jugendliche demonstriert. Jetzt haben sie ihr eigenes Thema mit ihrer eigenen Form gefunden. Ich würde sagen, es deutet vieles darauf hin, dass wir einen Generationenkonflikt haben. Was für ältere Menschen politisch relevant zu sein scheint – wie der Ausstieg aus der Kohle, die Rente – das ist für junge Menschen, angesichts der ökologischen Bedrohung, gar kein Thema. Die Jugendlichen setzen andere Themen.

Die Bedenkenträger sagen: 16-Jährige sind zu sehr manipulierbar. Es wäre zu gefährlich, ihnen das Wahlrecht zu geben. Was sagen Sie zu diesem Argument?

Wenn wir uns die Entwicklung des politischen Klimas der letzten Jahre anschauen, dann muss man ja die Befürchtung haben, dass besonders ältere Zeitgenossen stark manipulierbar sind.

Warum sollen jetzt ausgerechnet junge, aufgeschlossene Menschen, die ihre Zukunft noch vor sich haben, leicht zu manipulieren sein? Zumal das Informationsniveau sehr viel besser ist: Wenn Sie mit Jugendlichen diskutieren, dann sind Sie regelmäßig erstaunt über das Niveau, wie sie sprechen, wie sie diskutieren können und wie gut sie informiert sind.

Ich glaube, man hat es im Vergleich zu früheren Zeiten mit einer hervorragend informierten Generation zu tun. Insofern denke ich, es wäre sinnvoll, die politische Teilhabe in einer alternden Gesellschaft zu öffnen.

Kultur

Harald Welzer 8 min
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Konservative Kräfte behaupten, mit 16 Jahren wählen zu dürfen, sei ein ganz durchsichtiges Manöver von SPD, Linkspartei und Grünen, denn die jungen Menschen seien im Zweifelsfall eher links und die Parteien wollten sich auf diese Weise neue Wähler erschleichen.

Argumente findet man sicher für und gegen alles. Man kann aber auch feststellen, dass dort wo im Alter von 16 Jahren das Wahlrecht eingeführt worden ist – auf der kommunalen Ebene – oder wie in Brandenburg auf der Ebene des Landtags, da hat man ja keine negativen Erfahrungen gemacht. Insofern stimmt das genannte Argument nicht.

Dann gibt es noch das Argument zu sagen: Gesellschaftliche Verantwortung besteht aus vielen Dingen, nicht nur aus dem Wahlrecht, sondern auch aus Pflichten. Die Strafmündigkeit solle dann ebenfalls ab 16 gelten.

Diese Dinge muss man im Einzelnen diskutieren. Das Eine ist eine juristische Frage. Das Andere ist eine demokratietheoretische Frage. Ich finde es erstmal gut, dass wir überhaupt darüber reden. So kann vielleicht auch eine Sensibilität dafür entstehen, um zu bemerken, dass Jugendliche in unserer politischen Landschaft radikal unterrepräsentiert sind. Das ist der Überhang der Älteren, die entsprechend die Themen setzen und natürlich auch die politische Klasse dominieren. Ich sage es nochmal: Diejenigen, die ihre Zukunft noch vor sich haben, haben auch jedes Recht der Welt auch an ihrer Gestaltung mitzuwirken.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2019 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2019, 21:05 Uhr

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