Leipzig Schöpfer der Blechbüchsen-Fassade: Zum Tod von Harry Müller

Die Fassade der "Blechbüchse" in Leipzig ist sein bekanntestes Werk. Auch die drei vor dem Kaufhaus stehenden Pusteblumen-Springbrunnen hat der Leipziger Bildhauer Harry Müller geschaffen. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben. Sein Freund Bernd Sikora, selbst Architekt, Künstler und Buchautor, erinnert im Gespräch an Müllers Werke und erklärt, warum Müller es mit seiner abstrakten Kunst in der DDR nicht leicht hatte und warum er danach fast vergessen wurde.

Der Richard-Wagner-Platz in Leipzig mit dem Springbrunnen Pusteblume von Bildhauer Harry Müller, dahinter die Höfe am Brühl
Der Richard-Wagner-Platz in Leipzig mit dem Pusteblume-Springbrunnen und der Blechbüchsen-Fassade von Bildhauer Harry Müller Bildrechte: imago/Harald Lange

MDR KULTUR: Herr Sikora, sie kannten Harald Müller persönlich, waren mit ihm in Jugendzeiten befreundet. Wie und wo haben Sie sich kennengelernt? Und was hat Sie an seiner Kunst an seiner architektonischen Gestaltung fasziniert?

Bernd Sikora: Ich war in der Zeit, als in der DDR die Nachkriegsmoderne fünf Jahre gestattet und üblich war, im Architekturbüro, das im Grassi Museum saß, und zum Schluss in der Messeabteilung tätig. Und da war moderne Architektur gefragt bei der Gestaltung von Messeständen. Und ich habe als ganz junger Bursche den Auftrag erhalten, einen Messestand der DDR-Gips-Industrie zu entwerfen. Und bei dieser Gelegenheit entdeckte ich unter dem Kroch-Hochhaus in einem riesigen Schaufenster – da liegen heute ägyptische Plastiken drin – eine Ausstellung eines jungen Bildhauers, der aus Berlin wieder zurückgekommen war: des Leipzigers Harry Müller. Das war eine Kunst, die in Leipzig völlig unbekannt war. Das waren abstrakte Reliefs, zum Beispiel die Fassaden-Details vom Müggelturm. Und dann hat er im Stil der Op-Art, eine geometrisch orientierte abstrakte Kunst, und vor allem im Stil des Engländers Henry Moore gearbeitet: Da standen ein großer Stier mit einem durchbrochenen Leib und plastische Figuren und abstrakte, die sehr glatt waren. Es waren auch ein paar Frauenakte dabei, die an den westdeutschen Künstler Hans Arp erinnerten. Das hat mir sehr gefallen. Und da habe ich den Namen entdeckt und bin nach Gohlis in die Wohnung und dann ins Atelier von Harald Müller gegangen und habe gefragt, ob er für mich die Kunstwerke in der von mir zu konzipierenden und im Bauhaus-Stil gedachten Gips-Ausstellung macht. Tja, und er hat zugesagt und meine Chefs haben zugestimmt. Und so kam Harry Müller mit Architekten ins Geschäft und ins Gespräch. Und es war so, dass in der Leipziger Kunstszene abstrakte Kunst dieser Art nicht beliebt war.

Ja, die abstrakten Künstler waren damals nicht wohlgelitten.

Die waren überhaupt nicht wohlgelitten. Die Bildhauer der Leipziger Realisten-Szene verlangten sogar, dass das Schaufenster geschlossen wird. Harry Müller hatte aber durch den Gips-Stand als nächstes den Auftrag für eine große Trennwand aus Strukturelementen im damals neu entstehenden Hotel Deutschland erhalten. Und dann schlossen sich schon die Fassadenelemente für die Kaufhausfassade an. Die Architekten waren meine Kollegen aus dem Nachbarzimmer. Walther, Böhme, Dick, Graf, Kurth. Er arbeitete dann mit diesen Leuten zusammen und entwickelte diese Fassade.

Sie haben das gerade schon ein bisschen angerissen: Harry Müller kämpfte in der DDR den Kampf: sozialistische, realistische Plastik gegen Abstraktion. Das war ja nicht zu seinem Vorteil. Er wurde viel abgelehnt. Können Sie das so ein bisschen aufschlüsseln?

Bernd Sikora
Bernd Sikora Bildrechte: Bernd Sikora

Ja, es ist ihm ja nicht allein so gegangen: Der berühmte Hermann Glöckner in Dresden, hat ja in gleicher Art entworfen, und auch Plastiker, die an der Dresdner TU waren. Dann gab es in der heutigen Bauhaus Uni in Weimar auch Leute, die in dieser Art entwarfen. Zu den Abstrakten gehörte übrigens auch der Bruder von Willi Sitte, den ich gut kannte. Diese Art von Kunst wurde von den figürlichen Leuten als eine Art Kunsthandwerk hingestellt, und das war's natürlich nicht. In den Sechzigern gab's ja diese berühmte Diskussion in der DDR, das elfte Plenum war das, glaube ich, gegen den Formalismus, der aus dem Westen in die DDR-Kunst eingedrungen ist. Da gab es die berühmte Röhrenvasen-Diskussion und Müller war genau auf dieser Röhrenvasen-Linie, denn seine Frau war eine Keramikerin, die im Bauhausstil entwarf und die Familie verdiente sich ihr Geld in den Kunsthandwerksläden in dem modernen Stil, der vom Bauhaus kam.

Müller wurde auch im Künstlerverband abgelehnt, wenn ich das richtig weiß?

Am Anfang ja, aber er wurde dann aufgenommen, denn das muss man auch sagen: Es gab in dem Künstlerverband Leute, die auf der Messe gearbeitet haben, Messestände oder später – wie ich – Ladeneinrichtungen gemacht haben. Von denen gab es auch eine Rückendeckung und daraufhin wurde Harry Müller im Verband aufgenommen.

Wenn wir jetzt mal auf Harry Müllers Kunst genauer schauen: Er ist nicht der Vater der Blechbüchse, wie gern geschrieben wird, sondern der Vater der metallisch glänzenden Außenfassade – und von den drei Pusteblumen-Springbrunnen auf dem Richard-Wagner-Platz. Wo gibt's denn sonst noch Werke von Müller?

Was es noch gibt, ist die Fassade vom Müggelturm. Dann hat er für ein dreieckiges Wasserbecken im Chemieanlagen-Bau – damals ein sehr modernes Gebäude neben der Hauptpost – eine  abstrakte, organisch geformte Plastik entworfen. Die wurde gerettet, und die steht heute in Wahren "Am Viadukt". Da ist so ein grünes großes Metall-Gebäude, und daneben beim Parkplatz steht diese Plastik heute.

Wie wird Harry Müller denn heute in Leipzig gewürdigt?

Leider eigentlich gar nicht, denn er wurde nach der Wendezeit auch ein bisschen Opfer der neu entstehenden Neuen Leipziger Schule. Die Alte hat man ja nach 1990 bekämpft, und vor dem hat er natürlich auch bei den Kunstkritikern, die vor allem aus Westdeutschland kam und die Alte Leipziger Schule mit Tübke, Mattheuer und Heisig hochlobten, keinen guten Stand gehabt – so wie die anderen, die gegenstandslos arbeiteten, auch nicht.

Er ist also auch heute fast vergessen?

Ja, fast vergessen. Ich wünsche mir, dass ein junger oder eine junge Kunsthistorikerin sagt: Das ist doch mal eine Diplomarbeit oder eine Doktorarbeit wert und ich erforsche das.

Das Gespräch führte Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2020 | 12:10 Uhr