Haruki Murakami
Schon mehrfach wurde der japanische Schriftsteller Haruki Murakami mit seinen surrealen Romanen als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt. Bildrechte: imago/Christian Thiel

"Die Ermordung des Commendatore - Band 2" Warum der neue Murakami DAS Buch des Frühjahrs ist

Ein Kunstwerk in zwei Teilen: Band zwei des neuen, großen Romans von Haruki Murakami ist erschienen. Ein Roman über Kunst und Liebe, in dem sich Fantastisches mit Banalem vermischt - und das neben einer rasanten Geschichte ein Porträt des Schriftstellers mit literaturmalerischen Mitteln ist. Eine Empfehlung von MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher.

Haruki Murakami
Schon mehrfach wurde der japanische Schriftsteller Haruki Murakami mit seinen surrealen Romanen als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt. Bildrechte: imago/Christian Thiel

Da ist er wieder, dieser typische Murakami-Held: farblos, still und namenlos, im ersten Band bereits von seiner Frau verlassen und auch von der Sicherheit einer konsistent alltäglichen Umgebung. Denn bereits in Band eins hat ihn sein Autor gepackt und in eine derangierte Realität gestoßen, den doppelten Boden in ein fantastisches Geschehen geöffnet.

Die Vorgeschichte

Wir erinnern uns: Der nach sechs Jahren Ehe in die Einsamkeit gestoßene Auftragsporträtist zieht sich in das Atelierhaus eines berühmten alten Kollegen zurück, der bereits in ein Seniorenheim umziehen musste. Dort erscheint eines Tages ein Mann, der ihm obszön viel Geld anbietet, wenn er ihn porträtiert. Eigentlich hatte der 36-jährige Maler keine Lust mehr, Auftragsporträts zu fertigen. Doch er nimmt den Auftrag an und damit nimmt ein mysteriöses Geschehen seinen Lauf. Glockenklingeln tönt aus einem Schrein auf dem Grundstück, ein Wesen materialisiert sich aus einem Gemälde heraus, und nicht zuletzt ist da der Mann mit dem Gesicht aus Nebel, dessen Porträt partout nicht gelingen will.

Das ist die Basis, die in Band eins ausgerollt wird, und auf deren Anlage nun Weiteres passiert: Eine zweite Hauptfigur tritt auf, ein junges Mädchen namens Marie, das eines Tages verschwindet. Der Maler, der sie porträtiert und zu dem sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, sieht sich plötzlich gefordert - er muss sie retten, muss dafür sogar töten.

Den Protagonisten erfasst ein Übergangsritus, er muss vom geschmacklosen Lethewasser kosten, begegnet unter Tage dem Mann ohne Gesicht, wird vom Autor buchstäblich durch einen erdigen Geburtskanal gejagt - um am Ende tatsächlich jemand anderes zu werden; eine sehr geheimnisvolle Schwangerschaft und Traumszenarien garnieren das Geschehen. Lautlos lässt er eine Welt explodieren, die danach fast genauso aussieht wie vorher. Aber eben nur fast.

Wer den fantastischen Haruki Murakami mag, mit seinem Händchen für alle surrealen und magischen Momente, mit seiner Verwandtschaft zu David Lynch, Franz Kafka oder E.T.A. Hoffmann, hat an diesem neuen Roman wieder richtig Freude, er ist in Bestform.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Murakamische Malkünste

Der Autor agiert wie sein malender Protagonist: Auf seiner literarischen Palette mischt er ganz sachte immer mehr Mysterium in den Alltag und zeichnet an die Realität des Protagonisten rätselhafte Volten, um so den Roman sukzessive mit einem irreal schillernden Firnis zu überziehen. Das ist seine Technik, sein Strich, der durchaus murakamisch zu nennen ist, und der bis in die kleinsten inhaltlichen und sprachlichen Ebenen durchgehalten wird: So lebt der Protagonist etwa in einem Haus am Eingang eines Tales, zwischen hoch und tief, und darüber hinaus an einer Wetterscheide, vorne regnet es, hinten scheint die Sonne. Und wenn im Wald hinter einem Schrein eine dunkle Grube im Boden auftaucht, dann ist die gern mal mit einer banalen Plastikplane verdeckt.

Realität und Fantastik miteinander verwoben

Haruki Murakami
Haruki Murakami verwischt in seinen Erzählungen immer wieder mit magischen Elementen die Grenzen unserer Realität. Bildrechte: dpa

Wer nach Band eins vielleicht noch gedacht hat: ein Mann mit Nebel statt Gesichtszügen, eine kleine Commendatore-Figur, die sich aus einem Bild heraus materialisiert, Glöckchenklingeln und verstummende Insekten des Nachts - das ist doch etwas sehr hanebüchen, der wird mit der Fortsetzung nun eines Besseren belehrt. Hier haben sich die beiden Ebenen des Fantastischen und des Realen bis in Wortwiederholungen so miteinander verwoben, dass ein widerspruchsfreies Gemälde entsteht. Dessen Vorstufen durchaus passabel waren, das aber erst in seiner Gänze perfekt ist.

Nebenbei macht es großes Vergnügen, dem malenden Protagonisten in seinen Reflektionen über das Malen zu folgen - zumal er am Ende, nach seinen rites de passage als wahrer Künstler hervortritt. Wie Haruki Murakami eben dies fassbar macht, sich selbst als Schriftsteller sogar porträtiert im Schreiben über den andern Künstler, den Maler - das ist einmal wieder einigermaßen hinreißend.

Es ist schwer, wieder rauszufinden aus dem Buch, es könnte weiter und weiter gehen. Deshalb meine Empfehlung: Wenn Sie ein Buch lesen in diesem Frühling, dann diese beiden.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin
Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore - Band 2 - Eine Metapher wandelt sich
Bildrechte: Dumont Verlag

Das Buch Haruki Murakami: "Die Ermordung des Commendatore - Band 2:
Eine Metapher wandelt sich"
479 Seiten, gebunden, 26 Euro
ISBN 978-3-8321-9892-3
Dumont Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 17. April 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2018, 14:05 Uhr

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