Tanzszene aus dem Projekt Atlas der Emotionen in der Kulturhauptstadt 2019 Matera
Tanzszene aus dem Film "Atlas der Emotionen" von Heike Hennig Bildrechte: Heike Hennig

"Atlas der Emotionen" Matera: Ein sinnlicher Stadtrundgang durch die Kulturhauptstadt 2019

Plovdiv in Bulgarien und Matera in Süditalien sind die europäischen Kulturhauptstädte 2019. In Matera gibt es aus diesem Anlass auch eine Jahresausstellung. Teil dieser Schau sind eine Performance und ein Film der Leipziger Regisseurin und Choreografin Heike Hennig. Gemeinsam mit anderen Künstlern und 300 Einwohnern hat sie sich auf eine künstlerische Reise durch die uralte "Stadt der Felsen" begeben. So sind emotionale Landkarten von einheimischen Geschichten entstanden, die in Bild, Sound und Tanz zu erleben sein werden - ein "Atlas der Emotionen".

von Maria Gassenmeier, MDR KULTUR

Tanzszene aus dem Projekt Atlas der Emotionen in der Kulturhauptstadt 2019 Matera
Tanzszene aus dem Film "Atlas der Emotionen" von Heike Hennig Bildrechte: Heike Hennig

Wer schon mal in Matera war, kennt diese Orte. Wer in solch einer Stadt lebt, der fühlt sie auch. Über 300 Einwohner Materas haben Stadtpläne erstellt, auf denen sie ihre ganz persönlichen Gefühle und Erlebnisse eingezeichnet haben. Freude, Trauer, Wut oder Glück wurden auf den Plänen farbig markiert. Ausgestellt werden diese "Atlanten der Emotionen" im Frühjahr 2019 in einer Ausstellung in der öffentlichen Bibliothek Materas.

Feierlich eröffnet wird die Ausstellung mit einer Wandel-Performance der Leipziger Choreografin Heike Hennig. Der Tanz startet auf dem Platz Vento, wo eine riesige blaue Kiste stehen wird. Die Zuschauenden werden dort abgeholt, durch das Kloster geführt und in die Ausstellung in der siebten Etage begleitet. Die blauen Kisten sind berühmt in Matera, weil darin die Stadtpläne verteilt wurden.

Stadpläne zum Kunst-Projekt Atlas der Emotionen in Matera in Italien
Stadtplan von Matera, in welchen die Einheimischen ihre Emotionen und Gefühle eintragen können. Bildrechte: MDR/Maria Gassenmeier

"Atlas der Emotionen" zeigt Geschichten Materas

Heike Hennig hat besondere Gemeinsamkeiten auf den Stadtplänen abgelesen und konkrete Geschichten für einen Film inszeniert, der auch Teil der Ausstellung ist. So hat sie erfahren, dass man sich in Matera das erste Mal auf dem Friedhof küsse. Hennig berichtet: "Da küssen sich meine Tänzerin und ein junger Mann aus Matera, dann ein ganz altes Ehepaar, was ganz reizend ist, dann ein ganz junges Paar, die Eisverkäufer knutschen sich wie wild."

So habe ich sozusagen etwas ganz Konkretes, was es nur in Matera gibt. Also ich wüsste nicht, ob man sich in Leipzig das erste Mal auf dem Friedhof küsst.

Heike Hennig, Choreografin und Regisseurin

Inspiriert wurde sie für ihren Film auch von ihren eigenen Matera-Erfahrungen. Die Künstlerin war beeindruckt von den Klängen: "die Kirchenglocken, die Schwatzhaftigkeit, die vorbeifahrenden Vespas und den Gerüchen: Lavendel, Wacholder".

Heike Hennig
Choreografin Heike Hennig Bildrechte: Heike Hennig

Matera ist sehr sinnlich. Als ich das erste Mal dort war und auf die Sassi geblickt habe, dachte ich das ist eine Fata Morgana, das ist ein Märchen.

Heike Hennig, Choreografin und Regisseurin

Uralte Felsenstadt: Schöne Schande

Die europäische Kulturhauptstadt Matera in Italien.
Blick auf Matera Bildrechte: IMAGO/ ZUMA Press

Sassi – die mittelalterlichen Höhlen, die in die Hügel Materas geschlagen wurden – seit den 90ern sind sie Weltkulturerbe und Touristenattraktion. Sie erzählen vom Auf und Ab der süditalienischen Stadt. In den 60er-Jahren lebten die Armen in den Sassi, sie galten als "Schandfleck Italiens". Heute gibt es dort Luxushotels. Diese Brüche machen die Stadt für Heike Hennig interessant.

Das macht auch die Leute so speziell, sehr herzlich, aber auch sehr stolz und kraftvoll.

Heike Hennig, Choreografin und Regisseurin

Erfahrbare Wünsche, Sehnsüchte und Ängste

Mehrere hunderttausend Gäste erwartet die Kulturhauptstadt 2019. Ein klein wenig Leipzig wird auch durch die Musik in Hennigs Performance dabei sein. Die Musik von Johann Sebastian Bach taucht in einer Szene auf und trifft auf Vivaldi. So verschränken sich die Künste, und es entstehen neue Möglichkeiten.

Ich denke, das wird für die Italiener und alle Besucher die kommen eine gute sinnliche Erfahrung: von Orten, Plätzen, Gedanken, Erinnerungen, Mensch sein.

Erfahrbar werden durch die Ausstellung nicht nur Matera, sondern auch die eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Wo hat man selbst starke Emotionen gehabt? Wo sich das erste Mal geküsst?

Infos Die Ausstellung ist das ganze Jahr über zu sehen. Die Eröffnungsperformance von Heike Hennig findet am 23. März 2019 statt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 03. Januar 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2019, 04:00 Uhr