Gespräch #dichterdran: Schriftstellerinnen haben den Sexismus in der Literaturkritik satt

Die Schriftstellerin und Journalistin Simone Meier hat unter dem Hashtag #dichterdran bei Twitter eine Diskussion gestartet, wie in der Literaturszene über Frauen geschrieben wird. These: Die meist männlichen Kritiker schreiben über Schriftstellerinnen anders als über Männer. Oft stehen äußere Merkmale im Vordergrund, nicht das literarische Schaffen. Viele der Mitdiskutantinnen reflektieren das ernste Thema humorvoll und fragen sich: Wie hätte man über bekannte männliche Schriftsteller geschrieben, wenn sie Frauen gewesen wären? Ein Beispiel von Simone Meier: "Während die beeindruckende Katja Mann erfolgreich die Fabriken ihres Vaters leitete, kümmerte sich Gatte Thomas liebevoll um die Kinder, daneben schrieb er Bücher." Dazu Simone Meier im Interview.

MDR KULTUR: Haben Sie schon Erfahrungen mit sexistischen Kommentaren in der Literaturszene erlebt?

Simone Meier: Als mein vorletzter Roman "Fleisch" vor zwei Jahren erschien, war eine Figur von mehreren, eine Frau in der zweiten Hälfte ihres Lebens, zu Beginn der Wechseljahre. Und dann hieß es in manchen Kritiken: Auf einen Wechseljahre-Roman haben wir ja schon lange gewartet, wichtiges Thema, doch es sollte schon ein bisschen im Stil von Wilhelm Genazino geschrieben sein. Ich glaube, das war auf "Spiegel Online".

Gibt es Reaktionen von männlichen Kollegen aus der Literaturszene auf die Twitteraktion, es sind ja vor allem Frauen, die twittern.

Wir haben sehr viele männliche Fans, ein paar wagen sich jetzt auch mitzutwittern, was ich begrüße. Bei den Kritikern ... hm, es wurde ja sehr viel berichtet darüber in den deutschen Medien, vornehmlich von Frauen. Ob sich die Kritiker da jetzt ein bisschen getroffen fühlen oder denken: Okay, wenn ich als Mann jetzt etwas schreibe, was nicht total affirmativ ist, da werde ich auf Twitter wieder dran genommen?

Wie weit darf man denn als Mann da mitdiskutieren überhaupt?

Natürlich darf man da mitdiskutieren. Es gibt sehr viele Männer, denen ist das absolut bewusst oder denen wird das jetzt bewusst, und die haben überhaupt kein Problem, damit umzugehen.

Es ist verwunderlich, dass solche Dinge überhaupt noch so heftig diskutiert werden. Offenbar ist da noch viel zu tun.

Ich glaube, die Leute in den Schlüsselpositionen von großen Medien, Zeitungen, Sendern, die sind dann schon ein bisschen älter. Wir machen uns über eine ältere Generation von Kritikern lustig – und ich muss ehrlich gestehen, auch Kritikerinnen, die sind ab und zu gar nicht soviel besser.

Kritikerinnen haben zum Teil auch ein Problem mit der unterschiedlichen Wahrnehmung von Künstlerinnen und Künstlern?

Das kommt vor, das würde ich jetzt aber einzig auf das Generationenproblem beziehen. Man hat eine gewisse Sozialisierung hinter sich als Schriftstellerin oder Kritikerin, und wenn man sich nicht jahrelang ganz intensiv mit diesen Genderstudies oder Feminismus befasst, dann unterliegt man einfach genau dieser Perspektivensetzung, die von einem traditionellen Feuilleton oder traditionellen Literaturszene in die Welt gesetzt wurde.

Müssten mehr Frauen an den entscheidenden Positionen sitzen oder hoffen Sie auf umdenkende Männer?

Männer sind des Umdenkens durchaus fähig. Aber ich finde, im ganzen Feuilletonbereich, also wenn es um Literatur, Film – Popmusik ist ein ganz schwieriges Thema – geht, müssten mehr Frauen am Start sein, ja.

Auch Frauen schauen auf das Äußere von Männern: Gibt es von weiblicher Seite keinen Sexismus?

Computerbildschirm mit Nahaufname #dichterdran
Unter #dichterdran ist die Debatte im Netz zu finden. Bildrechte: MDR KULTUR / Joachim Blobel

Doch, natürlich! Ich habe mich sogar in den letzten Jahren eines gewissen Sexismus befleißigt, wenn ich Rezensionen schreibe. Gerade weil ich dieses Andere, dieses Althergebrachte so ein bisschen umkehren wollte. Also das, was wir jetzt mit #Dichterdran machen, probiere ich schon lange, ein bisschen einfließen zu lassen in meinen Alltag als Rezensentin. Da gab es natürlich öfter Kritik, weil man fand, wenn das jetzt über eine Frau geschrieben würde, dann würde das wieder total angeprangert, und ich hab immer versucht, klar zu machen: Leute, Ironie! #Ironie quasi. Versteht das doch einfach und guckt euch mal an, was in euren Köpfen damit passiert und auf was das beruht. Klar, die Leute sehen nun mal aus, wie sie aussehen und manche machen das auch zu einem Teil ihres Geschäfts. Das gilt für beide Seiten. Wenn über Frauen geschrieben wird, gerade auch über junge Frauen, wird die Außenwahrnehmung so primär gesetzt, und da entsteht gleich so ein Ton in einer Kritik, die Inszenierung wird über das Werk gestülpt und das Werk nicht mehr ganz ernst genommen. Und bei Männern ist es einfach so: Das Aussehen ist ein Teil des Ganzen, aber wichtig ist eigentlich schon das Buch.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Simone Meier. Eine Frau mit rotem, kurzem Haar, sitzt in einem grünen Kleid auf einem Hocker und schaut lächelnd in die Kamera.
Simone Meier Bildrechte: André Wunstorf

Über Simone Meier Die Schriftstellerin und Journalistin Simone Meier wurde 1970 geboren und studierte Germanistik, Amerikanistik und Kunstgeschichte. Sie arbeitete auch als Kulturredakteurin bei der WochenZeitung und beim Tages-Anzeiger, seit 2014 bei watson. Sie gewann diverse Preise und Stipendien. Ihre Romane "Fleisch" (2017) und "Kuss" (2019) erschienen bei Kein & Aber. Simone Meier lebt und schreibt in Zürich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. August 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2019, 10:15 Uhr

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