Soziologe Hartmut Rosa
Hartmut Rosa lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bildrechte: dpa

Demokratie in der Krise? Soziologe Hartmut Rosa: Was beim Gemeinwohl schiefläuft

Was stimmt nicht mit der Demokratie? Gilt noch das Versprechen, dass wir gemeinsam unsere Welt gestalten können? Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa meint nein. Und plädiert dabei für ein neues Konzept des Gemeinwohls, das auf Austausch und Resonanz aufbaut.

Soziologe Hartmut Rosa
Hartmut Rosa lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bildrechte: dpa

Hartmut Rosa ist Soziologe und Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Gesellschaftsanalyse und der "Soziologie der Weltbeziehung". Sein neuestes Werk heißt "Unverfügbarkeit (Unruhe bewahren) und ist ein Plädoyer dafür der permanenten Verfügbarkeit Grenzen zu setzen. Im Interview stellt er sich der Frage, ob unsere Demokratie heute noch funktioniert und was wir ändern müssten.

MDR KULTUR: Hat das Gefühl einer nicht funktionierenden Demokratie etwas mit dem zu tun, was Sie "Unverfügbarkeit" nennen?

Hartmut Rosa: Ja, das ist die These, die ich im Buch entwickle. Dass wir nämlich in der modernen Gesellschaft auf eine ganz bestimmte Weise miteinander und mit der Welt umgehen. Dass wir versuchen, alle Dinge in den Griff und unter Kontrolle zu kriegen – beherrschbar zu machen. Und dass uns dabei aber, paradoxerweise, die Dinge eher außer Kontrolle geraten. Dass wir das Gefühl haben, wir können über das Leben, die Welt und uns selbst eigentlich gar nicht verfügen, sondern die Dinge werden unkontrollierbarer. Und das erzeugt eine Wut- und Aggressionshaltung, die sich dann auch in der Politik niederschlägt.

Und im sogenannten "Wutbürger", der seit ein paar Jahren sein Unwesen treibt, in der deutschen Öffentlichkeit und im politischen Raum. Man fragt sich ja immer: Woher kommt eigentlich die Wut des "Wutbürgers"?    

Hartmut Rosa
Der Soziologe Hartmut Rosa. Bildrechte: Büro Prof. Dr. Hartmut Rosa

Es gibt eine Deutung – häufig eine soziologische – die sagt, das sind die Globalisierungsverlierer, die, die zu kurz kommen. Gerade auch in ökonomischer Hinsicht. Menschen, die von dem Reichtum nicht profitieren. Aber ich glaube, diese Erklärung greift zu kurz. Weil es gibt Verlierer in jeder Gesellschaft, auch in Deutschland und anderswo, die trotz des anhaltenden Wachstums eben nicht profitieren. Aber die, die wirklich verlieren und die sozusagen herausgeschleudert werden aus dem System, das sind nicht die, die sich dann politisch artikulieren und auf die Straße gehen. Deshalb glaube ich, die "Wutbürger", die haben eine andere Wurzel. Nämlich die Grunderfahrung ist die, dass da was nicht stimmt mit unserem Weltverhältnis. Dass wir uns etwas anderes versprochen haben, vom Leben und von der Welt, als was wir bekommen. Und das treibt dann eben alle möglichen Blüten und einige davon sind politischer Natur.

Warum muss man in solchen Zusammenhängen dann immer danach fragen, ob die Demokratie noch funktioniert? Sie funktioniert doch blendend – auch im Ernstfall.

Nein, das finde ich nicht. Bei der Frage "Funktioniert die Demokratie?" muss man feststellen, dass es zwei Seiten hat. Das eine ist: Sind die Institutionen noch operationsfähig? Und da würde ich Ihnen zustimmen, ja. Aber wenn man fragt, ob Demokratie funktioniert, dann glaube ich, kommen andere Gesichtspunkte ins Spiel. Nach meinem Verständnis gibt Demokratie uns eine Art von Grundversprechen. Dass wir nämlich die Welt, in der wir leben, gemeinsam gestalten können – und zwar politisch gestalten können. Das ist nach meiner Diagnose und Verständnis so etwas, wie das Versprechen, dass wir alle eine Stimme haben, die wir einbringen können in das Gestalten der gemeinsamen Welt.

Und ein Teil der Wut kommt daher, dass Menschen das Gefühl haben, ihre Stimme wird nicht mehr gehört, nicht mehr wahrgenommen. Sie prallt ab an der institutionellen Realität und sie ist kein Instrument mehr des gemeinsamen Gestaltens von Welt. Ich beschreibe das als einen Resonanzverlust, der sich hauptsächlich darin äußert, dass wir die Politik nicht mehr als das wahrnehmen, mit dessen Hilfe wir die Lebenswelt gemeinsam gestalten können. Und in dieser Hinsicht finde ich, funktioniert Demokratie ganz schlecht.

Wenn wir das beklagen, dann müssen wir natürlich an die Wurzel gehen. Ansonsten gewinnt man ja keinen Gestaltungsspielraum zurück oder?         

Deshalb kommt man dann auf die Frage: Wo liegt denn eigentlich die Wurzel? Und da wird dann häufig, meiner Ansicht nach, auf einer verkürzten Ebene gesucht. Entweder nur ökonomisch oder das irgendwelche institutionellen Probleme zu beklagen sind. Aber meine Diagnose sagt, die Wurzel liegt tief. Sie liegt in unserem Grundverhältnis zur Welt. Wir sind erstens darauf ausgerichtet, alles verfügbar zu machen. Und zweitens, sind wir institutionell dazu gezwungen, jedes Jahr Wachstum zu erwirtschaften. Effizienz zu steigern, uns zu optimieren. Das führt dazu, dass uns die Welt geradezu als Aggressionsfeld gegenübertritt. Die Aufgaben, die sich uns jeden Morgen neu stellen, sind zusammengefasst in einer endlos langen To-do-Liste, die uns Aggressionspunkte liefert. "Ich muss jenes erledigen – Ich muss dieses kaufen. – Ich muss das loswerden. – Ich muss jenes unter Kontrolle bringen." Diese Aggressionshaltung übersetzt sich dann auch in die Politik. Wenn Menschen politisch miteinander umgehen, bekämpfen sie sich inzwischen, anstatt dass sie fragen, wie wir gemeinsam Welt gestalten wollen.

Sie wollen also mehr Gemeinwohl stiften. Die materiellen und technischen Voraussetzungen haben wir. Was kann politisch dafür getan werden? Oder kann Politik da überhaupt etwas tun?

Teilnehmer einer Demonstration der islamfeindlichen Pegida-Bewegung stehen anlässlich des bevorstehenden Besuchs von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) im Sächsischen Landtag an einer Straßenkreuzung.
Nach Rosa fühlen sich "Wutbürger" ihrer politischen Stimme beraubt. Bildrechte: dpa

Ich glaube wir sollten die Idee eines Gemeinwohls zurückgewinnen, das nicht substanziell definiert ist. Also, dass man nicht sagen kann, wir müssen alle christlich sein oder wir müssen alle links, rechts oder sonst wie verfasst sein. Sondern Gemeinwohl ist eine bestimmte Form des miteinander in Beziehung treten, was ich als Resonanz-Beziehung beschreibe. Nach meiner Auffassung kann man Gemeinwohl so definieren, dass es dann erfüllt oder realisiert ist, wenn das Gemeinwesen über fünf Resonanz-Achsen verfügt. Das eine ist die, zwischen Bürgerinnen und Bürgern. Dass wir lernen, einander zuzuhören und zu antworten – und nicht einander niederzubrüllen oder auszustechen. Das zweite ist das Verhältnis zu den politischen Institutionen. Dass wir die als Resonanz-Achsen ebenfalls begreifen. Dass sie uns nämlich antworten, dass wir sie erreichen. Dass wir sie aber auch wahrnehmen und hören. Das dritte ist, wir brauchen so etwas wie ein Resonanz-Verhältnis zur Natur. Nur dann können wir die ökologischen Krisen überwinden.

Und wir brauchen sogar ein Resonanzverhältnis zur Geschichte. Nicht, dass die Geschichte uns determiniert oder vorschreibt oder dass die Tradition uns zu irgendetwas erzwingt. Sondern, dass wir auf die geschichtlichen Erfahrungen hören und darauf antworten. Und so auf eine Resonanz zwischen dem Entwurf für die Zukunft und einer Erfahrung aus der Geschichte kommen. Dass auf diese Weise eine Resonanz-Achse entsteht. Deshalb glaube ich, dass die Idee, dass das Gemeinwohl darin besteht, dass es bestimmte Beziehungen zur Geschichte, zur Natur, zur Kultur, zu anderen Menschen und übrigens auch zu dem, was wir als andere Gemeinwesen wahrnehmen, etabliert. Das könnte uns helfen, aus dem Kampf- und Aggressionsmodus, der Wutbürgertum schafft, dass wir da herauskommen und vielleicht gelingende Demokratie tatsächlich realisieren können.

Cover des Buches "Unverfügbarkeit" von Hartmut Rosa.
Bildrechte: Residenz Verlag

Infos zum aktuellen Buch Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit
136 Seiten
Residenz Verlag
Preis: 19 Euro
ISBN: 9783701734467

Die Fragen stellte Alexander Mayer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Mai 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2019, 10:04 Uhr

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