Ausstellung in Leipzig Warhol, Beuys, Christo – der Fotograf der Kunst-Stars kommt aus Leipzig-Reudnitz

Die beiden Fotografen Harry Shunk und János Kender haben Kunstgeschichte geschrieben. Die Kunst- und Lebenspartner haben Künstlerstars wie Andy Warhol, Yves Klein oder Christo abgelichtet. Shunk stammt aus Leipzig-Reudnitz. Erstmals ist in seiner Heimatstadt nun eine Werkschau zu sehen, in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst.

Die beiden Künstler-Fotografen Harry Shunk und János Kender haben Kunstgeschichte geschrieben. Doch erst jetzt gibt es in Deutschland eine Retrospektive des Leipziger Fotografen und seines ungarischen Partners zu sehen, die Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst zeigt ihr bemerkenswertes Schaffen in einer Schau, die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Centre Pompidou entstanden ist.

Von den späten 1950er- bis zu den frühen 70er-Jahren haben Shunk und Kender ikonische Bilder der internationalen Nachkriegs-Avantgarde festgehalten – von Christo über Joseph Beuys und Niki de Saint Phalle bis hin zu Andy Warhol.

Von Leipzig nach Paris

Wie sich Shunk und Kender kennenlernten, erläutert Franciska Zólyom, die Direktorin der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst: "Shunk ist ein Fotograf gewesen, der ursprünglich aus Leipzig kommt, in Reudnitz geboren wurde und dann als junger Mann nach dem Zweiten Weltkrieg sich in Paris in Pariser Künstlerkreisen niederlässt. Und dort lernt er seinen späteren Partner und Künstlerpartner Janosch Kinder kennen, der wiederum 1956 nach der Niederschlagung der Revolution in Ungarn flieht und auch ebenfalls in Paris landet."

Christo, Côte emballée, Little Bay, Sydney
Christo, Côte emballée, Little Bay, Sydney Bildrechte: Shunk-Kender Fund, Roy Lichtenstein Foundation donation, in memory of Harry Shunk and János Kender (2014). © J. Paul Getty Trust. All rights reserved

Beide sind fasziniert von der vibrierenden Pariser Kunstszene. Mit dem Enthusiasmus von Autodidakten stürzen sie sich ins pralle Künstlerleben. Bei der Arbeit in den Künstlerateliers, beim Aufbau von Ausstellungen oder bei denkwürdigen Performances treffen sie auf junge Künstlerinnen und Künstler, die damals noch ziemlich unbekannt sind, wie zum Beispiel Christo:

Sie haben frühe Aktionen von Christo fotografiert. Und zwar verhüllte Christo zum Beispiel auch Frauenkörper, was sehr interessant ist. Auf diesen Fotos von Shunk/Kender sieht man nicht nur die verhüllten Frauen, sondern eben auch die Betrachterinnen der Ausstellung, die zum Teil noch im Cocktailkleid kommen und selber so verpackt wirken.

Franciska Zólyom, die Direktorin der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst

Ikonisches Sprungbild von Yves Klein

Eine der spektakulären Kunstaktionen von Yves Klein aus dem Jahr 1960 ist mittlerweile ein Ikonisches Foto der Kunstgeschichte, der mittlerweile berühmt gewordene "Sprung ins Leere". Darauf sieht man den Künstler Yves Klein, wie er sich mit ausgebreiteten Armen von einem Hausdach in die Tiefe stürzt. Zólyom erklärt: "Yves Klein hat eben diesen Sprung in die Lehre inszeniert, wo er beschreibt, er sei ein Maler des Raumes und wer sich mit Raum ernsthaft befasst, der muss sich in den Raum hineinwerfen. Yves Klein war Judokan und auf den Aufnahmen von Shunk/Kender sehen wir eben auch, wie seine Judo-Kumpanen eben die Matte gehalten haben, auf die er sprang. Das ist in der Fotomontage heute nicht mehr zu sehen, da sieht man ihn frei schwebend in einem Pariser Vorort vom Dach springen."

Photographies préparatoires pour le Saut dans le Vide d'Yves Klein, Fontenay aux Roses
Photographies préparatoires pour le Saut dans le Vide d'Yves Klein, Fontenay aux Roses Bildrechte: Shunk-Kender Fund, Roy Lichtenstein Foundation donation, in memory of Harry Shunk and János Kender (2014). © J. Paul Getty Trust. All rights reserved

Der Sprung in die Lehre war einerseits ein Sinnbild für den radikalen Künstler, der seine Existenz todesmutig aufs Spiel setzt. Zugleich war es aber auch das gefälschte Bild eines Illusionskünstlers, der Dinge einfach wegretuschiert.

Auch der gebürtige Leipziger Harry Shunke war auf seine Art ein "Illusionskünstler". Er hat zum Beispiel an seine Familie nach Leipzig geschrieben und dabei mächtig mit seinem angeblichen Wohlstand geprahlt, zwei nagelneuen Autos. Es ist jedoch überliefert, dass Shunk eher in Armut gelebt hat.

Andy Warhol, Gerard Malanga, Edie Segdwick et Chuck Wein dans un hôtel parisien
Andy Warhol, Gerard Malanga, Edie Segdwick et Chuck Wein dans un hôtel parisien (vlnr.) Bildrechte: Shunk-Kender Fund, Roy Lichtenstein Foundation donation, in memory of Harry Shunk and János Kender (2014). © J. Paul Getty Trust. All rights reserved

Einsamer Tod in vermeintlicher Armut

Dieses Spiel von Dichtung und Wahrheit zieht sich wie ein roter Faden durch das aufregende und fantasievolle Leben von Shunk. Auch nach seinem Tod. Da geschehen Dinge, die irgendwie märchenhafte Züge tragen. Im Jahr 2006 starb Shunk einsam und arm in seinem Wohnatelier. Es gab auch keinen Kontakt mehr zu Kender, denn die beiden hatten sich bereits in den 70er-Jahren getrennt. Nach seinem Tod wurde sein vollgestopftes Wohnatelier ganz brutal entrümpelt. Dabei kam erstaunliches zum Vorschein, so Zólyom: "Die Firma, die mit der Haushaltsauflösung beauftragt wird, arbeitet also dort und entsorgt auch einiges. Und offensichtlich ist einer der Mitarbeiter dieser Firma auf Dinge gestoßen, die er aus dieser Entrümpelung, aus dem Müll geholt hat. Und Jahre später stellte sich heraus, dass das in Wirklichkeit Werke von Niki de Saint Phalle oder Andy Warhol und Christo waren. Dieser Mitarbeiter ist heute sehr glücklich, arbeitet nicht mehr für die Firma, sondern ist sehr reich geworden mit diesem Fund."

Die Ausstellung Shunk-Kender. Kunst durch die Kamera
Die Künstler-Fotografen Harry Shunk und János Kender

24. Oktober 2020 bis 14. Februar 2021

Galerie für Zeitgenössische Kunst
Karl–Tauchnitz-Straße 9–11
Leipzig

Öffnungszeiten:
Mo geschlossen
Di-Fr: 14-19 Uhr
Sa-So: 12-18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Oktober 2020 | 08:40 Uhr